- Neunzig Prozent der Einnahmen gehen wieder für Ausgaben drauf
- Mehrere hunderttausend Euro könnte Humana durch den Wegfall öffentlicher Container verlieren
- 2024 liegen die Ausgaben über den Erlösen. Die kosten stiegen seitdem weiter, sagt die Pressestelle
- Von Jahr zu Jahr verkauft Humana trotzdem mehr Kleidungsstücke
Der perfekte Tag zum Shoppen, denke ich, als ich bei strahlendem Sonnenschein mein Haus verlasse. Schon die ganze Woche freue ich mich auf diesen Samstag, an dem ich in Ruhe in meinem Lieblings-Second-Hand-Shop stöbern werde. An der Straßenecke Lichtensteinstraße/Alserbachstraße gibt es in der Humana-Filiale die beste Auswahl. Als ich um die Ecke biege, in der Überzeugung, gleich die bunte Auslage vor Augen zu haben, tut sich mir ein erschreckendes Bild auf: Der Laden ist leer. Hinter den großen Fenstern ist nicht mal mehr ein einziges altes T-Shirt zu sehen. Ein Blick auf Google bestätigt, mein Lieblings-Humana-Store musste bereits vor einiger Zeit schließen.
Altkleidercontainer und Onlinehandel
Sechzehn Humana-Filialen gibt es aktuell in Wien. Doch der Verein leidet. Ab 2027 sind im öffentlichen Raum Wiens keine Altkleidercontainer mehr erlaubt. Die Container hätten zu massiver Vermüllung geführt, begründet die Stadt die Entscheidung. Humana muss nach Alternativen suchen. Diese Umstellung wird den Verein voraussichtlich mehrere hunderttausend Euro kosten, sagt Pressesprecherin Lydia Schiroky. „Wir suchen nun nach privaten Stellplätzen, wenn öffentliche Stellplätze nicht mehr möglich sind. Auch versuchen wir, die Logistik in unseren Shops noch weiter auszubauen.“ Kunden sollen es einfacher haben, die Kleidung dort abzugeben, sagt Schiroky.
Auch der Onlinehandel ist ein Problem. Immer mehr Menschen nutzen die Plattform Vinted, um ihre alte Kleidung selbst zu verkaufen. Die teureren Stücke fallen für Humana also zunehmend weg. „Mit denen machen wir halt vorrangig das Geld“, sagt Schiroky. Da hilft es auch nichts, dass der Verein von Jahr zu Jahr in Stückzahlen mehr verkauft.
Der Hindernislauf führt Humana zu einem besorgniserregenden Ergebnis. Schon 2024 war das Geschäftsergebnis negativ, dieser Trend setzt sich fort, fürchtet Schiroky. „Mit der Inflation haben alle sehr hohe Kosten und wir hatten weniger Einnahmen. Das ist einfach eine ganz schlechte, simple Rechnung.“
Teuer mit guter Absicht
Fünf bis zehn Prozent spendet Humana People to People an gemeinnützige Organisationen. Neunzig Prozent der Einnahmen gehen wieder für Ausgaben drauf. Die Preise für die einzelnen Produkte versuchen die Mitarbeiter trotzdem fair zu gestalten. Für jedes Kleidungsstück entscheiden sie einzeln, recherchieren nach ähnlichen Produkten und achten auf das Material.
„Alles, was über zwanzig Jahre alt ist, zählt als True Vintage”, sagt Schiroky. Der Preis ist dann entsprechend höher. „Es wird sehr, sehr gut recherchiert, was gewisse Stücke angeht.“ Wenn Mitarbeiter den Verdacht hätten, es handele sich um einen Fake, nähmen sie das Stück aus dem Sortiment.
Die Preisgestaltung kann jedoch nicht jeder nachvollziehen, wie ein Blick ins Internet zeigt. „Humana ist eine Frechheit, die verlangen für gebrauchte H&M-Teile mehr als H&M selbst“, schreibt eine Userin auf Reddit. Schiroky sieht das Problem auch in der unterschiedlichen Wahrnehmung von Qualität. Fast Fashion habe das Bild davon verzerrt, was ein Kleidungsstück wert sein kann.
Die Tvind-Connection: Ein kleines Imageproblem
Ein anderes Thema begleitet Humana seit Jahren: die Verbindung zum dänischen Tvind-Netzwerk. Die Wurzeln reichen bis in die 1970er-Jahre zurück. Schüler und Lehrer aus dem Umfeld der Tvind-Schulen gründeten damals eine Hilfsorganisation, aus deren Umfeld sich später das internationale Netzwerk Humana People to People entwickelte.
Ehemalige Mitglieder und Freiwillige berichten von starkem Druck, Mobbing und einer sektenähnlichen Atmosphäre bei Organisationen aus dem Tvind-Umfeld. Auch das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) äußerte Kritik. Ein früherer Geschäftsführer bezeichnete Humana als „intransparent und unglaubwürdig“.
Zu einem Bericht von ZDF Magazin Royale im Jahr 2024 äußerte sich Humana in einer Stellungnahme und wies jede Schuld von sich. Auch Schiroky liefert dazu keine neuen Antworten. „Eine Sekte gab es nicht und gibt es nicht“, sagt die Pressesprecherin. „Und das würde auch nichts an der Sache ändern, die wir jetzt tun.“ Die Unterstützung von Hilfsprojekten spreche für sich, so die Haltung von Humana.
Ob die Kritik einen Unterschied bei Kunden oder Spendern macht, kann Schiroky schwer einschätzen. Christina (20), langjährige Kundin, lässt sich davon zumindest nicht beeindrucken. „Wenn ich bei H&M einkaufe, wurde nicht mal die Kleidung selbst fair produziert“, sagt sie. „Da ist es im Vergleich sehr viel weniger dramatisch, nur nicht zu wissen, wo das Geld am Ende hingeht.”
Zukunftsvisionen
Muss sich der Verein nun insgesamt Sorgen machen? „Was die Kosten der Sammlung angeht, ist es auf jeden Fall ein Thema“, sagt Schiroky. „Wir haben schon Geschäftslokale gekündigt, wo wir merken, das rentiert sich wirtschaftlich nicht. Zum Beispiel wenn die Mieten zu hoch geworden sind.“
Die größte Hoffnung legt das Unternehmen aktuell auf einen möglichen Zuschuss im Rahmen der erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) für Textilien. Hersteller von Kleidung sollen künftig Abgaben zahlen und sich damit finanziell an Sammlung, Wiederverwendung und Recycling von Alttextilien beteiligen. „Das brauchen wir und da freuen wir uns drauf.” Mit dem Geld will Humana sein neues Recycling-System finanzieren, ohne die öffentlichen Container.
An jenem Samstagnachmittag geht es für mich in einen anderen Humana-Store. Aktuell habe ich ja trotzdem noch eine große Auswahl. Die Zukunft stimmt mich allerdings weniger optimistisch, denke ich, als ich die Eingangstür in der Taborstraße aufdrücke und mir der Geruch alter Kleidung entgegenschlägt. Schirokys Stimme am Telefon klang besorgt. „Wir hoffen einfach, es geht wieder in eine andere Richtung.“
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