Mitten in meiner letzten Schularbeit kam plötzlich der Verdacht auf, ich könnte ein zweites Handy benutzt haben. Nicht, weil mich jemand damit gesehen hatte, sondern weil mein Text offenbar zu gut wirkte. Ich saß da und wusste zuerst gar nicht, was ich darauf sagen sollte. Seit ChatGPT in unseren Klassenzimmern angekommen ist, kann ein guter Text plötzlich auch gegen einen sprechen.
Natürlich verstehe ich, woher dieser Verdacht kommt. Es gibt Schüler, die ihre Hausübung in ChatGPT kopieren und wenige Sekunden später einen fertigen Text zurückbekommen. Besonders viel gelernt haben sie dann vermutlich nicht. Daraus aber abzuleiten, KI möglichst weit aus der Schule herauszuhalten, halte ich für die falsche Reaktion. Die entscheidende Frage lautet längst nicht mehr, ob wir künstliche Intelligenz nutzen. Wir tun es sowieso. Entscheidend ist, wie wir sie nutzen.
Ein guter Prompt macht noch keinen guten Text
Viele stellen sich Schreiben mit KI erstaunlich bequem vor. Thema eingeben, auf „Senden“ drücken und fertig ist der Aufsatz. Wer so arbeitet, bekommt tatsächlich einen Text. Einen wirklich guten bekommt er meistens nicht. Mit Schreiben hat das ungefähr so viel zu tun wie das Aufwärmen einer Tiefkühlpizza mit Kochen.
Wenn ich einen Artikel schreibe, öffne ich ChatGPT deshalb nie als Erstes. Ich beginne mit meinen eigenen Gedanken. Meistens lese ich eine Nachricht oder entdecke ein Thema, das mich interessiert. Erst danach nutze ich KI und sammle weitere Ideen. Dann kommt der Teil, den Kritiker bei der Arbeit mit ChatGPT gerne übersehen. Ich recherchiere. Geht es um Hitzewellen, suche ich Statistiken und Studien, schreibe ich über Bildung, lese ich Berichte und Interviews. Ich überprüfe Quellen und versuche zuerst selbst zu verstehen, worüber ich eigentlich schreibe.
Erst danach bekommt die KI meine Gedanken, Daten und Notizen. Daraus kann sie einen ersten Entwurf erstellen. Fertig bin ich damit noch lange nicht. Ich streiche Absätze, ändere Formulierungen, ergänze Beispiele und schreibe ganze Passagen neu. Manche Sätze klingen nicht nach mir, andere sind einfach nicht gut. Selbst ChatGPT sagt mir auf Nachfrage häufig, meine überarbeitete Version sei besser als seine. So viel zur unfehlbaren künstlichen Intelligenz.
Die Kritiker haben einen Punkt
Ganz so einfach ist meine Verteidigung von KI trotzdem nicht. Wer jede Hausübung von ChatGPT erledigen lässt, wird dadurch kein besserer Schreiber. Schreiben lernt man durch Schreiben, Denken durch Denken. Wer beides ständig an eine Maschine abgibt, darf sich bei der nächsten Schularbeit ohne Hilfsmittel nicht wundern, wenn er Probleme bekommt.
Auch ich kenne die Versuchung. Vor der Matura liegen Schularbeiten, Tests und Abgaben teilweise sehr dicht zusammen. Da wirkt ein komplett KI-generierter Text ziemlich attraktiv. Auch ich habe in Ausnahmefällen schon eine Aufgabe von KI erledigen lassen. Genau deshalb verstehe ich Lehrer, die skeptisch sind. Wir Schüler sollten nicht so tun, als würden alle ChatGPT ausschließlich zum gewissenhaften Recherchieren verwenden.
Dazu kommt ein zweites Argument der Kritiker. KI kann überzeugend klingen und trotzdem Unsinn erzählen. Das österreichische Bildungsministerium warnt selbst davor, KI erfinde Inhalte, übernehme Verzerrungen aus Trainingsdaten und könne Quellen teilweise nicht nachvollziehbar offenlegen. Nur folgt daraus für mich nicht der Schluss, KI muss raus aus der Schule. Wenn ein Werkzeug solche Fehler machen kann und wir es gleichzeitig ständig benutzen, sollte uns die Schule erst recht zeigen, wie wir damit umgehen.
Lehrer verwenden KI längst selbst
Interessant wird die Debatte, wenn wir uns anschauen, wer KI inzwischen noch verwendet. Laut der internationalen OECD-Lehrkräftebefragung TALIS 2024 haben bereits 39 Prozent der österreichischen Lehrerinnen und Lehrer KI für ihre Arbeit genutzt. Von ihnen verwenden 67 Prozent KI, um sich über Themen zu informieren oder Inhalte zusammenzufassen, 65 Prozent erstellen damit Unterrichtspläne oder Aktivitäten.
Offenbar ist dieselbe Technologie also entweder eine gefährliche Schummelmaschine oder ein praktisches Arbeitswerkzeug. Es kommt nur darauf an, auf welcher Seite des Lehrertisches der Laptop steht. Das ist überspitzt, zeigt aber einen Widerspruch. Wenn KI Lehrkräften sinnvoll Arbeit abnehmen kann, warum sollte sie das nicht auch bei Schülern dürfen, solange wir weiterhin selbst denken?
An meiner Schule sehe ich, wie sinnvoll das funktionieren kann. Ein junger Geschichtslehrer nutzt KI zur Vorbereitung seiner Präsentationen. Dadurch spart er Zeit und kann sich im Unterricht stärker um einzelne Schülerinnen und Schüler kümmern. Während wir arbeiten, setzt er sich zu jenen, die Schwierigkeiten haben, beantwortet Fragen und erklärt Inhalte noch einmal persönlich. Ausgerechnet die vermeintlich so unpersönliche KI schafft dadurch mehr Zeit für persönlichen Unterricht.
Die OECD-Zahlen zeigen allerdings auch ein Problem. Von den österreichischen Lehrern, die KI nicht im Unterricht eingesetzt haben, sagen 69 Prozent, ihnen fehle das nötige Wissen und die nötigen Fähigkeiten dafür. Das ist kein Vorwurf. Die Technologie hat sich innerhalb weniger Jahre rasant entwickelt. Es zeigt aber, wie dringend Fortbildungen und klare Regeln gebraucht werden.
Island probiert es einfach aus
Wie das funktionieren könnte, zeigt Island. Von Oktober 2025 bis April 2026 lief dort ein Pilotprojekt mit Hunderten Lehrkräften. Sie bekamen Zugang zu den KI-Programmen Claude oder Gemini sowie Schulungsmaterialien und Unterstützung. Die Lehrer sollten ausprobieren, ob KI bei der Unterrichtsvorbereitung tatsächlich Zeit spart und ihre Arbeit erleichtert.
Eigentlich klingt das fast erschreckend vernünftig. Eine neue Technologie taucht auf, wir probieren sie aus, untersuchen Vorteile und Probleme und entwickeln danach Regeln. Bei uns klingt die Diskussion dagegen manchmal so, als müssten wir zuerst entscheiden, ob KI gut oder böse ist.
Plötzlich ist ein guter Text verdächtig
Und damit bin ich wieder bei meiner Schularbeit. Die Angst vor KI hat längst eine ziemlich absurde Nebenwirkung. Gute Texte stehen teilweise unter Generalverdacht. Natürlich verstehe ich die Vorsicht, niemand möchte einen komplett generierten Aufsatz mit einer Eins bewerten.
Trotzdem sollten Lehrer berücksichtigen, wen sie vor sich haben. Sie kennen ihre Klassen, hören uns im Unterricht sprechen, lesen unsere Schularbeiten und sehen über Jahre, wie wir schreiben. Dieses Wissen sollte mehr wert sein als das Gefühl, ein Satz klinge irgendwie „nach ChatGPT“. Sonst heißt es bald, wer schlecht schreibt, ist wenigstens zweifelsfrei ein Mensch und wer einen richtig guten Text abgibt, muss erst einmal beweisen, ihn selbst geschrieben zu haben.
Vielleicht brauchen wir andere Aufgaben
Statt immer bessere Methoden zu suchen, mit denen Lehrer KI-Texte erkennen sollen, könnten wir die Aufgaben verändern. Wer einen Text mit Unterstützung von KI schreibt, könnte anschließend erklären müssen, welche Quellen er verwendet hat, welche Vorschläge von der KI kamen und welche Passagen er selbst verändert hat.
Ich hätte damit kein Problem. Fragt mich, warum ich einen Absatz so aufgebaut habe. Fragt mich, woher meine Zahlen kommen oder warum ich ein Argument verworfen habe. Wer sich wirklich mit seinem Text beschäftigt hat, kann darauf antworten. Wer fünf Minuten vor der Stunde „Schreib mir einen Aufsatz über künstliche Intelligenz“ eingegeben hat, dürfte ziemlich schnell ins Schwimmen kommen.
Vielleicht müssen wir deshalb weniger darüber diskutieren, welches Werkzeug bei einer Hausübung erlaubt ist. Viel wichtiger wäre die Frage, ob manche unserer bisherigen Hausübungen in einer Welt mit KI überhaupt noch sinnvoll funktionieren. Wenn eine Maschine eine Aufgabe in zehn Sekunden erledigen kann und anschließend niemand überprüft, ob der Schüler etwas verstanden hat, liegt das Problem vielleicht nicht nur bei der Maschine.
Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit der Schüler*innenzeitung campus a college.
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