Wenn die Schule mehr belastet als stärkt
Immer mehr Jugendliche in Österreich fühlen sich durch Schule überfordert. Leistungsdruck, ständige Termine und fehlende Unterstützung setzen ihnen zu. Viele Schülerinnen und Schüler leiden unter Stress, Schlafproblemen oder Ängsten. Wie stark diese Belastung wirklich ist und welche Maßnahmen ihnen helfen könnten, zeigt der Blick auf konkrete Beispiele aus Mittelschulen, sowie aktuelle Studien zur psychischen Gesundheit von Jugendlichen.
Lukas, 14 Jahre alt, seufzt, bevor er überhaupt erzählt, was los ist: „Ich habe wieder Bauchweh wegen der Schularbeit morgen“, sagt er. In den letzten Wochen habe er kaum geschlafen. Immer wieder denkt er darüber nach, ob er den Stoff überhaupt versteht und ob die Note gut genug wird. „Mein Herz rast oft schon beim Aufwachen“, sagt Lukas. Dabei blickt er so müde, wie sich sein Alltag anfühlen muss.
Viele Jugendliche in Österreich erleben Schule ähnlich. Die Ergebnisse der WHO‑HBSC‑Studie zur Gesundheit von Schülerinnen und Schülern zeigen, wie hoch die psychische Belastung bei Jugendlichen ist. Dreißig Prozent der Mädchen und fast ein Fünftel der Burschen berichten über Unzufriedenheit mit ihrem Leben. Sie geben an häufig gereizt oder nervös zu sein oder Schwierigkeiten beim Einschlafen zu haben.
Aktuelle Erhebungen im Österreichischen Bildungsklima‑Index bestätigen: Rund 23 Prozent der Schüler und Schülerinnen bewerten ihre psychische Belastung in der Schule als „sehr stark“ und weitere neun Prozent als „stark“. Leistungsdruck und schulische Anforderungen sind die Hauptfaktoren.
Strukturelle Herausforderungen und Ausbildungen
Ein zentraler Grund dafür ist die Ausrichtung der Schulen auf Leistung, Noten und Ergebnisse, ohne ausreichend Unterstützung für die psychische Gesundheit einzubauen. Lehrkräfte sind zwar bestens darin ausgebildet, Lernstoffe zu vermitteln, doch Themen wie psychische Gesundheit, Konfliktmanagement oder emotionale Unterstützung haben in der Lehrerausbildung häufig keinen Platz.
Pädagogische Hochschulen und Universitäten bieten zwar optionale Module zu Konfliktprävention oder psychosozialer Kompetenz an, doch diese sind nicht verpflichtend für alle angehenden Lehrer und Lehrerinnen. Viele Lehrpersonen bekommen in ihrer Ausbildung also nur punktuelle, fakultative Einblicke in diesen Bereichen, anstatt systematisch darauf vorbereitet zu werden. Fortbildungen und Lehrgänge zu Themen wie „Tools und Methoden zur Stärkung der Gesundheitskompetenz“ oder „Konfliktprävention und psychosoziale Unterstützungssysteme“ existieren zwar für Pädagoginnen. Sie sind aber oft zusätzlich und nicht Teil des Grundcurriculums.
„Die Ergebnisse machen eines klar: Hier besteht dringender Handlungsbedarf, und zwar an ganz unterschiedlichen Stellen“, betont Professor Paul Plener, Leiter der Universitätsklinik für Kinder‑ und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien. Er stellte in einer österreichischen Studie fest, dass rund 16 Prozent der befragten Jugendlichen häufig oder sehr häufig suizidale Gedanken haben. Ein alarmierend hoher Wert, der weit über früheren Erhebungen liegt.
Überforderung im Schulalltag: „Innerlich blockiert“
In einer Mittelschule schildert eine Lehrkraft folgendes Bild: Wenn Leistungsdruck zunimmt, zeigen Jugendliche häufig Nervosität oder Vermeidungsverhalten. Sie ziehen sich zurück. Einige Schüler und Schülerinnen meiden Augenkontakt oder Gruppenarbeit, andere zeigen Aggression oder Überforderung bevor der Unterricht beginnt. „Wenn es um Noten geht, sehe ich häufig, wie Jugendliche schon vor Fragen innerlich blockieren“, erzählt die Pädagogin, die anonym bleiben will. Das ist nicht nur ein individuelles Problem, sondern Teil einer systemischen Belastung.
Ein weiteres Beispiel ist Sara. Die 15-jährige, beschreibt ihre Zeit zwischen Schule, Verein, Nachhilfe und Prüfungen als „Dauerschleife“. „Ich habe das Gefühl, ich funktioniere nur noch“, sagt sie. „Ich denke ständig darüber nach, wie ich alles schaffen soll.“ In solchen Momenten wird klar, wie stark Schule, außerschulische Anforderungen und Erwartungen an Leistung zusammenwirken und junge Menschen überfordern.
Wie im Schulalltag mit Überforderung umgegangen wird
Noch immer dominieren in vielen Schulen traditionelle Reaktionen: Disziplinarmaßnahmen bei Störungen, Leistungsbewertungen allein durch Prüfungen und Noten. Schülerinnen und Schüler sollen „funktionieren“, so ist die Erwartung. Unterstützung gibt es oft nur sporadisch durch einzelne Schulpsychologinnen oder beratende Lehrerinnen, falls überhaupt vorhanden. In manchen Schulen fehlt es vollständig an psychosozialer Unterstützung. Lehrer und Lehrerinnen berichten, dass sie oft gar nicht die Zeit oder Fortbildung haben, um angemessen auf psychische Belastungsanzeichen zu reagieren.
Im Gegensatz dazu zeigen einige Reformschulen, wie ein anderer Umgang möglich ist. In bestimmten Schulen wird wöchentlich Zeit für Stress‑Check‑Ins, Achtsamkeitsübungen und offene Gespräche eingeplant. Dort sind Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter, Beratungsangebote und feste Sprechzeiten für psychische Gesundheit Teil des Schulalltags. Mit positiven Effekten: Schüler und Schülerinnen fühlen sich gehört, Lehrpersonen sind entlastet und das allgemeine Klassenklima verbessert sich spürbar.
Gesundheitsfördernde statt belastender Schule
Psychische Gesundheit im Schulalltag wirkt sich direkt auf Lernleistung, Lebenszufriedenheit und soziale Teilhabe aus. Es braucht Maßnahmen wie verpflichtende Module zu psychischer Gesundheit und Konfliktmanagement in der Lehrerausbildung oder garantierte schulpsychologische Unterstützung an allen Schulen. Auch regelmäßige Reflexions‑ und Entlastungszeiträume für Lehrpersonen, könnten helfen. Genauso wie leicht zugängliche Beratungs‑ und Präventionsangebote für Jugendliche.
Ein starkes, gesundheitsförderndes Schulsystem muss nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch auf die emotionalen Bedürfnisse von Jugendlichen eingehen. Nur so können junge Menschen nicht nur leistungsfähig, sondern auch resilient, selbstbewusst und psychisch gestärkt in ihre Zukunft gehen. Wir sind es Kindern wie Lukas und Sara schuldig.
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