Ein Klingelton kündigt den Videoanruf an, ein violetter Balken blinkt am rechten Bildschirmrand. Teams ruft zur Besprechung. Sandra klickt auf das Fenster und tritt bei. Die Video-Hintergründe verraten, wer im Büro sitzt und wer, wie die Mehrheit, von zuhause zugeschaltet ist.
Smalltalk kommt nicht auf. Nach der Begrüßung schalten alle ihre Mikrofone stumm, die Agenda läuft als Präsentation im Hintergrund. Wer sich zu Wort melden will, hebt virtuell die Hand. Manche verlassen die Besprechung vorzeitig. Andere tippen auffällig aufs Smartphone oder schalten die Kamera aus. Fragen fallen knapp aus, Antworten ebenso. Auf dem Papier ist alles geregelt. Ein Punkt fehlt jedoch auf der Agenda, das Zwischenmenschliche.
Wenn die Nähe fehlt, leiden die Gewerkschaften
Das Phänomen trifft auch die Gewerkschaften. Der Österreichische Gewerkschaftsbund, kurz ÖGB zählte 2025 rund 1,19 Millionen Mitglieder, etwa 22.800 weniger als 2019, im letzten Jahr vor der Pandemie. Seit dem Höchststand von 1,66 Millionen Mitgliedern Anfang der 1980er-Jahre ist die Zahl um mehr als ein Viertel gesunken.
Genau diesen Verlust beobachtet Barbara Teiber in der Praxis. „Wenn die Beschäftigten wirklich überwiegend Homeoffice machen, leidet der persönliche Kontakt“, sagt die GPA-Vorsitzende im Gespräch mit campus a. „Gerade der Austausch untereinander und die Beziehung zum Vorgesetzten. Die Kollegialität auch.“ Wer neu ist, bekomme das besonders zu spüren, sagt die Nationalratsabgeordnete (SPÖ).
„Vieles lebt einfach vom persönlichen Kontakt. Zur Stimme, zum Gesicht“, sagt Teiber. Viele Betriebsräte stellen sich darauf ein, informieren die Belegschaft regelmäßig über WhatsApp und E-Mail und veranstalten virtuelle Informationsveranstaltungen und Betriebsversammlungen. Die fehlende Sichtbarkeit im Betrieb wird trotzdem oft zum Nachteil, sagt sie. Wer nicht im Büro ist, verpasse Chancen zur Weiterentwicklung. Das treffe vor allem junge Frauen, sagt sie. „Wenn sie nicht gesehen werden, sind sie nicht präsent.“
Mitbestimmung unter neuen Vorzeichen
„Betriebsräte und Personalvertretungen müssen Beschäftigte heute stärker über digitale Kanäle erreichen und einbinden“, sagt auch Dietmar Meister von der ÖGB. Gute Kommunikation und die Einbindung der Belegschaft seien wichtige Voraussetzungen für erfolgreiche betriebliche Veränderungen, sagt er. „Daher müssen Mitbestimmungsrechte auch in digitalen Arbeitsformen umfassend sichergestellt werden.“
Teiber kennt das aus der betrieblichen Praxis. Der persönliche Kontakt zur Belegschaft bleibe für Betriebsräte zentral, digitale Kanäle ergänzten ihn zunehmend.
Mitglieder gewinnen ohne Klingeln an der Tür
Wie erreichen Gewerkschaften Beschäftigte, die kaum noch ins Büro kommen? Teiber setzt neben dem Betrieb auf Social Media, thematische Aktionswochen und die direkte Ansprache auf der Straße oder in Einkaufszentren. Social Media steigert die Bekanntheit, führe aber nicht automatisch zu mehr Mitgliedschaften, sagt sie. „Wir erlangen Bekanntheit, die Leute kriegen was mit, aber online Mitglieder zu gewinnen, ist eine Herausforderung.“ Der entscheidende Schritt zum Beitritt bleibe für die meisten ein persönliches Gespräch, meist mit einem Betriebsrat oder einer Betriebsrätin.
Meister sieht das ähnlich. Gewerkschaften müssten dort präsent sein, wo Beschäftigte arbeiten, sagt er, mit digitalen Informations- und Beratungsangeboten, virtuellen Vernetzungstreffen und Online-Betriebsversammlungen. „Gleichzeitig bleibt der persönliche Austausch unerlässlich“, so Meister. Die gewerkschaftliche Organisation müsse deshalb digitale und persönliche Angebote verbinden. Er rät Beschäftigten in Betrieben mit hohem Homeoffice-Anteil, sie sollten aktiv Kontakt zu anderen Beschäftigten suchen und sich vernetzen, auch digital. „Mitbestimmung lebt jedenfalls von Beteiligung und Zusammenhalt“, sagt er. „Und die ist unabhängig davon, ob die Arbeit im Betrieb oder im Homeoffice geleistet wird.“
Der Preis der Freiheit
„Vor der Pandemie war Homeoffice ein Minderheitenprogramm“, sagt Teiber. Danach habe es einen Ansturm darauf gegeben. Zum Problem könnten die verkleinerten Büroflächen mancher Unternehmen werden, sagt sie. „Es hat gar keine eigenen Arbeitsplätze für diejenigen mehr gegeben, die eine bewusste Trennung zwischen Zuhause und Arbeitsplatz wollten“, sagt Teiber. Wer später kommt, finde keinen Schreibtisch mehr, wer auf das Auto angewiesen ist, keinen Parkplatz. „Homeoffice sollte kein Zwang sein“, sagt sie. Ein eigener Arbeitsplatz im Betrieb habe einen Wert.
Auch die Wohnverhältnisse spielen laut Teiber eine Rolle. Nicht alle Beschäftigten haben eine klimatisierte, ruhige Wohnung. In manchen Berufen gibt es Homeoffice ohnehin nicht, etwa im Gesundheitsbereich oder im Handel, wo der persönliche Kontakt entscheidend ist. Einen Vorteil sieht Teiber trotzdem. Wer einen langen Arbeitsweg hat, spart sich durch einzelne Homeoffice-Tage Zeit.
Zurück im Videoanruf verabschiedet sich niemand einzeln. Ein Klick und der Bildschirm wird schwarz, die Gesichter verschwinden aus dem Raster. Digitale Kanäle erreichen heute mehr Beschäftigte als früher, das sagen Teiber und Meister unabhängig voneinander. Die gemeinsame Pause und das kurze Gespräch am Gang, ersetzen sie bisher nicht. Genau das fehlte in Sandras Besprechung, das Zwischenmenschliche. Homeoffice bleibt, die Herausforderungen für Gewerkschaften ebenso. Wie viel Nähe können sie aus der Distanz noch herstellen?
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