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Some stories must not disappear into silence: Interview mit dem gefeierten "77 Hours“-Regisseur Vahid Mahdavi

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Volontär · Medizinische Universität Wien
28.09.2026
4 Min.

Der Kinofilm 77 Hours des iranischen Regisseurs Vahid Mahdavi ist von dem Massaker des 8. und 9. Januar 2026 im Iran inspiriert. Das politische Drama verbindet die Arbeit realer Schauspieler mit Rekonstruktionen und KI-gestützten visuellen Elementen und wurde international als „Best Narrative Film“ und „Best Hybrid Film“ ausgezeichnet. Mahdavi spricht über die Entstehung des Films, den Einsatz künstlicher Intelligenz und außergewöhnlich emotionalen Reaktionen des Publikums.

77 hours (Foto: Privat)

campus a: Beginnen wir mit dem Titel. Warum „77 Hours“? Was steckt hinter diesen 77 Stunden?

Vahid Mahdavi: Der Titel steht für einen begrenzten Zeitraum, in dem sich für die Menschen alles verändern kann. Es geht um Stunden voller Angst, Unsicherheit und Entscheidungen, die manchmal innerhalb weniger Sekunden getroffen werden müssen. Aber 77 Hours steht für mich auch symbolisch für Erinnerung. Was Menschen in wenigen Stunden erleben, kann sie für den Rest ihres Lebens begleiten.

campus a: Der Film ist von realen Ereignissen im Iran inspiriert, aber Sie haben bewusst keinen Dokumentarfilm gemacht. Warum einen Spielfilm?

Vahid Mahdavi: Weil ich nicht nur zeigen wollte, was passiert ist, sondern auch, was solche Ereignisse mit einem Menschen machen. Ein Dokumentarfilm arbeitet vor allem mit Fakten, Bildern und Zeugnissen. Ein Spielfilm gibt mir zusätzlich die Möglichkeit, den Zuschauer emotional in die Situation eines Menschen hineinzubringen – seine Angst, seine Unsicherheit, seine Schuldgefühle und seinen Überlebenswillen.Deshalb ist 77 Hours keine Dokumentation. Es ist eine dramatische Erzählung, die von realen Ereignissen und Augenzeugenberichten inspiriert wurde.

campus a: Im Mittelpunkt stehen gewöhnliche Menschen. Wie viel von dem, was wir sehen, basiert tatsächlich auf Erlebnissen und Augenzeugenberichten?

Vahid Mahdavi: Der Film arbeitet mit Material, das von Augenzeugen und realen Erfahrungen beeinflusst ist. Aber die Figuren und ihre Geschichte sind Teil einer dramatischen Erzählung.

Mir war wichtig, nicht nur politische Ereignisse zu zeigen. Hinter jedem solchen Ereignis stehen Menschen: jemand hat Angst, jemand versucht einen anderen zu retten, jemand verliert einen Menschen, jemand muss eine Entscheidung treffen. Ich wollte diese menschliche Perspektive in den Mittelpunkt stellen.

campus a: Eine Besonderheit von 77 Hours ist der Einsatz künstlicher Intelligenz. Warum haben Sie KI verwendet?

Vahid Mahdavi: Wir waren eine unabhängige Produktion ohne die Möglichkeiten eines großen Hollywood-Studios. KI hat uns geholfen, visuelle Umgebungen und Situationen zu schaffen, die mit unseren Ressourcen sonst kaum realisierbar gewesen wären. Aber die menschliche Ebene musste real bleiben. Deshalb arbeiten wir mit echten Schauspielern und realen Performances. Die KI ist für mich ein filmisches Werkzeug – sie darf nicht die menschliche Erfahrung ersetzen. Gerade wenn ein Film von realer Gewalt inspiriert ist, muss man sehr vorsichtig damit umgehen, was man rekonstruiert und wie man es zeigt.

campus a: Die Reaktionen des Publikums waren teilweise extrem. Menschen haben geweint oder saßen nach dem Abspann schweigend im Kino. Bei einzelnen Vorstellungen musste sogar medizinische Hilfe gerufen werden. Haben Sie damit gerechnet?

Vahid Mahdavi: Nein, nicht in diesem Ausmaß. Als Filmemacher hofft man natürlich, dass ein Film Menschen berührt. Aber wenn man im Kino sitzt und merkt, dass nach dem Ende zunächst niemand spricht oder Menschen weinen, dann ist das etwas völlig anderes. Bei einigen Vorführungen wurden Zuschauer während besonders intensiver Szenen sogar körperlich unwohl und es musste medizinische Hilfe gerufen werden. Das zeigt natürlich, wie stark manche Szenen auf Menschen wirken können. Für mich sind aber auch die Gespräche danach wichtig. Der Film endet auf der Leinwand – aber die Auseinandersetzung damit soll danach weitergehen.

campus a: Sie sprechen nach den Vorführungen persönlich mit den Zuschauern. Gab es eine Reaktion, die Sie besonders berührt hat?

Vahid Mahdavi: Es sind vor allem die Momente, in denen Menschen zunächst gar nicht wissen, was sie sagen sollen. Manche iranische Zuschauer verbinden das Gesehene mit eigenen Erinnerungen oder mit Erlebnissen ihrer Familien. Und bei nicht-iranischen Zuschauern merkt man manchmal, dass ihnen plötzlich eine Realität nähergekommen ist, die vorher sehr weit entfernt erschien.

campus a: Genau das interessiert mich: Wie reagieren nicht-iranische Zuschauer? Ist 77 Hours eine iranische Geschichte oder eine universelle Geschichte?

Vahid Mahdavi: Beides. Der historische und politische Hintergrund ist iranisch. Aber Angst, Verlust, Schuld, Opferbereitschaft und der Wunsch zu überleben sind universell. Man muss kein Iraner sein, um zu verstehen, was es bedeutet, wenn ein gewöhnlicher Mensch plötzlich vor einer schmerzvollen außergewöhnlichen Situationen steht. Vielleicht erklärt das auch, warum der Film außerhalb der iranischen Community Menschen erreicht.

campus a: Der Film ist inzwischen von Zehntausenden Menschen gesehen worden – von Großbritannien über Kanada und Dänemark bis nach Österreich und Deutschland. Ihr Ziel sind 500 Kinoleinwände weltweit. Warum setzen Sie so stark auf das Kino und nicht sofort auf Streaming?

Vahid Mahdavi: Weil Kino eine gemeinsame Erfahrung schafft. Wenn hundert oder mehrere hundert Menschen gemeinsam einen Film sehen, gemeinsam still werden und danach miteinander sprechen, entsteht etwas, das man zu Hause vor einem Bildschirm nur schwer reproduzieren kann. Deshalb verfolgen wir momentan dieses ungewöhnliche Modell mit einzelnen Kinoveranstaltungen in verschiedenen Städten. Wir bauen die internationale Verbreitung praktisch Stadt für Stadt auf.

campus a: Zum Schluss möchte ich einen Satz von Ihnen aufgreifen: „Some stories must not disappear into silence.“ Was soll ein junger Iraner, der 77 Hours vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren sieht, aus diesem Film mitnehmen?

Vahid Mahdavi: Dass Erinnerung wichtig ist. Gewalt betrifft nicht nur diejenigen, die sie unmittelbar erleben. Sie hinterlässt Spuren in Familien, in einer Gesellschaft und manchmal über Generationen hinweg. Deshalb dürfen bestimmte Geschichten nicht einfach verschwinden. Menschen müssen erfahren können, was andere erlebt haben. Wenn 77 Hours dazu beiträgt, dass Menschen sich erinnern, Fragen stellen und über dieses Massaker sprechen, dann hat der Film für mich etwas Wichtiges erreicht. Denn genau darum geht es für mich: Some stories must not disappear into silence.

Campus a: Herzlichen Dank fürs Gespräch.

Interview

Interview mit Regisseur V. Mahdavi (rechts im Bild)Mirzaei


Anmerkung Campus a:

Nach der veröffentlichten Gewinnerliste des AI International Film Awards erhielt 77 Hours zwei Auszeichnungen:

  1. Best Narrative Feature
  2. Best Hybrid AI Film




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