Daviy lehnt sich auf seinem Stuhl zurück und rückt seine Brille gerade. Er ist Mitglied einer der Hausgruppen hier und nimmt regelmäßig am Hausplenum teil. Er sitzt mit rund 25 anderen Freiwilligen an einem großen Tisch im Kulturzentrum Amerlinghaus. Vor ihm liegen ein Notizblock und ein Kugelschreiber. Am anderen Ende des Raumes diskutieren die anderen Mitglieder und stimmen ab, wie es mit dem Kulturprojekt weitergeht. Die Stimmung ist vertraut und lebendig. Daviy spricht mit campus a ihm über das Zentrum, und auch über eine mögliche erneute Besetzung des Amerlinghauses.
Nach 50 Jahren Tradition droht dem Kulturzentrum am Spittelberg die Schließung. Die Stadt Wien hat Ende verganenen Jahres die Basisförderung massiv gekürzt. Von rund 330.000 Euro Förderung war dann nur mehr ein Betrag von etwa 137.000 Euro übrig. Unter dem Motto „Krise braucht Kultur“ engagieren sich Daviy und seine Mitstreiter seit Monaten für das Überleben des Amerlinghauses.
Mehr als die Hälfte der Förderungen gestrichen
„Wir feierten das 50-jährige-Jubiläum vom Kulturzentrum“, erinnert sich Daviy an das vergangene Jahr zurück „Die Repräsentanten aus der Politik haben sich dabei mit den Förderungen für 2026 sehr zurückgehalten.“ Kurz darauf kamen die genauen Zahlen.
Es sei gerade noch so viel Geld da, um die Miete für das Jahr 2026 zu bezahlen, sagt er. „Wir fragten uns alle, wie lange wir hier überhaupt noch sein dürfen, als die Information über die Kürzungen offengelegt wurden“, so Daviy. „Ich glaube für 2027 planen derzeit nur noch sehr wenige Gruppen Projekte.“
Von vier Vollzeitangestellten im Büro ist nur noch einer da, den Rest musste das Kulturzentrum entlassen. Und auch der letzte Mitarbeiter ist voraussichtlich nur mehr bis August da, auch die Reinigungskraft ist in Teilzeit angestellt. „Durch die drastische Stunden- und Personalreduzierung muss sich das Kulturzentrum jetzt komplett in Selbstverwaltung versuchen“, sagt Daviy im Gespräch mit campus a. „Wir freuen uns aber immer über Menschen, die sich einbringen und helfen wollen“, sagt er. „Auch wenn sie noch nichts mit dem Amerlinghaus zu tun hatten.“

Bezirksvorsteher sieht die Verantwortung bei der Stadt
„Die Verantwortung für die langfristige Absicherung liegt bei der Stadt, so wie in den letzten fünfzig Jahren auch“, sagt Markus Reiter, Bezirksvorsteher Neubau, gegenüber campus a. „Hier ist die Stadtregierung in ihrer Gesamtheit gefordert.“ Das Haus sei nicht nur für den Bezirk, sondern auch darüber hinaus für Wien von Bedeutung. „Als Bezirk haben wir das Amerlinghaus in der Vergangenheit mit punktuellen Kulturförderungen unterstützt und uns politisch für seinen Erhalt eingesetzt“, sagt er. „Das werden wir auch weiterhin tun.“
Die Bezirksvertreter von den GRÜNEN, der SPÖ, sowie der KPÖ/Links haben in einem politischen Beschluss Solidarität gegenüber dem Kulturzentrum ausgesprochen und an die Stadt Wien um dessen Erhalt appelliert. Für Markus Reiter ist klar: „Wir werden den politischen Druck gemeinsam mit den vielen großartigen Initiativen im Amerlinghaus aufrechterhalten und das Haus dort unterstützen, wo wir als Bezirk Möglichkeiten haben.“
„Solche Räume für profitfreie Kultur, soziale Projekte und politischen Diskurs müssen wachsen“, sagt Daviy. „Wenn diese Räume entfernt werden, wird es lange dauern bis so etwas wieder entstehen kann.“ Im Haus sehen sie die Kürzungen als Angriff gegen die freie Kulturszene. Kultur dürfe nicht zu etwas werden, wofür die Menschen bezahlen müssen, sagt Daviy. Im Februar startete das Amerlinghaus also einen Spendenaufruf gegen die mögliche Schließung. Sie sammelten knapp 40.000 Euro, sagt Daviy. „Das ist sehr großzügig von der Gesellschaft, aber es ist halt zu wenig.“
„Wir müssen sparen, es gibt kein Geld“
Das Kulturzentrum zahlt ihre Miete an die GESIBA. Das gemeinnützige Wohnungsunternehmen gehört zu 99,9% der Stadt und verwaltet tausende Immobilien in Wien. Das Zentrum teilt sich das Gebäude mit dem Amerlingbeisl, dem Gastronomiebetrieb im Erdgeschoss. Das Beisl hätte einen eigenen Mietvertrag mit der GESIBA, sagt Daviy.
Zwischen den Nachbarn soll es wohl Reibungspunkte gegeben haben, so ein Tätigkeitsbericht des Amerlinghauses. Dabei sei es um die Aufteilung der Betriebskosten und um die Nutzung des Innenhofes gegangen sein, den nutzt fast ausschließlich das Beisl. Das Beisl äußerte sich auf Anfrage von campus a nicht zum Kulturzentrum. Daviy vermutet, sollte es tatsächlich zu einer Schließung kommen, würde das Beisl wahrscheinlich den Großteil des Hauses übernehmen.

Die Stadt bezieht sich auf den Sparzwang
Die Budgetkürzungen seien kein Symbolprogramm, sondern ein „klarer finanzpolitischer Kurs, überlegt und mit Prioritäten“, sagt das Bildungsressort der Stadt Wien unter Stadträtin Bettina Emmerling (NEOS). Die Budgetsituation sei aufgrund der hohen Inflation und steigender Fixkosten herausfordernd. Der Fokus liegt dabei „auf Investitionen, die direkt und nachhaltig Chancengerechtigkeit sichern.“ Kultur- und Community-Zentren wie das Amerlinghaus müssten sich wirtschaftlich stabil aufstellen und könnten nicht mehr aus dem Bildungsbudget finanziert werden, so die Stadt. Welche Pläne sie für die Immobilie künftig haben, ließ die Stadt auf Anfrage von campus a, offen.
„Ich habe das Gefühl, die haben uns alles gesagt und warten nun, bis das Jahr um ist“, so Daviy. Die Gespräche mit Emmerling seien für das Amerlinghaus wirklich enttäuschend gewesen, sagt er. „Da haben wir den klassisch-neoliberalen Ratschlag bekommen, wir könnten die Räume ja besser spendenden Klientel zur Verfügung stellen.“
Im Frühjahr wurde dem Kulturzentrum eine Räumungsklage geschickt, die sie beanstanden konnten. „Ich nehme an, das Nächste, was wir von ihnen hören werden, wird eine Mahnung, Kündigung oder Räumungsklage sein“, sagt Daviy.
Das Kulturzentrum gibt nicht auf
„Einige Mitglieder aus verschiedenen Hausgruppen würden, wenn sich das Geld nicht finden lässt, die Möglichkeit der Hausbesetzung in Betracht ziehen“, sagt Daviy. „Aus meiner Sicht wird es darauf hinauslaufen.“ 51 Jahre nach der letzten Besetzung, könnte das Amerlinghaus also bald wieder besetzt werden.
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