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Ab wann ist Hass eigentlich strafbar?

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28.06.2026
5 Min.

Das Internet verbindet Menschen, ermöglicht Diskussionen und bietet Zugang zu unzähligen Informationen. Gleichzeitig verbreiten sich aber Hass und digitale Gewalt dort oft schneller als im echten Leben. Wo endet die Meinungsfreiheit und wo beginnt strafbarer Hass? Und welche Rechte und Pflichten haben Jugendliche im digitalen Raum? Diese Fragen hat der Kommunikationswissenschaftler Jörg Matthes in einem Online-Vortrag beantwortet.

Die eher kleine Menge an hasserfüllten Kommentaren erhält durch Algorithmen oft mehr Aufmerksamkeit. (Foto: Shutterstock)

„Hass im Netz“ war das Thema eines Vortrags des Medien- und Kommunikationswissenschaftlers. Er zeigte, wie stark Medien unsere Emotionen, unsere Kommunikation und sogar unsere politischen Einstellungen beeinflussen. Gerade deshalb ist es wichtig, Informationen und Inhalte kritisch zu hinterfragen und ihre psychologische Wirkung zu verstehen, sagt er.

Hass im Internet ist weit verbreitet und wird mit Methoden wie Befragungen, Umfragen und Inhaltsanalysen erforscht. Doch schon die grundlegende Frage ist nicht leicht zu beantworten. Wo endet eine freie Meinungsäußerung und wo beginnt Hate Speech? Oft heißt es, Hass liege „im Auge des Betrachters“. Tatsächlich gibt es aber drei klare Abstufungen. Unhöflichkeit ist zwar verletzend, aber meist nicht strafbar. Gezielte Intoleranz oder Inakzeptanz gegenüber bestimmten Menschengruppen kann bereits Hate Speech sein. Werden Menschen bedroht oder zu Gewalt gegen sie aufgerufen, ist die Grenze zur Strafbarkeit überschritten.

Meinungsfreiheit gehört zu den wichtigsten Grundrechten einer Demokratie. Sie ermöglicht unterschiedliche Meinungen und offene Debatten. Gleichzeitig endet sie dort, wo die Rechte anderer verletzt oder Menschen bedroht und diskriminiert werden. Deshalb stellt sich die Frage, wie stark soziale Netzwerke reguliert werden sollten. Viele fordern angesichts zunehmender Hasskommentare strengere Regeln, beispielsweise durch die Europäische Union. Andere warnen davor, dass zu starke Regulierung die Meinungsfreiheit einschränken könnte. Die Herausforderung besteht darin, beides miteinander zu vereinbaren.

Warum Hass im Netz so schnell wächst

Warum verbreitet sich Hass online oft schneller als im echten Leben? Ein Grund ist, dass Menschen die unmittelbare Reaktion ihres Gegenübers nicht sehen. Mimik, Gestik und Gefühle fehlen, wodurch die Hemmschwelle sozusagen sinkt.

Hinzu kommt, dass Hass besonders viel Aufmerksamkeit erzeugt. Inhalte, die starke Gefühle wie Wut oder Empörung auslösen, werden häufiger angeklickt, geteilt und kommentiert. Manche Menschen veröffentlichen bewusst provokante Beiträge, weil sie sich Zustimmung oder einfach Aufmerksamkeit erhoffen.

Auch die Funktionsweise sozialer Medien trägt dazu bei. Algorithmen zeigen häufig Inhalte, die mit den bisherigen Ansichten der Nutzerinnen und Nutzer übereinstimmen. Dadurch setzt man sich immer seltener mit anderen Meinungen auseinander. Es entstehen sogenannte Echokammern oder „Rabbit Holes“, in denen vor allem Menschen mit der gleichen Meinung miteinander kommunizieren. Das verstärkt die gesellschaftliche „Polarisierung“.

Unterschiedliche Meinungen entfernen sich immer weiter voneinander und eine sogenannte Polarisierungsspirale entsteht. Menschen hören einander weniger zu, Missverständnisse nehmen zu und sachliche Diskussionen werden schwieriger. Deshalb bezeichnete Herr Matthes soziale Medien auch als „Affekt-Medien“, was bedeutet, dass Inhalte, die starke Emotionen hervorrufen, sich besonders erfolgreich verbreiten.

Wer besonders betroffen ist

Hate Speech trifft nicht alle Menschen gleichermaßen. Studien zeigen, dass Mädchen und Frauen, LGBTQIA+-Personen sowie andere Minderheiten deutlich häufiger Opfer von Beleidigungen, Diskriminierung oder Bedrohungen werden. Diese sogenannte „Viktimisierung“ hat weitreichende Folgen.

Viele Betroffene ziehen sich aus sozialen Netzwerken oder öffentlichen Diskussionen zurück. Dadurch beteiligen sie sich seltener an politischen Debatten oder gesellschaftlichen Themen. Das schadet nicht nur den Betroffenen selbst, sondern auch der Demokratie, denn diese lebt davon, dass möglichst viele Menschen ihre Meinung äußern können.

Dazu kommt ein gefährlicher Teufelskreis. Wer immer wieder Hass erlebt, entwickelt mit höherer Wahrscheinlichkeit selbst feindselige Einstellungen oder schließt sich radikaleren Gruppen an. Deshalb reicht es nicht aus, nur Hasskommentare zu löschen. Wichtig ist vor allem, die Ursachen des Hasses und der gesellschaftlichen Polarisierung zu bekämpfen, wie im Vortrag stark betont wurde.

Gesetzliche Rechte und ethische Pflichten

Auch im Internet gilt das Gesetz, denn soziale Netzwerke sind kein rechtsfreier Raum. Jugendliche haben das Recht, ihre Meinung frei zu äußern. Gleichzeitig tragen sie die Verantwortung für das, was sie veröffentlichen. Beleidigungen, Drohungen oder diskriminierende Aussagen sind zum Beispiel strafbar.

Wer selbst von Hate Speech betroffen ist, sollte möglichst ruhig bleiben, die Situation nicht weiter anheizen, Beweise sichern und Hilfe bei Eltern, Lehrkräften oder anderen Vertrauenspersonen suchen, rät Herr Matthes. Ebenso wichtig ist das Verhalten derjenigen, die Hass beobachten. Wer Betroffene unterstützt oder Hass meldet, kann dazu beitragen, die digitale Gewalt einzudämmen.

Welche Verantwortung tragen Plattformen selbst?

Plattformen wie TikTok, Instagram oder X stehen ebenfalls in der Verantwortung. Sie müssen gegen strafbare Inhalte vorgehen und dürfen Hass nicht ungehindert verbreiten lassen. Gleichzeitig ist es oft schwierig festzulegen, wo genau eine Meinungsäußerung endet und Online-Hass beginnt.

Allerdings lösen Verbote allein das Problem nicht. Werden problematische Inhalte nur gelöscht, ziehen sich manche Menschen in abgeschottete Gruppen oder schon erwähnte „Rabbit Holes“ zurück, in denen sie sich ihre Meinungen gegenseitig bestätigen. Deshalb muss nicht nur der Hass selbst bekämpft werden, sondern auch seine Ursachen.

Außerdem verfolgen die sozialen Medien vor allem wirtschaftliche Interessen. Plattformen möchten ihrem Geschäftsmodell nicht schaden und treffen deshalb nicht immer konsequent Maßnahmen gegen Hass. Gleichzeitig nehmen manche Plattformen auch politische Positionen ein. Als Beispiel wurde im Vortrag die Übernahme von Twitter genannt, die viele Diskussionen über den Umgang mit Hassrede und Moderation ausgelöst hat.

Trotz aller Probleme überwiegen die positiven Möglichkeiten sozialer Medien, laut Herrn Matthes. Sie ermöglichen Austausch, Information und Gemeinschaft. Deshalb wäre ein Verbot keine sinnvolle Lösung. Viel wichtiger ist ein verantwortungsvoller Umgang mit den Plattformen und eine bessere Gestaltung ihrer Algorithmen und technischen Infrastruktur.

KI als Hilfe oder als weiterer Problememacher?

Auch Künstliche Intelligenz verändert den Umgang mit Hate Speech. Deepfakes oder täuschend echte KI-Inhalte können Fake News und Hass verstärken. Gleichzeitig kann die KI helfen, Kommunikation sachlicher oder friedlicher zu formulieren und Aussagen abzuschwächen. Sie kann also sowohl helfen, das Problem zu beheben, als auch zu weiteren Problemen führen, je nachdem, wie sie eingesetzt wird.

Die Wichtigkeit der Medienkompetenz

Schulen allein können Jugendliche kaum vollständig auf die schnelle Entwicklung des Internets vorbereiten. Deshalb tragen auch Eltern, Politiker und Politikerinnen sowie die Plattformbetreiber Verantwortung. Entscheidend ist vor allem die Förderung von Medienkompetenz. Wer versteht, wie Algorithmen funktionieren, Inhalte kritisch hinterfragt und unterschiedliche Perspektiven zulässt, ist weniger anfällig für Manipulation, Polarisierung und Hate Speech.

Sichere Räume im Internet entstehen deshalb nicht allein durch Gesetze oder Verbote. Sie entstehen vor allem durch respektvolle Kommunikation, kritisches Denken und die Bereitschaft, anderen zuzuhören. Nur so können Meinungsfreiheit und der Schutz vor Hass gleichzeitig funktionieren und nur so bleibt eine „demokratische Debattenkultur“ auch im digitalen Raum erhalten.






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Dieser Beitrag entstand mit freundlicher Unterstützung durch die Universität Wien.