Jakob Deutschmann steht hinter dem Tresen seiner Salzburger Fahrradwerktstatt Fanzy Bikes und gießt sich Kaffee auf, mit Hafermilch. Der Laden in der Aiglhofstraße passt zu Jakob, das „Du“ sei ihm lieber als Formalitäten. Die Wände sind pink und schwarz gestrichen, überall hängen Räder, Rahmen und Reifen. Eine Wand ist vollständig tapeziert mit Seiten aus einem alten Fahrradmagazin. Gegenüber vom Tresen, auf der anderen Seite des Raums, lehnt ein altes Klavier an der Wand. Jakobs einziger Mitarbeiter, Raul, beugt sich nebenbei über ein Rad auf dem Werktisch. Mit schmutzigen Händen schraubt er an dem Fahrrad.
„Als Jugendlicher wollte ich ein cooles Bike, konnte es mir aber nicht leisten.“, sagt Jakob. „Also holte ich mir Räder vom Sperrmüll, schleppte sie in meine Garage und baute sie um.“ Ich sitze an einem kleinen Tisch aus Holz mit einem Motorradhelm darauf und packe meinen Laptop aus. Der Gründer erzählt mir, die Geschichte von Fanzy Bikes beginnt, wie viele gute Geschichten, mit leerem Geldbeutel und einem Wunsch. Was damals für Jakob eine Notlösung war, wurde zur Leidenschaft, und aus der Leidenschaft wurde 2019 schließlich ein Gewerbe.
„Manche Sachen sind eben schon perfekt, so wie sien sind.“
Heute betreibt er Fanzy Bikes als richtigen Laden in Salzburg. Er spezialisiert sich mit seiner Werkstatt darauf alte Räder zu reparieren und auf das Upcycling. Das macht ihm am meisten Spaß. Hier repariert er alte Räder nicht einfach, er denkt sie komplett neu. Aus einem Mountainbike macht er ein Gravel-Bike für den Alltag, aus einem Rennrad einen stadtauglichen Flitzer. „Und aus einem Hollandrad wird wieder ein Hollandrad“, sagt Jakob und grinst. „Manche Sachen sind eben schon perfekt, so wie sie sind.“
Gerade das macht Fanzy Bikes eigentlich aus. Jakobs Leidenschaft für alte Räder und die Idee durch das Upcycling wirkliche Unikate zu schaffen unterscheiden den Laden von jeder gewöhnlichen Fahrradwerkstatt. Ein Upcycling-Projekt kostet bei Fanzy Bikes mindestens 250 Euro, im Durchschnitt rund 600 Euro. „Klingt nach viel“, sagt Jakob. „Aber du bekommst am Ende ein Rad, das genau zu dir passt und das eine Geschichte hat. Kein Neukauf kann dir das geben.“
Vom Sperrmüll zum Unikat
Wer ein Rad zu Fanzy Bikes bringt, bekommt keinen schnellen Service am Fließband, sondern zunächst einmal ein Gespräch. Gemeinsam mit den Kund*innen konzipiert Jakob das jeweilige Projekt. Er weiß aus jahrelanger Erfahrung, was funktioniert, welche Umbauten Sinn ergeben und welche nicht, auf Basis dieser Einschätzung entwickelt er einen Plan.
Danach beginnt die eigentliche Arbeit für Jakob und Raul. Jedes Rad überholen sie technisch komplett, servicieren, warten das Rad und tauschen verschlissene Teile aus. Wenn Jakob und Raul fertig sind, verlässt das Fahrrad die Werkstatt. Neu, als etwas anderes, als es hereingekommen ist.

„Doch ehrlich gesagt ist das Upcycling wirtschaftlich eine Herausforderung“, sagt Jakob und steht auf. Wir gehen eine schmale Holztreppe hinauf in den Verkaufsraum, er will mir die Räder zeigen. Die stehen über den ganzen Raum verteilt, alles Unikate. Jedes Rad sieht für sich so spannend aussieht, da ist es schwer wirklich bei einem zu bleiben. Ich lasse meinen Blick also schweifen.
„Ich verdiene meinen Lebensunterhalt hauptsächlich mit Reparaturen, denn die Upcycling-Projekte dauern lang und rentieren sich finanziell kaum.“, sagt Jakob, während wir uns die Räder anschauen. „Nur etwa zehn Prozent der umgebauten Räder entstehen auf Kund*innenwunsch, die restlichen 90 Prozent baue ich auf eigene Initiative für den Verkaufsraum um.“, sagt er. Die Räder dafür bekomme er auf unterschiedlichen Wegen. „Viele Menschen bringen die Räder zu uns und verkaufen oder verschenken sie direkt“, andere kaufen wir selbst günstig ein.“, sagt Jakob.
Effizienz statt Elektromotor
Nur E-Bikes will Jakob bei Fanzy Bikes nicht reparieren. „Ein Fahrrad ist das effizienteste Fortbewegungsmittel der Welt“, sagt er. „Ein Elektromotor vermindert diese Effizienz. Das widerspricht einfach dem, wofür wir hier stehen.“ Die Haltung ist für Jakob keine Marketingentscheidung, dafür liebt er das was er tut zu sehr.
Hinter Fanzy Bikes steckt die Überzeugung, dass Wegwerfen keine Lösung ist, solange noch etwas im Material steckt, und genau das unterscheidet den Laden grundlegend von einer Branche, die lieber produziert als repariert. Gleichzeitig ist Jakob realistisch genug, um zu wissen, dass er nicht jedes Rad upcyclen kann. Seit Ende der 1990er-Jahre sank die Fertigungsqualität durch die Massenproduktion so stark, dass Rahmen und Bauteile vieler Räder einem echten Umbau nicht mehr standhalten. Ausgerechnet die Räder, die am häufigsten auf dem Sperrmüll landen, sind damit oft auch die, mit denen am wenigsten anzufangen ist.
Ein Termin wie beim Zahnarzt
Pro Tag bringen Kund*innen bis zu acht Räder zu Fanzy Bikes. Das klingt nach einer Menge, funktioniert aber dank eines einfachen Prinzips sehr gut. Alle Kund*innen bekommen einen fixen Termin, wie bei der Zahnpraxis. So behalten Jakob und Raul den Überblick und können sich auf jedes Rad einzeln konzentrieren. Eine schnelle Reparatur erledigen sie in zehn Minuten, ein aufwendiges Upcycling-Projekt kann auch mal zwei Tage dauern. Für beides nehmen sie sich aber Zeit.
Das Terminmodell ist dabei mehr als nur ein organisatorisches Werkzeug, es steht für den persönlichen Anspruch des Ladens. Fanzy Bikes ist keine anonyme Werkstatt, bei der ein Rad abgegeben und eine Nummer gezogen wird, sondern ein Ort, an dem Räder eine Geschichte haben und die Menschen dahinter auch. „Die Leute, die zu uns kommen, wollen kein Wegwerfrad“, sagt Jakob. „Das sind Künstler*innen, Studierende. Menschen, die nachdenken, was sie kaufen und warum.“ Rennradfans verirren sich eher selten hierher. Alltagsräder sind das Herzstück. „Räder, mit denen früh morgens zur Uni und spät abends nach Hause gefahren wird.“, sagt der Gründer.
Nachhaltigkeit als Haltung, nicht als Marketingbegriff
Für Jakob und Fanzy Bikes ist Nachhaltigkeit dabei kein Slogan auf einem Flyer, sondern die Grundlage jeder Entscheidung. Jedes Rad, das in der Werkstatt landet, ist potenziell eins weniger auf dem Müll, jede Reparatur eine Alternative zum Neukauf und jedes Upcycling ein Statement gegen eine Wegwerfkultur, die auch vor der Fahrradbranche nicht haltmacht.
Dabei predigt Jakob nicht. Er leistet nur seinen Teil, macht sein Ding, und wer das sieht, versteht die Botschaft von selbst. In einer Zeit, in der Österreich immer lauter über Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschonung diskutiert, wirkt Fanzy Bikes fast wie ein lebendiges Lehrbeispiel. Auch wenn Jakob diesen Begriff vermutlich ablehnen würde.
Einfach fahren und durchatmen
„Luft und Liebe“, der Slogan seiner Werkstatt, lässt sich auf mehreren Ebenen lesen, erklärt mir Jakob. Technisch braucht ein Fahrrad Luft in den Reifen und die liebevolle Pflege einer guten Werkstatt. Menschlich brauchen auch wir Luft und Liebe zum Leben. „Genauso wie unsere heiß geliebten Räder“, sagt er.
Was Jakob sich für die Fahrradkultur in Salzburg wünscht, passt dazu. Mehr Genuss, weniger Leistungsdenken, kein Strava, kein Display, kein ständiger Blick aufs Handy. Die Menschen sollen einfach fahren und durchatmen. In einer Stadt wie Salzburg, die mit ihrem Radwegnetz noch Luft nach oben hat, ist das vielleicht auch ein kleiner politischer Wunsch, das Fahrrad nicht nur als Sportgerät zu sehen, sondern als selbstverständliches Fortbewegungsmittel des Alltags.
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