Fast ein Drittel der über 65-Jährigen stürzt laut einer neuen medizinischen Studie mindestens einmal pro Jahr, mit teils schweren gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen. Allein in Österreich werden jährlich rund 14.000 bis 16.000 hüftgelenksnahe Frakturen behandelt, beinahe alle davon operativ. Laut der österreichischen Gesellschaft für Unfallchirurgie kostet allein die Akutbehandlung je etwa dreißigtausend Euro. Genau hier sollten eigentlich Vitamin D und Calcium vorsorgen. Es hieß, die Kombination mache Knochen robuster und würde so Brüche vorbeugen.
Eine neue Metastudie im British Medical Journal liefert dazu nun überraschende Antworten. Ein Team um den klinischen Pharmazeuten Olivier Massé aus Montreal wertete dafür 69 placebokontrollierte Studien mit knapp 154.000 Teilnehmenden aus, Menschen mit Osteoporose wurden bewusst ausgeklammert. 87 Prozent der Teilnehmenden lebten in Privathaushalten und hatten kein erhöhtes Sturz- oder Frakturrisiko.
Calcium alleine senkte das Frakturrisiko um nur neun Prozent, Vitamin D alleine zeigte gar keine Wirkung. Auch die Kombination beider Präparate kam über neun Prozent nicht hinaus. Die Studienautoren selbst hielten fest, die Ergebnisse unterstützten keine routinemäßige Einnahme von Calcium, Vitamin D oder deren Kombination zur Vorbeugung von Frakturen und Stürzen bei gesunden älteren Menschen. Leitlinien-Gremien sollten ihre Empfehlungen angesichts der aktuellen Befunde überdenken.
Hormonspezialist sieht in den Ergebnissen keinen Grund zur Beunruhigung
„Grundsätzlich ist es möglich, dass Studien, die bisher die Wirksamkeit belegt haben, mit zu wenigen Probanden durchgeführt wurden, da können andere Ergebnisse entstehen“, so der Wiener Mediziner und Hormonspezialist Johannes Huber. „So eine große Metastudie ist viel ausführlicher als kleinere Studien“, sagt er. „Da kommen die Autoren dann auch zu mehr und präziseren Ergebnissen.“
Die neuen Ergebnisse der Studie seien aber kein Grund zur Beunruhigung. „Eigentlich ist das aber kein Problem, unser Organismus hat zwei Organsysteme die Vitamin D herstellen“, sagt er. „Die Evolution hat sich das gut überlegt, also muss das Vitamin schon wichtig sein.“ Selbst wenn Vitamin D nicht direkt die Knochen stärke, sei die Einnahme auf jeden Fall nicht schlecht, sagt Huber.
Vitamin D und Calcium sind kein Einzelfall
Medizinischer Konsens ändert sich nach Jahrzehnten immer wieder, Vitamin D ist hier kein Einzelfall. In den 1980er-Jahren etwa verschrieben Ärztinnen und Ärzte routinemäßig Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen. Sie nahmen an, das schütze vor einem plötzlichen Herztod. Kleinere Studien hatten die Wirksamkeit der Mittel bereits belegt, daraus leitete die Fachwelt einen Überlebensvorteil bei Herzinfarkten ab.
Die sogenannte CAST-Studie, eine groß angelegte, randomisierte Untersuchung mit über 1.700 Teilnehmenden, widerlegte diese Annahme 1989, ihre Ergebnisse erschienen im New England Journal of Medicine. Mit der Einnahme der Medikamente starben knapp acht Prozent der Teilnehmenden, in der Placebogruppe nur drei Prozent, das Risiko für den plötzlichen Herztod war um das 3,6-Fache erhöht. Die Studie wurde deshalb vorzeitig abgebrochen, und veränderte die Verschreibungspraxis grundlegend.
Ein ähnlicher Fall ist die Hormonersatztherapie in den Wechseljahren. Studien wie die US-amerikanische Nurses' Health Study, gestartet 1976, legten nahe, Östrogenpräparate senkten das Herzinfarktrisiko von Frauen nach der Menopause um bis zu fünfzig Prozent. Die groß angelegte Women's Health Initiative-Studie kam 2002 zu dem Ergebnis, solche Behandlungen seien gerade für ältere Frauen gesundheitsschädigend. Zunächst galten die Ergebnisse der beiden Studien als widersprüchlich, später wurde der Widerspruch ausgeräumt. Heute sprechen sich führende medizinische Organisationen für Hormontherapien bei gesunden Frauen in der Menopause aus.
Huber: „Vitamin D bleibt weiterhin wichtig für uns“
Kleine, ältere Studien werden demnach immer wieder von größeren, methodisch strengeren Untersuchungen widerlegt, so wie jetzt beim Vitamin D. Für Huber ist genau das der normale Gang der Wissenschaft und kein Grund zur Sorge. „Vitamin D bleibt weiterhin wichtig für uns“, sagt er. Die neue Metastudie richtet sich also nicht gegen Vitamin D an sich, sondern gegen die Vorstellung, Frakturen ließen sich allein durch Nahrungsergänzung verhindern.
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