Die Erde wirkt flach. Jeder Spaziergang bestätigt zunächst genau diesen Eindruck. Der Gehsteig kippt beim Blick in die Ferne nicht ab. Niemand wacht morgens auf und denkt: Heute spüre ich die Krümmung unsere Kugel mit 12.742 Kilometern Durchmesser.
Vielleicht erklärt genau dieser Eindruck, warum die Flat Earth Theorie trotz Satellitenbildern, Raumfahrt und Physik bis heute überlebt. Im Internet feiern Videos Millionen Aufrufe, in denen Menschen erklären wollen, NASA-Aufnahmen seien gefälscht oder die Erde gleiche doch eher einer Scheibe als einer Kugel.
Der Grieche mit den Schatten
Dabei fanden Menschen bereits vor über 2200 Jahren erstaunlich präzise Beweise für die Kugelform der Erde. Der griechische Gelehrte Eratosthenes beobachtete zur Mittagszeit zwei Städte in Ägypten: Alexandria und Assuan. In Assuan stand die Sonne zu diesem Zeitpunkt fast exakt senkrecht über den Menschen. Dort warf ein Stab kaum Schatten. In Alexandria entstand dagegen ein sichtbarer Schatten.
Eratosthenes verstand: Wäre die Erde flach, müsste die Sonne beide Städte im selben Winkel treffen. Die unterschiedlichen Schatten ergaben nur Sinn, wenn die Oberfläche gekrümmt ist. Aus dem Winkelunterschied und der bekannten Entfernung zwischen beiden Städten berechnete er den Erdumfang. Seine Schätzung lag nur rund 15 Prozent daneben.
Auch der griechische Philosoph Pythagoras vermutete bereits im 6. Jahrhundert vor Christus die Kugelgestalt der Erde. Im Mittelalter galt diese Vorstellung unter Gelehrten längst als wissenschaftlicher Konsens.
Einen praktischen Beweis lieferte Jahrhunderte später der portugiesische Seefahrer Ferdinand Magellan. Seine Expedition startete 1519 zur ersten Weltumsegelung. Magellan selbst starb zwar unterwegs auf den Philippinen, seine Mannschaft kehrte 1522 jedoch wieder nach Spanien zurück. Die Reise zeigte endgültig: Wer lange genug in eine Richtung segelt, kommt irgendwann wieder am Ausgangspunkt an.
Warum Gravitation Kugeln liebt
Warum formt sich Materie überhaupt zu einer Kugel?
„Die Form der Erde sowie die Gestalt anderer Planeten, Sterne und großer Himmelskörper haben eine gemeinsame physikalische Ursache: die Gravitation, also die gegenseitige Anziehung von Materie,“ sagt Ramon Egli, Department Leiter des Conrad Observatorium.
Jede Masse zieht jede andere Masse an. Je größer ein Himmelskörper wird, desto stärker zieht seine Gravitation Materie Richtung Mittelpunkt. Irgendwann überwindet diese Kraft selbst die Festigkeit von Gestein. Dann verschieben sich die Massen so lange, bis langfristig nur noch Druck Richtung Zentrum wirkt. Die stabilste Form dafür liefert die Kugel.
Ein Würfelplanet hätte also ein Problem. Seine Ecken lägen weiter vom Mittelpunkt entfernt als andere Bereiche. Dort würde die Gravitation Materie ständig Richtung Zentrum ziehen. Der Würfel würde langsam kollabieren und sich abrunden.
Die Erde besitzt dennoch keine starre Form, sondern verändert sich permanent. Schmelzende Polkappen, Meeresströmungen oder minimale Schwankungen der Erdrotation beeinflussen ihre Gestalt laufend. Zwischen Pol und Äquator liegt ein Unterschied von rund 21 Kilometern. Wer also behauptet, die Erde gleiche einer Kugel, vereinfacht streng genommen bereits.
Weshalb Asteroiden wie Kartoffeln aussehen
Kleinere Asteroiden zeigen allerdings, wie chaotisch Himmelskörper ohne ausreichende Gravitation aussehen können. Manche erinnern eher an Kartoffeln oder deformierte Felsen. Erst ab ungefähr 400 Kilometern Durchmesser zwingt die Eigengravitation viele Körper in eine annähernd kugelförmige Gestalt.
Unter unseren Füßen fließt ein Planet
Die Erde ist eher ein dynamisches System als ein starres Objekt. „Die Erde verhält sich auf geologischen Zeitskalen wie ein flüssiger Körper,“ sagt Egli.
Das klingt zunächst absurd. Asphalt fühlt sich schließlich selten flüssig an. Unter der Erdkruste bewegt sich jedoch der Erdmantel über Millionen Jahre langsam wie zäher Sirup. Dazu kommt ein äußerer Kern aus geschmolzenem Eisen. Über lange Zeiträume passt sich der gesamte Planet deshalb an die durch Gravitation vorgegebene Form an.
Ein einfaches Beispiel: Wer einen Kübel Wasser ins Meer leert, sieht keine schwebende Wasserblase zurückbleiben. Das Wasser verteilt sich so, dass jedes Molekül einen möglichst tiefen Punkt erreicht. „Die geometrische Form, die dies in alle Richtungen ermöglicht, ist die Kugel,“ sagt Egli.
Trotzdem wirkt die Erde erstaunlich glatt. Der Mount Everest ragt 8845 Meter hoch auf. Der Marianengraben fällt rund 11.000 Meter tief ab. Verglichen mit dem Erddurchmesser erscheinen diese Unterschiede winzig. Würde die Erde die Größe eines 30 Zentimeter breiten Globus besitzen, entsprächen Himalaya und Marianengraben lediglich etwa einem Viertel Millimeter.
Flat Earth gegen Physik
Flat Earth Anhänger liefern für all diese Beobachtungen eigene Erklärungen. Darin liegt der entscheidende Unterschied zwischen Wissenschaft und Verschwörungstheorien. „Bemerkenswert ist, dass sich all diese Beobachtungen durch eine einzige Theorie erklären lassen, die sich immer wieder bewährt hat,“ sagt Egli.
Auch ohne Satellitenbilder zeigt der Alltag ständig Hinweise auf die Erdkrümmung. Schiffe verschwinden langsam hinter dem Horizont. Polartag und Polarnacht funktionieren nur auf einem kugelförmigen Planeten. Wer am Äquator steht, befindet sich wegen der Ausbeulung der Erde sogar 21 Kilometer weiter vom Erdmittelpunkt entfernt als jemand an den Polen. Trotzdem unterscheidet sich die Schwerkraft nur minimal.
Die Erde bleibt trotzdem ein seltsames Objekt. Niemand spürt ihre Rotation mit rund 1670 km/h am Äquator, oder sieht ihre Krümmung beim Warten auf die Straßenbahn in Wien. Jeder Mensch lebt auf einer gigantischen Kugel aus Gestein und geschmolzenem Eisen, die mit ungefähr 107.000 km/h um die Sonne rast. Der Alltag fühlt sich trotzdem an wie ein ruhiger Dienstagmorgen.
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