„Du wirst schon sehen, nächste Woche fährt der Zug ein. Zehn, zwanzig Kerle aus der alten Heimat“, warnt Rabbi Milligan, gespielt von Ben Whishaw, seinen Mafiaboss Josso Fadda (Jason Schwartzmann). „Das sind die Leute deines Bruders, und sie sind hier, um das Ruder zu übernehmen.“
Die beiden Gangster aus der Serie Fargo beraten wie sie die kriminelle Vorherrschaft der Stadt Kansas City übernehmen können, während ein Junge zwischen ihnen am Küchentisch Divisionsaufgaben löst. „Ich bin schlecht in Mathe“, sagt Fadda und unterbricht ihr Gespräch. „Lustig. Niemand sagt jemals, ich bin schlecht in Englisch“, antwortet Milligan. Fadda widerspricht, viele Menschen seien schlecht in Englisch. „Aber sie sind nicht stolz darauf“, antwortet Milligan.
Kaum jemand würde offen damit prahlen, nicht lesen oder schreiben zu können, bei Mathematik scheint das anders zu sein, erkennen die Autoren der US-Serie Fargo. Der Grund könnte ein psychologisches Phänomen sein. Die „math anxiety“, zu deutsch Mathematikangst.
Die Angst vor Mathematik
„Math anxiety tritt in mathematikbezogenen Situationen auf“, sagt Thomas Götz, Professor für Bildungspsychologie an der Universität Wien. „Natürlich zum Beispiel im Mathematikunterricht.“ Wer an der Angst leide, bekomme schon beim Gedanken an Gleichungen und Rechnungen ein rasendes Herz, Schweiß an den Händen und Schwindel.
Laut Daten der PISA-Studie 2022, leiden weltweit 39 Prozent der Jugendlichen unter massiver Nervosität beim Lösen von Matheaufgaben. 2012 waren es noch 31 Prozent. In Österreich hat diese Angst im letzten Jahrzehnt besonders deutlich zugenommen. 2012 waren rund 24 Prozent der österreichischen Schüler davon betroffen, 2022 sind es 32 Prozent.
Ein Problem, das bleibt
„Die Angst ist aber kein Problem, das nur Schulkinder betrifft“, sagt Götz. Wie drastisch sich das äußert, zeigt beispielsweise eine Erhebung aus Großbritannien. Dort leiden rund 35 Prozent der Erwachsenen unter massiver Nervosität im Umgang mit Zahlen. Jeder fünfte berichtet sogar von körperlichen Symptomen wie Übelkeit.
Je stärker die Mathematikangst, desto schlechter ist im Durchschnitt auch die Leistung, schreiben Götz und seine Kollegen in einer Studie. Betroffene möchten die Konfrontation mit Mathematik vermeiden und schieben daher mathematische Aufgaben vor sich her, sie vermeiden oder prokrastinieren. „Matheangst hat sehr starke Auswirkungen auf die Berufs- und Studienwahl und das lebenslange Lernen“, sagt er. „Wer große Angst vor Mathe hat, vermeidet in allen Lebensbereichen Tätigkeiten, die etwas mit Mathematik zu tun haben.“
Stolz als Bewältigungsstrategie
Götz sieht im stolzen Unwissen eine Bewältigungsstrategie. „Wenn Menschen die Bedeutung von Angst abwerten, indem sie stolz auf sie sind, relativieren sie die Angst, und sie ist weniger bedrohlich für den Selbstwert“, sagt er. Viele würden sich für ihre Angst schämen. Da sei es einfacher zu sagen „Ich bin nicht gut in Mathematik und ich brauche es auch nicht zu sein“, anstatt die Angst davor zuzugeben.
Das gekränkte Selbstbild kann zum Schutzmechanismus führen. In einem Onlineforum schreibt ein User: „Es ist ein Bewältigungsmechanismus, der einen weiter in die Spirale führt.“ Wer Angst vor Mathe habe, lerne weniger, schreibe schlechte Noten und denkt dann, er sei noch schlechter.
„Ja, das ist definitiv kein Prahlen, ganz und gar nicht. Ich studiere jetzt Physik, aber früher hatte ich Angst vor Mathe und Naturwissenschaften“, sagt ein anderer Betroffener in einem Onlineforum. „Früher habe ich den Leuten gerne erzählt, wie schlecht ich in Mathe bin, das hat meine eigene Frustration darüber verdeckt, schlecht zu sein.“
„Betroffene glauben, die Begabung für ein Fach ist angeboren und weniger erlernbar“, sagt Manuela Paechter, Professorin für Pädagogische Psychologie an der Universität Graz. Betroffene fühlten sich dadurch weniger intelligent. „Gerade Mathematikangst ist sehr bedrohlich für den Selbstwert“, sagt auch Götz. „Da Menschen Leistungen in Mathematik häufig mit hoher Intelligenz erklären.“
Wie kommt es zur Angst?
„Math anxiety entsteht vor allem dann, wenn einem mathematikbezogene Tätigkeiten als unkontrollierbar erscheinen“, so Götz. „Vor allem, wenn das Schulfach Mathematik noch als so wichtig eingeschätzt wird.“ Betroffene spürten einen besonders großen Druck, aus sich selbst heraus, aus ihrer Umgebung oder einer Kombination aus beidem. Aus diesem Druck werde dann Angst, sagt er.
Wenn Eltern Sätze sagen, wie „Ich bin auch schlecht in Mathematik” kann das einen direkten Einfluss auf ihre Kinder nehmen. Lehrkräfte sähen sich tagtäglich mit derartigen Aussagen von Eltern konfrontiert, schreibt ein Lehrer online. „Viele Eltern sagten schon vornerein, ich solle nicht viel von ihren Kindern erwarten, sie seien selbst schlecht in Mathe.“ Das sei für ihn immer nervig.
Positive Einstellungen vermitteln und Stereotype vermeiden
„Eltern und Lehrpersonen sollten mathematikängstliche Schüler*innen auf jeden Fall ermutigen, an ihrer Angst zu arbeiten“, sagt Götz. „Sie sollten auch darauf achten, positive Einstellungen zu Mathematik zu vermitteln und negative Stereotype zu vermeiden.“
Mathematik wird also nicht nur in der Schule zum Problem, sie kann auch im weiteren Leben Schwierigkeiten bereiten. Das merkt auch Mafiaboss Faddo aus Fargo, als er versucht rivalisierende Gruppen aufzuhalten und die Kontrolle über Kansas City zu gewinnen. „Dieses Problem, das du hast, ist ein mathematisches“, rät Rabbi Milligan ihm. „Entweder du teilst sie auf, oder sie multiplizieren sich.“
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