Wissenschaft International Fakten

„Weißt du, wie hart du ein Säugetier missbrauchen musst, damit es keine Kinder mehr haben will?“

Profile Image
Redakteurin · Paris-Lodron-Universität Salzburg
30.06.2026
5 Min.

Während die Geburtenraten in vielen Industrieländern sinken, verbreitet sich in den sozialen Medien eine einfache Erklärung: Der Mensch verhalte sich wie andere Säugetiere unter schlechten Haltungsbedingungen und bekomme deshalb immer weniger Kinder. Schuld seien der Kapitalismus, Dauerstress und eine industrielle Gesellschaft, die schlicht unnatürliche Lebensbedingungen schaffen würden. Lässt sich menschliches Verhalten wirklich so einfach erklären?

Schlafmangel, Inhaltsstoffe in Nahrung und Wasser oder andere Umwelteinflüsse könnten dazu beitragen, dass wir Fortpflanzungsentscheidungen treffen, die evolutionär nicht mehr adaptiv sind,“ sagt der Verhaltensforscher Dustin Penn. (Foto: Tima Miroshnichenko/Pexels)

„Ich bin dreißig Jahre alt und keiner von meinen Freunden hat Kinder. Niemand bekommt mehr Kinder. Weißt du, wie hart du ein Säugetier missbrauchen musst, damit es keine Kinder mehr haben will?“ Mit dieser Aussage löste der deutsch-amerikanische KI-Forscher und Gründer des KI-Unternehmens Conjecture, Connor Leahy, eine hitzige Debatte in den sozialen Medien aus.

Die These klingt provokant und ist doch einleuchtend. Der moderne Mensch lebe unter so unnatürlichen Bedingungen, dass er, ähnlich wie andere Säugetiere unter schlechten Haltungsbedingungen, keinen Nachwuchs mehr bekomme. Schuld seien eine Mischung aus Dauerstress, Kapitalismus, langen Arbeitszeiten, zu wenig Zeit in der Natur und Technologie. Hinzu kämen auch noch steigende Lebenshaltungskosten, Umweltverschmutzung, minderwertige Ernährung und eine industrielle Lebensweise, die sich von den Bedingungen entferne, für die sich der Mensch evolutionär entwickelt hat.

Reproduktions-Experten halten diese Einschätzung für vereinfachend, können aber doch der Idee, der Kindermangel sei eine Art Pathologie unserer modernen Lebensweise, etwas abgewinnen. Doch lässt sich der Mensch, der seine Familienplanung bewusst und nach freiem Willen gestaltet, wirklich mit anderen Säugetieren vergleichen? Hinter der viralen Debatte verbirgt sich eine der grundlegendsten Fragen der Verhaltensforschung: Wie viel Tier steckt wirklich noch im Menschen? 

Ein Viertel der in 1980er Jahren geborenen Frauen ist kinderlos

Eva-Maria Schmidt, Soziologin an der Universität Wien, sieht in der auf sozialen Medien verbreiteten Erklärung zwar einen wichtigen Gedanken, die Erklärung werde der Komplexität des Themas jedoch nicht gerecht. Tatsächlich nennt die soziologische Forschung eine Vielzahl an Ursachen für die seit Jahren sinkenden Geburtenraten in westlichen Gesellschaften.

Eine zentrale Rolle spiele der demografische Wandel, sagt Schmidt. So gibt es heute deutlich weniger Frauen im gebärfähigen Alter als noch vor einigen Jahren. Seit 2009 sei diese Zahl um mehr als zehn Prozent zurückgegangen, so die Sozioligin. Gleichzeitig steigt das Alter bei der Geburt des ersten Kindes und liegt mittlerweile bei durchschnittlich 30,4 Jahren. Auch die Kinderlosigkeit nimmt zu: Rund ein Viertel der in den 1980er-Jahren geborenen Frauen ist heute kinderlos. Zudem gibt es immer weniger Familien mit drei oder mehr Kindern.

Neoliberale Leitbilder spielen eine Rolle 

Hinzu kommen gesellschaftliche Veränderungen, die den Kinderwunsch beeinflussen. Schmidt sagt, der ohnehin rückläufige Kinderwunsch sowie gesellschaftliche Wertvorstellungen, spielten eine eine Rolle. Der zunehmende Fokus auf individuelle Freiheit und Selbstverwirklichung entspreche neoliberalen Leitbildern und beeinflusse ebenso Familienentscheidungen wie die hohen Erwartungen an eine „gute“ Mutter oder einen „guten“ Vater. „Die Ansprüche an eine gelingende Elternschaft und einen entsprechend hohen Lebensstandard sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen,“ sagt Schmidt.

Darüber hinaus wirkten sich auch gesamtgesellschaftliche Krisen auf Familienplanungen aus, sagt sie. Wirtschaftliche Unsicherheit, steigende Lebenshaltungs- und Wohnkosten, geopolitische Konflikte, sowie die Klimakrise könnten Entscheidungen für Kinder hinauszögern oder verhindern. „Gleichzeitig wird in einem am kapitalistischen Wachstumsparadigma orientierten Wohlfahrtsstaat Erwerbsarbeit gesellschaftlich deutlich höher bewertet als Sorgearbeit für Babys und Kleinkinder,“ so Schmidt.

„Menschen wissen oft nicht, warum sie tun, was sie tun“

Auch aus der Zoologie gibt es mögliche Erklärungsansätze. Dustin Penn, Verhaltensforscher an der Veterinärmedizinischen Universität Wien sieht das Problem differenzierter, entscheidend sei zunächst die Frage, ob Menschen die Ursachen ihres eigenen Handelns überhaupt kennen. „Menschen wissen oft nicht, warum sie tun, was sie tun,“ sagt Penn gegenüber campus a. Deshalb unterscheide sich die biologische Forschung grundlegend von jener vieler Sozialwissenschaftler, die Menschen einfach nach ihren Beweggründen befragen. 

Die Antworten seien zwar interessant, erklären aber nicht zwangsläufig die tatsächlichen biologischen Ursachen ihres Handelns. „Selbst wenn sich herausstellen sollte, Menschen bekommen deshalb weniger Kinder, weil sie das Gefühl haben, vom System missbraucht zu werden, müssten wir trotzdem erklären, warum sie dieses Gefühl haben“, sagt er. „Es ist eine ziemlich paradoxe Behauptung, Menschen in einem wohlhabenden Land, in dem keine Hungersnot herrscht, würden auf Fortpflanzung verzichten.“

Eine höhere Kinderzahl ist nicht unbedingt vorteilhaft

Grundsätzlich gebe es im Tierreich durchaus Beispiele dafür, wieso Säugetiere ihre Fortpflanzung unter bestimmten Bedingungen aufschieben. Penn forscht selbst mit Mäusen, er beobachtet, wie dominante Weibchen rangniedrigere Weibchen unterdürcken, diese stellen dann ihre Fortpflanzung. Erst als Penn die dominanten Tiere aus dem Gehege entfernte, begann die Reproduktion wieder.

Ähnliche Mechanismen seien bei zahlreichen Säugetierarten bekannt. „Wenn Menschen an einer Unterversorgung leiden, kann sich bei Frauen der Eisprung einstellen, etwa wenn der Körperfettanteil zu stark sinkt“, sagt Penn. Das treffe jedoch bei den sinkenden Geburtenraten in Europa, Nordamerika oder Ostasien nicht zu.

Stattdessen verweist der Verhaltensforscher auf mehrere wissenschaftlich diskutierte Erklärungsansätze. Einer davon sei die stärkere Selbstbestimmung von Frauen über ihre Fortpflanzung. Frauen könnten heute häufiger jene Familiengröße verwirklichen, die ihren eigenen Vorstellungen entspreche. „Aus evolutionsbiologischer Sicht ist eine höhere Kinderzahl nicht automatisch vorteilhaft, da mit jedem weiteren Kind die Ressourcen und die elterliche Investition pro Nachwuchs sinken,“ sagt Penn. 

Höhere Bevölkerungsdichten schränken Fortpflanzung ein

Ein weiterer möglicher Faktor sei die Bevölkerungsdichte. Gemeinsam mit einem Demografen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften hat Penn untersucht, ob hohe Bevölkerungsdichten zur Erklärung niedriger Geburtenraten beitragen könnten. Das Phänomen ist auch aus dem Tierreich bekannt, die Forschung würde dieses Phänomen beim Menschen aber bislang ignorieren, sagt er. „Wir konnten tatsächlich nachweisen, dass die Bevölkerungsdichte ein Faktor sein kann, der die sinkenden Geburtenraten insbesondere in dicht besiedelten Städten entwickelter Länder erklärt“, sagt Penn.

Frauen stehen zudem häufig vor der Herausforderung, Kinderbetreuung und Beruf miteinander zu vereinbaren. Bereits der Ökonom Gary Becker beschrieb diesen Konflikt: Erwerbsarbeit kann den sozialen Status stärken, gleichzeitig erschwert die Verantwortung für Kinder die Vereinbarkeit beider Lebensbereiche. Gerade diese Vielzahl an konkurrierenden Faktoren macht die Erforschung von Fortpflanzungsentscheidungen so komplex.

Unabhängig davon, ob man einfache oder hochsoziale Tierarten untersuche, spielen dabei stets zahlreiche unterschiedliche Abwägungsprozesse eine Rolle. „Beim Menschen ist es besonders schwierig herauszufinden, warum sie Fortpflanzungsentscheidungen treffen, da Forscher nicht einfach Experimente wie bei Mäusen durchführen können", sagt Penn. „Wir müssen uns auf Korrelationen verlassen, die nicht zugleich Kausalitäten sind.“

„Völlig legitime Hypothese“

Die Hypothese, Menschen bekämen aufgrund von sozialem Stress weniger oder gar keine Kinder sei völlig legitim, sagt Penn. „Rätselhaft ist jedoch, ob der empfundene Stress tatsächlich so groß ist, dass Menschen deshalb auf Fortpflanzung verzichten.“

Anders sei die Situation bei existenzieller Not, etwa wenn Menschen hungern oder ihnen die grundlegenden Mittel für eine Familiengründung fehlen. Weniger überzeugend ist für Penn hingegen das Argument, Faktoren wie eine zu kleine Wohnung oder fehlende finanzielle Mittel für ein Auto sein ausschlaggebend. Offen sei vielmehr, ob wirtschaftliche Unsicherheit, ein als niedrig empfundener sozialer Status oder fehlende Arbeitsplatzsicherheit sogar messbare biologische Folgen haben könnten, etwa niedrigere Ovulationsraten oder eine geringere Spermienzahl. Dazu gebe es bislang jedoch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, sagt Penn. 

Dem Kern der Aussage stimmt Penn aber letztlich doch zu: „Wir Menschen leben heute in einer sehr unnatürlichen Umgebung. Deshalb könnte die sinkende Geburtenrate eine Art Pathologie unserer modernen Lebensweise sein“, sagt er. „Schlafmangel, Inhaltsstoffe in Nahrung und Wasser oder andere Umwelteinflüsse könnten dazu beitragen, dass wir Fortpflanzungsentscheidungen treffen, die evolutionär nicht mehr adaptiv sind.“ Das sei eine durchaus mögliche Erklärung.


Deichmann Logo

Der Ausbildungsplatz dieser Autorin in der campus a Akademie für Journalismus ist ermöglicht mit freundlicher Unterstützung durch Deichmann.

Kommentare