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Wenn die Diagnose schon im Wartezimmer feststeht

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Volontärin · Universität Wien
22.05.2026
4 Min.

Suchmaschinen, soziale Medien, Gesundheitsforen und Chatbots liefern innerhalb von Sekunden mögliche Diagnosen. Für Ärztinnen und Ärzte beginnt die Herausforderung dort, wo aus Information Verunsicherung wird.

Oft kommen Patienten und Patientinnen bereits mit eigenen Diagnosen in die Ordination. (Foto: Canva)

Die 28-jährige Mathematik-Studentin Bernadette Holocek (Name von der Redaktion geändert) sitzt im Wartezimmer einer Ordination. Stundenlang hat sie im Internet recherchiert, gelesen, verglichen. Die Symptome passen. Die Bilder im Netz auch.
Jetzt ist sie überzeugt: Sie hat Krebs.

Mit dieser Erfahrung ist Holocek nicht allein. Laut Statistik Austria suchen zwei von drei Menschen in Österreich online nach Gesundheitsinformationen. Ärztinnen und Ärzte erleben dadurch zunehmend Patientinnen und Patienten, die nicht mehr nur mit Symptomen in die Ordination kommen, sondern bereits mit konkreten Diagnosen oder Therapievorschlägen. Doch wie gehen Ärztinnen und Ärzte mit dieser Entwicklung um?

Die Gewichtung ist das Problem

„Natürlich freut es jeden Arzt, wenn sich ein Patient mit seiner Erkrankung auseinandersetzt“, sagt Peter Frigo, Leiter der Hormonambulanz an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde am Allgemeinen Krankenhaus Wien. Der Gynäkologe beschäftigt sich seit Jahren mit hormonellen Zusammenhängen, unter anderem in seinem Buch „Mühelos schlank mit der Kraft der Hormone“.

„Nicht die Information selbst ist das Problem, sondern ihre Einordnung“, sagt Frigo. Wie gefährlich eine Nebenwirkung tatsächlich ist oder wie hoch das persönliche Risiko ausfällt, werde von Patientinnen und Patienten oft falsch eingeschätzt.

Ein gängiges Beispiel aus seiner Praxis sei die Aussage: „Alles, nur keine Hormone. Denn Östrogen verursache Brustkrebs.“ Das sei grundsätzlich richtig, sagt Frigo. „Aber fünf Kilo Übergewicht erhöhen das Risiko stärker als jede Hormontherapie.“

Wenn Wissen zur Angst wird

Wie schnell aus medizinischer Selbstrecherche Angst werden kann, erlebt Eva Maria Wenninger, Allgemeinmedizinerin in Wien, in ihrer Kassenordination im 17. Bezirk, regelmäßig. Fälle wie jener von Holocek seien keine Ausnahme mehr. Wer lange genug im Internet sucht, findet eine Krankheit, die zur eigenen Angst passt. Schwierig werde das vor allem dann, wenn Patientinnen und Patienten die Informationen nicht mehr einordnen können und sich bereits vor dem Arztgespräch ernsthaft krank wähnen, sagt Wenninger. „Die Patienten hören dann gar nicht mehr richtig zu, weil sie in ihrem Kopf schon diese Diagnose haben“.

Laut einer Forsa-Umfrage stellte sich jeder achte Befragte selbst eine Diagnose, bei den 16- bis 34-Jährigen war es sogar jede fünfte Person. Rund ein Drittel gab außerdem an, Arztbesuche wegen eigener Recherchen hinauszuzögern oder zu vermeiden.

Für Günther Loewit, Allgemeinmediziner in Niederösterreich und Autor, ist diese Entwicklung kein Zufall. Loewit setzt sich in seinem Buch „Der vergessene Patient“ kritisch mit dem Gesundheitssystem auseinander. „Wir suchen Diagnosen und behandeln sie kostenpflichtig. Es ist ein Geschäft mit der Angst um den Körper“, sagt er. Das Internet verstärke diese Dynamik zusätzlich: „Man kann keine Seite im Internet öffnen, ohne darauf aufmerksam gemacht zu werden, was einem alles fehlen könnte.“, so Loewit. Die Folge seien nicht automatisch gesündere Menschen, sondern oft mehr Unsicherheit.

Neue Antworten, gleiche Grenzen

Die Suche nach medizinischen Antworten endet inzwischen längst nicht mehr bei Suchmaschinen oder Gesundheitsforen. Eine wachsende Rolle in der Selbstrecherche spielen KI-Modelle. Frigo berichtet von einer Patientin, die einen medizinischen Befund in einen Chatbot eingegeben hatte. Die Interpretation sei erstaunlich gut. Trotzdem stoße auch künstliche Intelligenz an Grenzen. KI könne mögliche Diagnosen aufzeigen, berücksichtige jedoch nicht automatisch individuelle Krankengeschichten, Vorbefunde oder persönliche Risikofaktoren. Dennoch vertrauen viele Menschen inzwischen auch medizinischen Einschätzungen von KI-Systemen.

Jede siebte befragte Person würde bei medizinischen Fragen lieber einen KI-Chatbot konsultieren als eine Ärztin oder einen Arzt. Das zeigt eine Untersuchung des King’s College London, über die der Guardian berichtet. Gleichzeitig verzichteten rund 20 Prozent der Befragten wegen einer KI-Einschätzung gleich komplett auf professionelle medizinische Hilfe.

Zwar schneiden KI-Modelle in standardisierten medizinischen Tests oft gut ab, Forschende der Universität Oxford warnen jedoch davor, daraus auf verlässliche medizinische Beratung im Alltag zu schließen. In realen Situationen lieferten die Systeme teils widersprüchliche oder fehlerhafte Antworten.

Zwischen Information und Vertrauen

Noch nie war medizinisches Wissen so zugänglich und gleichzeitig so schwer einzuordnen. Mit der digitalen Selbstrecherche verändert sich auch das Verhältnis zwischen Ärztinnen und Ärzten und ihren Patientinnen und Patienten. Ärztliche Autorität entsteht heute weniger über Wissensvorsprung als über die Fähigkeit, Orientierung zu geben.

Für Ärztinnen und Ärzte bedeutet das vor allem, Risiken verständlich zu machen und Erwartungen zu korrigieren. Gleichzeitig stoßen aber der Wunsch nach Absicherung und die medizinische Realität oft aneinander. Denn nicht jede online gefundene Möglichkeit müsse abgeklärt, nicht jede gewünschte Untersuchung durchgeführt werden.

Wenninger, Loewit und Frigo beschreiben diese Entwicklung ambivalent. Einerseits seien Patientinnen und Patienten informierter und stärker an ihrer Behandlung beteiligt als früher. Das sei durchaus erwünscht, andererseits entstehe durch die ständige Verfügbarkeit medizinischer Informationen auch mehr Verunsicherung. sowohl bei Patientinnen und Patienten als auch bei Ärztinnen und Ärzten.

Forschende der Medizinischen Hochschule Hannover kommen zu einem ähnlichen Ergebnis: Selbstrecherche könne Zusammenarbeit fördern, aber auch Misstrauen verstärken.

Mehr Wissen, weniger Gewissheit

Und Bernadette Holocek? Im Wartezimmer war sie noch überzeugt, sie habe Krebs. Letztendlich ging sie mit einer anderen Diagnose nach Hause: Zyste im Zahnfleisch. Erleichterung. Und doch war sie wahrscheinlich noch nicht einmal zuhause, bevor sie wieder begann zu recherchieren.

Compliance-Hinweis: Zwischen dem Buchverlag edition a, der Bücher von Univ.-Prof. Dr. Peter Frigo und Dr. Günther Loewit veröffentlicht hat, und campus a besteht ein wirtschaftliches Naheverhältnis.








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