Johanna M. sitzt in der Küche und hört, wie im Schlafzimmer wieder nur Stille herrscht. Ihr Mann hat seit Tagen kaum gesprochen. Die Vorhänge sind zugezogen, das Handy bleibt ausgeschaltet, selbst die gemeinsamen Kinder dürfen kaum ins Zimmer. „Manchmal liegt er einfach da und schaut an die Decke“, erzählt die zweifache Mutter. „Er sagt, er sei müde vom Leben.“
Was heute wie ein plötzlicher Zusammenbruch wirkt, hat eine lange Vorgeschichte. Eine Kindheit ohne Geborgenheit. Eine Mutter, die emotional nie erreichbar war. Ein Vater, der mit Familie, Geldsorgen und sich selbst überfordert war. Jahre später scheint all das zurückzukehren, schubweise, lähmend, zerstörerisch. Johanna M. hat lange geglaubt, ihr Mann müsse sich „nur zusammenreißen“. Heute weiß sie: Depression ist keine schlechte Phase. Keine Schwäche. Sondern eine Krankheit.
Zahl der Erkrankungen steigt weiter an
In Österreich betrifft diese Krankheit Hunderttausende Menschen. Rund 730.000 Menschen leiden laut aktuellen Erhebungen an Depressionen. Jede siebente Person erkrankt im Laufe ihres Lebens daran. Frauen sind statistisch häufiger betroffen als Männer. Fachleute sprechen seit Jahren von einer stillen Krise, die immer sichtbarer wird.
Depressionen entstehen selten aus nur einem einzigen Grund. Meist treffen mehrere Belastungen aufeinander: chronischer Stress, traumatische Erfahrungen, finanzielle Sorgen, Einsamkeit, Verluste, Diskriminierung oder andere psychische Erkrankungen. Auch genetische Faktoren spielen eine Rolle. Wer in seiner Kindheit emotionale Vernachlässigung, Gewalt oder dauerhafte Unsicherheit erlebt hat, trägt oft ein erhöhtes Risiko in sich, manchmal jahrzehntelang unbemerkt.
Psychiater*innen und Psycholog*innen beobachten zudem, dass die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen den Druck verstärken. Die Arbeitswelt wird schneller, die Grenzen zwischen Beruf und Freizeit verschwimmen zunehmend. Permanente Erreichbarkeit, Leistungsdruck und Existenzängste führen bei vielen Menschen zu chronischer Überforderung. Der Körper bleibt im Alarmzustand, Stresshormone werden dauerhaft ausgeschüttet. Irgendwann fehlt die Kraft selbst für alltägliche Aufgaben. Auch die Pandemie hat Spuren hinterlassen. Wochenlange Isolation, fehlende soziale Kontakte und Zukunftsängste haben viele Menschen psychisch belastet. Zahlreiche psychische Erkrankungen wurden in dieser Zeit erstmals sichtbar oder verschärften sich massiv.
Problematische Selbstdiagnosen
Gleichzeitig hat sich der gesellschaftliche Umgang mit psychischer Gesundheit verändert. Während Depressionen früher oft verschwiegen wurden, sprechen heute vor allem jüngere Generationen offener darüber. Auf Social Media wird über Therapie, Burnout oder Angststörungen diskutiert wie nie zuvor. Das sorgt einerseits für mehr Bewusstsein und Enttabuisierung, birgt andererseits aber auch die Gefahr von vereinfachten „Selbstdiagnosen“ aus dem Internet.
Für Angehörige bleibt der Umgang mit depressiven Menschen oft eine enorme Herausforderung. Johanna M. erinnert sich an ihre Hilflosigkeit: „Ich wusste irgendwann nicht mehr, ob ich ihn motivieren oder einfach nur in Ruhe lassen soll.“ Genau darin liegt häufig das Problem. Depressionen sind für Außenstehende schwer greifbar. Betroffene wirken nach außen manchmal funktional, während sie innerlich völlig erschöpft sind.
Warnsignale ernst nehmen
Expert*innen raten deshalb, Warnsignale ernst zu nehmen: sozialer Rückzug, Schlafprobleme, Hoffnungslosigkeit, Antriebslosigkeit oder Aussagen wie „Es hat alles keinen Sinn mehr“. Wichtig sei vor allem, das Gespräch zu suchen, ohne Vorwürfe und ohne Druck. Oft ist der erste Schritt der schwierigste: der Weg zum*zur Hausarzt*in oder zum*zur Psychiater*in. Viele Betroffene schämen sich oder haben Angst, nicht ernst genommen zu werden. Die Behandlung erfolgt meist durch eine Kombination aus Psychotherapie und, je nach Schweregrad, Medikamenten.
Doch genau hier stößt das österreichische Gesundheitssystem zunehmend an seine Grenzen. Zwar gibt es mehr als 13.000 Psychotherapeut*innen im Land, viele Behandlungen müssen jedoch privat bezahlt werden. Kassenplätze sind rar, die Wartezeiten oft monatelang. Für Menschen in akuten Krisen ist das ein massives Problem. Psycholog*innen und Gesundheitsexpert*innen fordern deshalb seit Jahren einen besseren Zugang zu leistbarer Therapie. Psychische Gesundheit dürfe nicht vom Einkommen abhängen. Gleichzeitig brauche es mehr Prävention: Aufklärung in Schulen, bessere Unterstützung für Kinder und Jugendliche sowie mehr Sensibilisierung in Betrieben zum Thema Stress und psychische Belastung.
Denn Depressionen hinterlassen nicht nur individuelles Leid. Sie verändern Familien, Beziehungen und ganze Lebensläufe. Johanna M. sagt heute: „Man sieht meinem Mann die Krankheit nicht an. Aber sie bestimmt jeden Tag unseres Lebens.“ Gerade deshalb sei gesellschaftliche Akzeptanz so entscheidend. Ein gebrochener Knochen ist sichtbar, so ihre Botschaft, Depressionen sind es oft nicht. Das Leid ist dennoch genauso real und ernst zu nehmen.
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