Stellt euch vor, ihr glaubt, die Höchsttemperatur wird in New York morgen zwischen 42 und 43 Grad Fahrenheit liegen. Auf Polymarket können Nutzer ihr Geld auf diesen Temperaturbereich setzen und Wetter so zum Spekulationsobjekt machen. Der Wiener Unternehmer Andreas Wenth wollte herausfinden, ob ein Computer bei solchen Wetten bessere Entscheidungen trifft als ein Mensch. Dafür programmierte er einen Bot und ließ ihn 42 Tage lang mit echtem Geld auf Wetter, E-Sport und andere Ereignisse setzen.
Bei einer seiner Wetterwetten setzte der Bot gut elf Dollar auf 42 bis 43 Grad Fahrenheit. Am nächsten Morgen stand die Höchsttemperatur fest: 41,8 Grad. Nur zwei Zehntel unter dem gewählten Bereich. Die Vorhersage lag fast richtig, sein Geld war trotzdem weg. „Die Prognose war exzellent. Das Ergebnis war ein Totalverlust“, sagt Wenth. „Diese Märkte kennen kein ‚fast‘.“
Sein Experiment fand auf einem Markt statt, der enorm gewachsen ist. Auf Prognosemärkten setzen Nutzer Geld auf zukünftige Ereignisse. Ob Politik, Sport, Wetter oder Wirtschaft, alles geht. Im April 2026 erreichten die zwei größten Anbieter, Polymarket und Kalshi, zusammen rund 24 Milliarden Dollar Handelsvolumen innerhalb eines Monats. Im September 2025 waren es noch weniger als fünf Milliarden Dollar.
70 Prozent richtig und trotzdem verloren
Wenth ist Geschäftsführer einer Wiener Digitalagentur und programmiert selbst. Für sein Experiment entwickelte er Regeln, nach denen der Bot Wetterdaten auswertete, Wahrscheinlichkeiten berechnete und anschließend selbst entschied, welche Positionen er kaufte. Das Prinzip von Polymarket ist relativ einfach. Kostet ein Anteil für ein bestimmtes Ergebnis beispielsweise 40 Cent, entspricht das ungefähr einer vom Markt angenommenen Wahrscheinlichkeit von 40 Prozent. Tritt das Ereignis ein, ist der Anteil am Ende einen Dollar wert. Tritt es nicht ein, ist er nichts wert.
Vom 18. Februar bis 10. April ließ Wenth seinen Bot 42 Tage lang mit echtem Geld handeln. Anfangs ging es vor allem ums Wetter, später auch um E-Sport. Der Bot wettete auf Spiele wie Dota 2, Valorant und Counter-Strike, doch auch auf Bitcoin und Politik. Wenth zahlte 587 Dollar ein. Am Ende waren noch 408,90 Dollar übrig. Ein Verlust von 178,10 Dollar, also fast 30 Prozent. „Ich hatte in der Mehrheit der Fälle recht und habe trotzdem 30 Prozent verloren“, sagt Wenth.
Für die Wetter-Wetten nutzte sein Programm unter anderem Daten des amerikanischen Wettermodells GFS. Bevor er echtes Geld wettete, testete Wenth seine Strategien mit historischen Daten. Eine davon traf in 70,2 Prozent der Fälle die richtige Entscheidung und verlor trotzdem Geld. Der Bot nahm kleine Gewinne früh mit, ließ schlecht laufende Wetten aber länger offen. Ein Verlust von zehn Dollar kann vier Gewinne von jeweils zwei Dollar wieder vernichten. Am Ende zählt also neben der Trefferquote auch, wie groß Gewinne und Verluste jeweils ausfallen.
Hunderte erfolgreiche Zocker oder nur einer?
Danach versuchte Wenth eine andere Strategie. Sein Programm sollte besonders erfolgreiche Polymarket-Nutzer finden und beobachten, worauf diese ihr Geld setzen. Wenn viele erfolgreiche Händler unabhängig voneinander dieselbe Entscheidung treffen, könnte darin schließlich wertvolle Information stecken. Dafür analysierte Wenths Bot nach eigenen Angaben 44.196 Nutzerkonten.
Bei einer Bestenliste für Wetterwetten fiel ihm etwas auf. Von 512 untersuchten Konten gehörten nach seiner Analyse vermutlich 315 demselben Betreiber. Mehrere Accounts wetteten innerhalb desselben Sekundenbruchteils auf dieselben Ergebnisse. Er wusse zwar nicht, wer hinter den Konten steckte, für seine Strategie reichte die Auffälligkeit aber aus. Wenn eine Person mit Hunderten Accounts dieselben Wetten abschließt, sieht es für seinen Bot nach Hunderten Meinungen aus, obwohl dahinter womöglich nur eine steckt. Die erhoffte Schwarmintelligenz wäre damit wertlos. Wenth brach den Versuch ab.
Eine Wette bringt 240 Prozent Gewinn
Bei E-Sport-Wetten lief es zwischenzeitlich besser. Am 30. März setzte Wenths Bot auf ein Counter-Strike-Match. Drei Konten, die sein Programm beobachtete, hatten dieselbe Seite gewählt, als ein Anteil 28,5 Cent kostete. Drei Stunden später lag der Preis bei 97 Cent und der Bot verkaufte. Wenth verdiente mit dieser Wette 23,91 Dollar, rund 240 Prozent auf seinen Einsatz.
Auf Social Media könnte daraus leicht die Geschichte vom erfolgreichen Wett-Bot werden. Wenth selbst sieht das anders. Für ihn sind einzelne Treffer kein Beweis für eine funktionierende Strategie. „Vier Trades sind keine Statistik, sie sind eine Anekdote“, sagt er.
Wenn der Gewinn nur im Video existiert
Wie überzeugend solche Erfolgsgeschichten aussehen können, zeigte Anfang 2026 der Student George Makihara. In einem Video ließ er Zuschauer glauben, er hätte auf Polymarket 100.000 Dollar gewonnen. Angeblich setzte er darauf, Donald Trump werde in diesem Monat öffentlich das Wort „McDonald’s“ sagen. Trump sagte den Markennamen, Makihara jubelt.
Laut einer Recherche des Wall Street Journal war die gezeigte Wette jedoch nicht echt. Die Zeitung untersuchte über 1.100 Videos von Creatorn, die Polymarket bewarben, und fand zahlreiche vorgetäuschte Wetten auf nachgebauten Versionen der Plattform. Polymarket bezahlte laut der Recherche Influencer für Werbung.
Gerade für uns ist dieser Unterschied wichtig. Ein Video mit einem riesigen Gewinn zeigt weder, welches Risiko dahinterstand, noch ob der Trade überhaupt stattgefunden hat. Wenth warnt deshalb vor Anbietern, deren eigentlicher Gewinn gar nicht aus ihren angeblich erfolgreichen Systemen kommt. „Der Typ im Video gewinnt auch, aber nicht durch den Bot“, sagt er über manche Anbieter. „Er gewinnt durch Kurse, Affiliate-Links auf Handelsplattformen, Abos und Werbeeinnahmen. Sein Geschäftsmodell bist Du.“
24 Milliarden Dollar in einem Monat
Polymarket und co. entwickelten sich über das letzte Jahr zu riesigen Märkten, Rufe nach Regulierung werden größer. Manche Ereigniswetten gelten in Europa rechtlich als Finanzprodukte, bei anderen greifen die Glücksspielgesetze einzelner Staaten. Eine Website einheitlich zu regulieren, die wie eine Mischung aus Börse, Nachrichten-App und Wettplattform aussieht, ist schwierig.
Frankreich zeigt, wie unterschiedlich Staaten damit umgehen. Dort ließ die Glücksspielbehörde Polymarket im Juli 2026 sperren und stuft das Angebot als unerlaubtes Glücksspiel ein.
Was Wenth einem 18-Jährigen rät
Trotz seines Verlusts hält Wenth sein Experiment nicht für sinnlos. Vom Programmieren eines solchen Bots würde er einem 18-Jährigen nicht grundsätzlich abraten. Dabei könne jeder viel über Programmieren, Daten und Wahrscheinlichkeiten lernen. Beim echten Geld zieht er eine deutlichere Grenze. Wer damit experimentiert, so Wenth, solle nur so viel Geld einsetzen, wie er sich auch leisten kann, zu verlieren.
Seine eigenen Zahlen zeigen, warum. 42 Tage, 587 Dollar Einsatz, eine Strategie mit über 70 Prozent richtigen Entscheidungen und zwischenzeitlich ein einzelner Gewinn von 240 Prozent klingen zunächst nach einer ziemlich guten Ausgangslage. Am Ende verlor Wenth trotzdem 178,10 Dollar. Und bei einer seiner Wetten entschieden darüber gerade einmal zwei Zehntel Grad.
Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit der Schüler*innenzeitung campus a college.
Kommentare