- 39 Prozent der 30-34-jährigen Europäer leben in WGs
- Soziale Netzwerke und Institutionen lösen sich zunehmend auf
- Eine WG kostet häufig nur halb so viel, wie eine eigene Wohnung
- Wohnungen werden in Zukunft noch knapper
Isabella wohnt seit Jahren in WGs. Die Mitbewohner wechseln, die Wohnungen auch. Sie ist mittlerweile Mitte Dreißig, gerade hat sie ein Zimmer in der Zweitwohnung ihrer Mutter im sechsten Bezirk. Jeder Raum ist einzeln vermietet, neue Mitbewohner suchen sie immer gemeinsam aus. Alle sind berufstätig. Statt wilde WG-Partys zu feiern, sitzen sie höchstens gemütlich zusammen in der Küche sie leben hier nicht in einer klassischen Studenten-WG.
39 Prozent der 30- bis 34-jährigen Europäer leben heute in WGs, schreibt das Bundesbaublatt. Auch der Wohnsoziologe und Stadtforscher der Universität Tübingen, Gerd Kuhn, spricht von einer Tendenz zu alternativen Wohnkonzepten. Für ihn spielt die Isolation der Gesellschaft dabei eine große Rolle. „Wir merken ein Auseinanderdriften in ganz vielen Bereichen“, sagt Kuhn. „Diese Netzwerke, die es früher gab, Kirchen, Gewerkschaften, Parteien oder Stammtische lösen sich immer mehr auf.“ Deshalb sehnen sich die Menschen verstärkt nach Gesellschaft.
Der Einsamkeit entgegenwirken
„Für mich gibt es kaum etwas Schöneres, als nach Hause zu einer Freundin zu kommen, lange Mädelsabende zu haben und zusammen zu kochen“, sagt Mariam. Sie lebt mit 31 Jahren in einer WG, für sie ist das eine reine Lifestyle-Entscheidung. Warum alleine leben, wenn sie ihr Zuhause auch mit der besten Freundin teilen kann?
„Den Eindruck, andere Wohnformen würden gesellschaftlich verurteilt, habe ich gar nicht mehr“, sagt Kuhn. „Viele Menschen sehen das als Chance. Gerade die Gemeinschaft und die Kostenersparnis.“
Mariam ist es egal, was andere dazu sagen. „Hier in Wien werde ich kaum verurteilt“, sagt sie. „Erzähle ich in meinem kleinen Heimatdorf auf dem Land aber von meiner Wohnsituation, reagieren manche schon fragend“, sagt sie. „Aber das ist okay. Leute urteilen sowieso immer.“
Mieten sind teuer
„Ich würde schon gerne allein wohnen“, sagt Isabella. „Finanziell ist es aber ganz schwierig momentan.“ In ihrer Vierer-WG zahlt sie für ihr 22 Quadratmeter-Zimmer rund 550 Euro. Für eine nur etwas größere Einzelwohnung würde sie schnell mehr als 1000 Euro zahlen.
Gerade für jüngere Berufstätige sei eine Wohngemeinschaft häufig eine gute Option, sagt Kuhn. Viele Berufstätige würden nicht dort arbeiten, wo ihre Familie oder ihr Partner leben, Berufsanfänger seien ebenso viel unterwegs. „Da liegt es nahe, die Kosten der Werktags-Wohnung nicht allein tragen zu wollen.“
Wirtschaftliche Lage führt zu weniger Neubau
Immer mehr Menschen weichen also in WGs aus, das hängt auch mit der angespannten Lage am Immobilienmarkt zusammen. Weil die Wohnungen so knapp sind, entwickeln sich die Preise in Wien nun schon das zweite Jahr in Folge über der Inflationsrate. Michael Pisecky von der WKO Wien sagt, Projektentwickler hielten sich aktuell zurück, die wirtschaftliche Lage verunsichere sie. Wenn viele Projekte gestoppt werden, könnten Wohnungen in den kommenden Jahren noch knapper werden.
Isabella versucht das Ganze praktisch zu sehen. „Ich bin sowieso den ganzen Tag unterwegs, wieso soll ich die Kosten für eine leere Wohnung dann allein tragen?“ Irgendwann hätte sie trotzdem gerne eine Wohnung für sich.
Ähnlich geht es der 36-jährigen Sarah und ihrem Partner. „Wir würden lieber zu zweit wohnen, aber aktuell können wir uns das nicht leisten“, sagt sie. Die beiden arbeiten als Videodesigner für Opernproduktionen. „Die Arbeit hängt stark von der jeweiligen Auftragslage ab“, sagt sie. „Es ist schwierig regelmäßig an Jobs zu kommen.“ Die Wohnung im 18. Bezirk teilt sich das Paar mit einem Mitbewohner. Sie ist größer als nötig und perfekt gelegen, hier können sie auch Geld sparen. „Die Wirtschaftslage bringt uns Millennials leider zunehmend in solche Situationen.”
Wohnen im Wandel
„Wir können nicht mehr sagen, nur Studenten würden in Wohngemeinschaften wohnen“, sagt Wohnsoziologe Kuhn. "Das war vielleicht vor dreißig Jahren der Fall, aber Wohnkonzepte werden immer pluraler.“ Menschen wollten und könnten nicht mehr dem traditionellen Konzept der Lebensphasen folgen, wie es früher üblich war. Lebensläufe würden entstandardisiert, sagt er. Klassisches Wohnen könnte in zwanzig Jahren ganz anders aussehen. „Das ist eine neue Form von Nachbarschaft.“, so Kuhn.
Für Isabella hat sich das WG-Leben über die Jahre sehr verändert. Sie genießt die gemeinsamen Abende, aber das Zusammenleben ist ruhiger geworden. An die Politik hat sie einen einfachen Wunsch: „Wohnen muss wieder leistbar sein. Mittlerweile können nicht nur Studierende Unterstützung gebrauchen, sondern Menschen in allen Lebenslagen.“
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