„In Österreich darf der studieren, der es auch in seinem Heimatland dürfte. Das wäre ein gerechter Zugang und würde die hohe Anzahl an Numerus-Clausus Flüchtlingen reduzieren“, fordert die Tiroler Liste Fritz gegenüber campus a. So habe es Österreich schließlich auch vor dem EU-Beitritt gehandhabt. Die Politik feuert die Diskussion um die ausländischen Studierenden also pünktlich zum Semesterstart wieder an.
Die Liste Fritz sagt, sie wolle den gesamten Ausländeranteil an den Hochschulen reduzieren. Dabei stehen häufig insbesondere die deutschen Studierenden, gerne als sogenannte Numerus-Clausus-Flüchtlinge bezeichnet, im Mittelpunkt. campus a hat die Zahlen genauer angeschaut und festgestellt, so schwarz und weiß ist die Debatte nicht.
Deutsche Studierende in Österreich
Wie viele Deutsche studieren überhaupt in Österreich? Auf den ersten Blick wirkt die Zahl für das Wintersemester 24/25 groß. „44.200 deutsche Staatsbürger und Staatsbürgerinnen, also Studierende, nicht Studien, waren eingeschrieben“, sagt Martin Unger vom Institut für Höhere Studien (IHS).
Aber die Statistik spiegelt nicht gleich die Realität wieder. Unter den 44.200 sind auch jene, die seit ihrer Kindheit in Österreich leben und hier Matura gemacht haben. „Die verhalten sich eher wie Österreicher und Österreicherinnen und weniger wie internationale Studierende, die zum Studium nach Österreich kommen“, sagt Unger.
Tatsächlich haben knapp 31.000 Studierende ihre Heimatadresse in Deutschland. Wie viele davon wirklich erst fürs Studium über die Grenze gezogen sind, ist unklar. Manche verlegen ihren Wohnsitz auch schon vor der Inskription. Die Zahl liegt also wahrscheinlich etwas höher. Weitere 3.100 Deutsche studieren an Privatunis. „Gut 60 Prozent von ihnen zahlen die vollen Gebühren selbst“, rechnet Unger vor. Den Staat kosten diese Studierenden keinen Cent. Sie werden aus der Debatte komplett herausgerechnet.
Was kostet ein Studienplatz?
Einen Pauschalpreis pro Uni-Platz, gebe es nicht, sagt Unger. Eine große Universität, die Wirtschaftsuniversität Wien etwa, könne größere Lehrveranstaltungen anbieten und dadurch die Kosten pro Kopf senken. „An kleineren Universitäten, aber erst recht an Fachhochschulen, kostet dann auch ein Wirtschaftsstudium deutlich mehr“, sagt er.
„Die Kosten je Fachbereich müssten dann mit den Studierenden je Fachbereich gewichtet werden“, sagt der Experte im Gespräch mit campus a. Ein Medizinstudium mit vielen Laboren koste den Staat deutlich mehr als ein leselastiges, geisteswissenschaftliches Studium. „Ein altes Gebäude an der Wiener Ringstraße kostet zusätzlich auch mehr Miete und Unterhalt als ein vergleichsweise neues Gebäude am Stadtrand von Linz“, sagt Unger.
Wirtschaftlicher Nutzen
Internationale Studierende sind jedoch keineswegs nur ein Kostenfaktor. Sie wohnen, essen und leben hier, zahlen Umsatzsteuer und bei Nebenjobs auch Lohnsteuer. Laut der Studierenden-Sozialerhebung geben deutsche Studierende im Schnitt rund 1.300 Euro pro Monat aus, das hilft der österreichischen Wirtschaft.
Dazu kommt der hohe Anteil internationaler Studierender in einigen spezialisierten Masterprogrammen. Bei englischsprachigen Studien wie Horticultural Science an der BOKU in Wien oder Digital Engineering an der TU Graz liegt dieser Anteil bei 75 Prozent. „Wären die internationalen Studierenden nicht, gäbe es womöglich auch einige dieser Studien nicht“, sagt Unger. „Würden diese Studiengänge wegfallen, dann wäre das Studienangebot auch für Österreicher und Österreicherinnen eingeschränkter und mehr von ihnen würden ins Ausland gehen.“
Studierendenmobilität ist keine Einbahnstraße
Bei der Diskussion über ausländische Studierende, kommen häufig die Österreicher zu kurz, die für ihr Studium ins Ausland ziehen. Im Wintersemester 2024/25 waren 17.782 österreichische Studierende nur an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Rechnen wir diese Zahl auf die Bevölkerungsgröße der beiden Länder hoch, studieren relativ gesehen also deutlich mehr Österreicher in Deutschland, als anders herum.
Dahinter steckt aber nicht zwangsläufig ein Umzug über die Grenze. Deutschland erlebt seit Jahren einen Boom bei Fern- und Online-Studiengängen. „Sehr wahrscheinlich studieren viele der Österreicher in Deutschland im Fernstudium und leben weiterhin in Österreich“, gibt Unger zu bedenken. Die wirtschaftlichen Vorteile bleiben in diesem Fall auch in Österreich. Ein Beispiel ist die Fernuni Hagen. Die Universität hat aktuell rund 69.000 Studierende und ist damit die größte staatliche Uni Deutschlands.
Internationale können nach ihrer Rückkehr Vorteile bringen
„Ich würde es nicht für unverschämt halten, wenn ausländische Studierende verpflichtet werden, eine Zeit lang bei uns zu arbeiten“, sagte FPÖ-Politiker Patrick Haslwanter gegenüber der Kronen Zeitung zu den internationalen Studierenden. Nicht nur Haslwanter sieht das so, die Idee taucht in Politik und Medien regelmäßig auf. Wer beinahe kostenlos studiert, soll die Rechnungen später über Steuern abbezahlen.
„Eine Zeit lang gab es in Indonesien viele Minister und hohe Regierungsbeamte, die in Deutschland Ingenieurwesen studiert haben“, sagt Unger dazu. „Das waren goldene Zeiten für die deutsche Industrie.“ Die Rückkehr einer einzigen Fachkraft in ihr Heimatland könne für Österreich unter dem Strich lukrativer sein, als ein gesamtes Berufsleben als Angestellter im Inland. Kehrt eine Person heim und vergibt später Aufträge nach Österreich, kann sich die Ausbildung sehr vieler Menschen mit einem einzigen Deal rentieren.
Wer nach dem Studium im Land bleibt, erzeuge oft auch enorme Sekundäreffekte, so Unger. Gerade MINT-Absolventen gründen überdurchschnittlich häufig Unternehmen. Entsteht daraus ein erfolgreiches Start-up, zahlt eine einzige Person über geschaffene Arbeitsplätze und Unternehmenssteuern die Ausbildungskosten für viele andere zurück.
Das berühmte Beispiel mit den deutschen Medizinern
Rein volkswirtschaftlich kann sich die Rechnung für das Studienland also lohnen. Die politische Debatte entzündet sich jedoch ohnehin selten an den Nischenfächern, sondern dort, wo Österreich dringend Nachwuchs benötigt. Die Internationalisierung kann andere Probleme verschärfen, gerade in Bereichen wie dem Personalmangel im Gesundheitssektor oder dem angespannten Wohnungsmarkt.
Das prominenteste Beispiel ist die Medizin. Seit Jahren warnen Medien hier vor einem Versorgungsengpass. „Die Zahl der Studienplätze ist fixiert“, sagt Pressesprecherin Barbara Hoffmann-Ammann von der Medizinischen Universität Innsbruck. Hier gibt es exakt 430 Studienplätze. Um den heimischen Zugang zu diesen begrenzten Plätzen zu sichern, gilt eine gesetzliche Quote. Mindestens 75 Prozent der Studienplätze sind für Personen mit Maturaabschluss aus Österreich reserviert.
Die Maßnahme zeigt Wirkung. Seit Einführung des Aufnahmeverfahrens im Jahr 2006, meldeten sich nun mit 1.776 Studierenden bei den Humanmedizin-Fixanmeldungen erstmals wieder mehr Bewerber aus dem Österreicher-Kontingent, als aus dem EU-Kontingent an. Aus dem EU-Ausland bewarben sich 1.315 Studierende, davon 1.196 aus Deutschland.
Innsbruck und der Wohnungsmarkt
Die Auswirkungen dieser Debatte fallen regional sehr unterschiedlich aus. „Während in Graz der Anteil der österreichischen Studienneulinge bei knapp 70 Prozent liegt, sind es in Innsbruck 38 Prozent“, sagt Liste-Fritz-Parteichefin Andrea Haselwanter-Schneider.
Das Hauptproblem sieht die Liste Fritz auf dem Wohnungsmarkt. WGs treiben die Mietpreise in die Höhe, das könne Familien verdrängen. Ausländische Studierende würden auch Wertschöpfung und Steuern bringen, das bestreitet die Partei nicht. Das Verhältnis an der Uni sei jedoch schlicht „aus den Fugen geraten“, so Haselwanter-Schneider.
Unger sagt, Universitäten und Städte hätten schlicht unterschiedliche Interessen. Während die Stadt den Wohnungsmarkt im Blick hat, profitieren Unis von der Internationalisierung. Beim Wohnraum sieht Unger eine vermeintlich einfachere Lösung, mehr Wohnheime und gezielten Neubau. Wo Kapazitäten bei Lehrenden oder Laboren tatsächlich knapp werden, hätten Universitäten bereits heute das Recht, die Aufnahme zu beschränken, sagt er.
Österreich ist mit diesem Problem nicht alleine
Österreich darf den Zugang zum Medizinstudium nach Herkunft des Reifezeugnisses allerdings nur aufgrund einer rechtlichen Ausnahme beschränken. Eigentlich verbietet das EU-Recht eine Benachteiligung von EU-Staatsangehörigen. Österreich musste genau darlegen, wieso der starke Zustrom ausländischer Studierender das Gesundheitssystem gefährdet.
Auch im französischsprachigen Teil Belgiens gab es einen enormen Zulauf aus Frankreich. Belgien nutzte dieselbe rechtliche Regelung wie Österreich, um den Andrang einzudämmen. Die Schweiz hat das Finanzierungsproblem zum Beispiel inländisch gelöst. Dort zahlt der Heimatkanton für jeden Studierenden an den Universitätskanton. Studiert also jemand aus Zürich in Bern, überweist Zürich die Kosten für die Ausbildung. Auf EU-Ebene fehlt ein solches System.
Für Unger liegt das eigentliche Problem ohnehin in der Zeit nach dem Studium. Aufgrund unattraktiverer Ausbildungsbedingungen und niedrigerer Einstiegsgehälter im Vergleich zur Schweiz oder Deutschland verlassen auch viele österreichische Medizinsabsolventen das heimische Gesundheitssystem.
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