„Bei dreißig Grad ist es schon heiß im Anzug“, sagt Christopher Eichinger. Der 40-jährige Fiakerfahrer steht in elegantem Outfit und Melone neben seiner Kutsche. Es ist unangenehm heiß, die Pferde schnauben. Eichinger hält Ausschau nach Touristen, die Lust auf eine bequeme Sightseeing-Tour haben, aber noch ist niemand in Sicht. Ein anderer Fiaker reiht sich gerade in den Verkehr ein, Eichingers Pferde klappern ein paar Schritte nach vorne, um den Anschluss an die Reihe nicht zu verlieren.
Seit dreizehn Jahren ist er Fiakerfahrer, schaut sich nach Touristen um und kutschiert sie durch die Wiener Innenstadt. Die Branche wird kleiner, die Kollegen weniger, Eichinger bleibt. „Ich weiß zwar kaum von Betrieben, die zugemacht haben“, sagt er. „Aber es wird immer schwieriger.”
Melone statt Jogginghose
„Angefangen habe ich bei einem Bekannten von mir, als Stallbursche“, erzählt Eichinger. „Irgendwann habe ich gesagt, ich möchte auch selbst auf der Kutsche fahren.“ Nach sieben Gesprächsversuchen ist Eichinger der erste Fiakerfahrer, der sich gerne mit campus a unterhält, eine Kollegin hatte auf ihn verwiesen. Fröhlich steht er neben seinen Pferden und blinzelt in die Sonne.
Auf Nachfrage stellt Eichinger auch seine Kollegen Blacky und Ares vor. Die beiden sitzen aber nicht auf dem Bock, sie ziehen die Kutsche. „Einen Tag sind sie bei uns hier, dann kommen sie zurück in die Stallungen und am nächsten Tag fahre ich dann mit anderen Pferden“, sagt er und lacht. „Die beiden haben also eigentlich mehr Pause als ich.” Laut AMS verdient ein Kutscher 2.000 bis 3.000 Euro brutto pro Monat, Eichinger bestätigt das.
„Die Tradition gibt das vor“, sagt der Kutscher. Die Melone am Kopf, diskret gekleidet, das gehöre zum Fiaker dazu. „Mit Jogginghose oder einer kurzen Hose kann ich nicht fahren. Im Anzug ist es aber schon heiß manchmal.” Kurz muss Eichinger das Interview unterbrechen, Blacky ist ihm auf den Fuß getreten. In der Freizeit trage er gerne kurze Hosen, ergänzt er dann, im Job sei ihm das elegante Outfit aber sehr recht.
Die Fahrten sind ein teurer Spaß. Das günstigste Angebot macht Fiaker Rieger, für sechzig Euro können Touristen eine zwanzigminütige Rundtour buchen. Eine dreißigminütige Fahrt durch Schönbrunn kostet bei Fiaker Paul bereits 95 Euro, die Preisspanne erstreckt sich bei der Wiener Fiaker Zentrale bis zu 460 Euro für eine dreistündige Fahrt.
„Es wird schwieriger”
Im Jahr 2016 hat die Stadt Wien die Standplätze für Fiaker reduziert und die Tierschutzbestimmung verschärft. Damals gab es noch 28 Fiakerbetriebe in Wien, inzwischen sind es nur mehr neunzehn. Schon vor der Durchsetzung der Gesetze im Sommer 2016 haben Kritiker die Sorge geäußert, die neuen Einschränkungen könnten die Betriebe gefährden.
Seit den Verschärfungen dürfen die Pferde nur noch jeden zweiten Tag arbeiten und statt nach vierzehn Stunden, müssen sie jetzt nach dreizehn Stunden Feierabend machen. „Künftig dürfen nur mehr Tiere als Zugpferde eingesetzt werden, die auf Grund ihres Wesens und des Ausbildungs- und Trainingszustandes nachweislich mit dem Einsatz als Fiakerpferd gut zurechtkommen”, steht im Maßnahmenpaket, das die Stadt Wien mit Pferdeexperten ausgearbeitet haben. Nicht mehr jedes Pferd darf Zugpferd werden.
Für Eichinger sind die Auflagen allerdings kein Grund einen Betrieb zu schließen. „Altersbedingt hat vielleicht jemand zugemacht“, sagt er. „Ich weiß aber nichts von einer Schließung wegen der ganzen Auflagen. Wir halten uns ja an alles.”
Die Tierschutzdebatte
„Wir lieben unsere Pferde und haben zu jedem einzelnen eine persönliche Beziehung”, schreibt die Fiakerzentrale Wien auf ihrer Webseite. „Wir investieren viel Geld in deren Wohl, weit über die gesetzlichen Vorschriften hinaus.” Fiakerpferde dürfen nur vier Tage in der Woche arbeiten, drei Tage müssen sie frei haben, verlangt das Tierschutzgesetz.
Seit vielen Jahren steht die Branche wegen der Tierschutzbedenken in der Kritik, die Verschärfungen im Jahr 2016 hat die Stadt Wien vorrangig zum Wohl der Pferde veranlasst. Eichinger kann die Kritik nicht nachvollziehen. „Wir sind ein Gewerbe, das eigentlich tagtäglich kontrolliert wird“, sagt er. „Von der veterinärmedizinischen Universität und so weiter.“ Er habe aber nichts zu verbergen. „Alle sehen ja, die Pferde sind gut genährt. Da ist es mühsam, wenn man ständig als Tierquäler beschimpft wird.”
Zwar würde er mit den Pferden arbeiten, aber er sehe sie auch als Haustier und als Partner, sagt er. „Ich meine, ich vertraue ihnen und sie vertrauen mir, sie sicher durch die Stadt zu fahren.”
Tradition seit 1693
Seit dem Jahr 1693 vergibt die Stadt Wien Nummern an die Kutschen und Lizenzen an die Fahrer. Um 1900 war das Fiaker-Gewerbe am Höhepunkt, rund tausend Fiaker gab es damals in Wien. Einige Kutscher zählten zum wertgeschätzen Bürgertum und avancierten aufgrund ihres Schmähs zu lokaler Prominenz. Erst um das Jahr 1950 war das Herumkutschieren nicht mehr nur Mittel zum Zweck, sondern auch eine beliebte Sightseeing-Option.
An diesem Samstag machen die Kutscher und Pferde erst um 22 Uhr Feierabend, bei dem schönen Wetter läuft das Geschäft gut, niemand möchte früher nach Hause gehen. Eichinger blickt zufrieden auf seinen Beruf, er macht seine Arbeit gerne. Es sei ein kommunikativer Job, sagt er und die Altstadt ein schöner Arbeitsplatz. „Am meisten Spaß macht mir der Kontakt mit den Menschen“, sagt er. „Naja, und die Innenstadt ist halt die Innenstadt.”
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