Als Geschäftsführer Florian Novak im vergangenen Jahr um Unterstützung für ein neues Medienprojekt wirbt, bittet er seine künftigen Leser um etwas, das in Zeiten kostenloser Nachrichtenfeeds fast schon radikal wirkt, er will Geld von ihnen. 18,90 Euro pro Monat kostet eine Mitgliedschaft bei JETZT. Für Studierende und Schüler 9,90 Euro. Dafür verspricht das Magazin unabhängigen Journalismus ohne Klickjagd, ohne Werbeflut und mit Geschichten, die ihre Autorinnen und Autoren selbst erzählen. „Informiere dich über das interessanteste journalistische Projekt, was in Österreich an den Start geht“, sagt Novak am Anfang der Kampagne im Februar 2025 auf Instagram.
Viele hielten das Vorhaben für gewagt, komplett ohne Werbung oder Inserate, JETZT brauchte 5000 zahlende Mitglieder um an den Start zu gehen. Sieben Monate später ist das Projekt noch immer auf Kurs, sagt der Gründer. „Wir haben uns vorgenommen, jeden Werktag einen Morgenüberblick, eine kürzere Hintergrundgeschichte und eine ausführliche Reportage oder Analyse zu veröffentlichen“, sagt Novak. „Dieses Versprechen haben wir gehalten.“
„Wir wachsen, aber wir wachsen nicht schnell genug"
Seit dem Start gewann JETZT nach eigenen Angaben bereits rund 500 zusätzliche Mitglieder. Die genaue Zahl möchte der Geschäftsführer derzeit noch nicht veröffentlichen. „Wir wachsen, aber wir wachsen nicht schnell genug“, sagt Novak. Weiter machen sie trotzdem.
Gerade wirbt JETZT um 1000 neue Mitglieder, die sollen bis zum 8. Juli dazukommen. Dafür machen sie auch sieben Versprechen. Zum Beispiel eine gratis-Mitgliedschaft für 1000 Erstwählerinnen und Erstwähler, noch detailliertere Berichterstattung in den Bundesländern oder Kooperationen mit Schulen.
Journalismus zum Anhören
Wer die App von JETZT öffnet, stößt schnell auf die Unterschiede zu klassischen Nachrichtenportalen. Statt blinkender Eilmeldungen und endloser Newsfeeds dominieren wenige ausgewählte Geschichten. „In Zeiten von immer mehr KI erzählt bei uns die Autorin oder der Autor die Geschichte selbst“, sagt Novak.
Jeder Artikel erscheint zusätzlich als Hörfassung. Die Beiträge produziert JETZT dabei aufwendig mit Musik und Hintergrundgeräuschen. Der Radiosender Ö1 sendet inzwischen auch Beiträge von JETZT. Dadurch verdient das Magazin zusätzliches Geld und erreicht Hörer, die bisher nie auf der Website waren.
Aus Abonnenten werden Mitglieder
Novak spricht konsequent von Mitgliedern statt von Abonnenten. „Die tragen uns, für die machen wir es auch“, sagt er. „Mitglieder“, das sagt er im Gespräch häufig. Seit dem Start veranstaltete JETZT bereits Podcast-Abende und regelmäßige Werkstätten in mehreren Städten. Dort erklärt die Redaktion ihre Arbeit, diskutiert mit Mitgliedern und sammelt neue Themenideen. „Wir gehen das sehr in einen Dialog“, sagt Novak. Die Community sei für das junge Medium zu einem „beglückenden Erlebnis“ geworden.
Jahr für Jahr fließen Millionenbeträge aus Presseförderungen und staatlichen Inseraten an Medienhäuser. Allein die Bundesregierung gab in den vergangenen Jahren regelmäßig zweistellige Millionenbeträge für Werbeschaltungen aus. Der Begriff „Inseratenkorruption“ schaffte es sogar in den österreichischen Sprachgebrauch. JETZT möchte sich davon distanzieren. „Die Alternative könnte ähnlich ausschauen wie 16 Jahre lang in Ungarn: eine Medienlandschaft in Abhängigkeit von der Regierung“, sagt Novak.
Die ungewöhnlichste Kommentarspalte des Landes
Wer bei JETZT diskutieren möchte, tut das unter seinem echten Namen, anonyme Kommentare gibt es nicht. Erst mit dem Aufstieg sozialer Netzwerke etablierten sich anonyme Kommentarspalten als Standard. Viele Medien schränkten sie später wieder ein oder schlossen sie ganz.
Zusätzlich begleiten die Autorinnen und Autoren bei JETZT die Debatten selbst. Sie diskutieren mit, beantworten Fragen und moderieren die Gespräche. Auch andere Mitglieder der Redaktion beteiligen sich regelmäßig.
Vor dem Start hätten zahlreiche Branchenkollegen Zweifel geäußert, erzählt Novak. Die Diskussionen würden rasch entgleisen, Beschimpfungen würden überhandnehmen. Passiert sei das Gegenteil. „Das ist eine niveauvolle, wertschätzende Debatte“, sagt er.
Gegen den Algorithmus
„Viele Menschen scrollen täglich durch hunderte Meldungen, Videos und Push-Nachrichten“, sagt Novak. Dabei wüssten sie nicht was davon wichtig ist, das gehe in der Nachrichtenflut schnell unter. „Viele erkennen dann, sie sind einem Algorithmus ausgeliefert, der oft nur das Interessante spielt, aber nicht das Wesentliche“, sagt er. Deswegen würden die Mitglieder auch bereit sein den Monatsbeitrag zu zahlen.
JETZT verspricht daher das Gegenteil des endlosen Scrollens durch Nachrichten, Videos und Schlagzeilen. „Wir schützen dich vor zu viel Information“, lautet einer der Leitsätze des Mediums. Statt möglichst viele Meldungen zu veröffentlichen, setzt die Redaktion auf eine überschaubare Auswahl an Geschichten. Im Zentrum stehen Themen, die laut Novak „die Welt vor der Wohnungstür“ erklären und das Zusammenleben in Österreich betreffen.
Novak sieht sein Medium nicht nur in Konkurrenz zu anderen Redaktionen. „Wenn ich alle Zeit der Welt hätte, könnte ich auch Podcast Nummer 37 hören“, sagt er und verweist auf die Vielzahl digitaler Angebote. Darin liegt die Herausforderung für neue Medien. Früher konkurrierte eine Zeitung vor allem mit anderen Zeitungen. Heute kämpfen journalistische Angebote um dieselbe Aufmerksamkeit wie TikTok, Instagram, Netflix, Spotify oder unzählige Podcasts. Jede Minute, die jemand mit einem ausführlichen Artikel verbringt, verbringt er nicht auf einer anderen Plattform.
Vorbilder aus dem Ausland
Novak verweist auf Medien wie die De Corresponden, aus Amsterdam, Republik aus Zürich oder Zetland aus Kopenhagen. Sie finanzieren ihren Journalismus seit Jahren über ihre Mitglieder. „In jedem Land gibt es schon ein mitgliederfinanziertes Medium. Außer in Österreich bisher“, sagt Novak. Diese internationalen Erfolgsgeschichten hätten auch geholfen, Investoren vom Projekt zu überzeugen.
Bis heute arbeitet das Unternehmen vollständig digital. Eine gedruckte Ausgabe steht derzeit nicht zur Debatte. „Wir wollen dort sein, wo unsere Zielgruppe ist.“, sagt Novak.
Kann dieses Modell funktionieren?
In den vergangenen Jahren verschwanden mit dem Portal NZZ.at und dem Magazin Addendum zwei Medienprojekte vom Markt. Für Novak widerlegen sie die Idee hinter JETZT nicht. Im Gegenteil: Beide hätten gezeigt, dass Menschen durchaus bereit sind, für hochwertigen Journalismus zu bezahlen, auch wenn es langfristig nicht funktionierte. Die Frage sei nicht, ob Nachfrage existiert, sondern welches Modell langfristig funktioniert.
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