Als sein 18. Geburtstag näher rückt, schläft Daniel schlechter. Noch drei Monate, dann muss er raus aus der Wohngemeinschaft, in der er seit zwei Jahren lebt. Hier hatte er zum ersten Mal so etwas wie Stabilität. Geregelte Tage, Unterstützung durch Sozialarbeiter, ein eigenes Zimmer. Daniel hat einen Pflichtschulabschluss und macht eine Lehre zum Zimmerer, doch das Geld reicht kaum. Dazu kommen Schulden, die er von seinem verstorbenen Vater übernommen hat. Eine eigene Wohnung? Unleistbar. Zurück zur Familie? Keine Option. Die Mutter hat die Familie verlassen, da war Daniel keine zehn Jahre alt. „Ich weiß nicht, wohin ich soll“, sagt er besorgt. Seine größte Angst ist auf der Straße zu landen. „Da kommt es immer wieder zu Übergriffen. Niemand möchte so ein Leben führen.“
Tausende Jugendliche in ganz Österreich betroffen
Daniels Situation ist kein Einzelfall. In Österreich leben Zahlen der Statistik Austria zufolge mehr als 13.000 Kinder und Jugendliche im Rahmen der sogenannten „vollen Erziehung“ nicht bei ihren Eltern. Sie sind also entweder in stationären Einrichtungen wie Wohngruppen oder Kinderdörfern untergebracht (61,7 Prozent) oder leben bei Pflegeeltern.
Wohngruppen (WGs) gelten als wichtige Säule der Kinder- und Jugendhilfe: Sie bieten Struktur, fördern schulische und berufliche Entwicklung und stabilisieren oft belastete Biografien. Doch das System hat eine entscheidende Lücke.
Mit der Volljährigkeit endet die reguläre Hilfe zur Erziehung, eine weitere Betreuung muss gesondert bewilligt werden. In Zeiten, wo gespart wird, ist es ungewiss, ob diese tatsächlich bewilligt wird. Fachleute fordern daher genau das: Sicherheit für Jugendliche über 18. "Leider ist das nicht institutionalisiert. Das wäre ein großer Wunsch von uns, also, dass standardmäßig eine Betreuung bis 21 möglich ist", sagt Pädagogin Christina Seeland in einem Interview mit dem Standard.
Durchschnittlich leben Jugendliche in Österreich bis 25 bei ihren Eltern, im europäischen Schnitt sind es sogar 26 Jahre. "Mit 18 Jahren ist man in den aller seltensten Fällen so weit, um völlig auf eigenen Beinen zu stehen", sagt Seeland. "Warum sollte das bei unseren Jugendlichen anders sein?"
In Österreich ist die Kinder- und Jugendhilfe Ländersache, die Gegebenheiten sind daher recht unterschiedlich. Vorreiter ist das Burgenland, dort wurde die Möglichkeit der Betreuung bis zum 24. Lebensjahr ausgedehnt. So lange können Jugendliche auch in die Betreuung zurückkehren, wenn sie es brauchen.
„Aftercare“-Angebote müssen ausgebaut werden
Während Gleichaltrige oft noch Jahre bei ihren Eltern wohnen oder finanzielle Unterstützung erhalten, stehen ehemalige Bewohner von Wohngruppen mit 18 plötzlich allein da. Ohne familiäres Netz, ohne Rücklagen und oft mit unsicheren Einkommensverhältnissen. Die Folge: ein erhöhtes Risiko für Wohnungslosigkeit, prekäre Jobs oder den Abbruch von Ausbildung und Lehre.
Fachleute fordern daher seit Jahren den Ausbau sogenannter „Aftercare“-Angebote. lso nachbetreutes Wohnen oder begleitete Übergangsmodelle. Diese könnten jungen Erwachsenen helfen, schrittweise Selbstständigkeit zu erlangen: etwa durch leistbare Wohnformen, sozialpädagogische Begleitung, Unterstützung bei Behördenwegen oder Hilfe im Umgang mit Geld.
Auch präventive Maßnahmen gelten als entscheidend. Dazu zählen frühzeitige Zukunftsplanung, Schuldenberatung, berufliche Perspektiven und psychosoziale Stabilisierung. Studien zeigen: Stabile Übergänge verbessern nicht nur individuelle Lebensläufe, sondern senken langfristig auch gesellschaftliche Kosten, etwa durch geringere Arbeitslosigkeit oder weniger Bedarf an Notunterkünften.
Es geht nicht um dauerhafte Abhängigkeit
Für Daniel bleibt die Zeit knapp. Seine Betreuer versuchen, mit ihm Lösungen zu finden: ein Platz in einer Übergangswohnung, vielleicht Unterstützung bei der Lehrlingsentschädigung. Doch die Nachfrage ist hoch, die Angebote sind begrenzt. „Ich will arbeiten, ich will mein Leben schaffen“, sagt er. „Aber ich brauche noch ein bisschen Hilfe.“
Sein Fall zeigt, worum es geht: nicht um dauerhafte Abhängigkeit, sondern um einen fairen Start ins Erwachsenenleben. Solange dieser fehlt, bleibt für viele junge Menschen wie Daniel der 18. Geburtstag kein Grund zum Feiern, sondern der Beginn einer existenziellen Unsicherheit.
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