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Zwischen Straße und Zukunft: Wie junge Wohnungslose um einen Neuanfang kämpfen

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Volontärin · Fachhochschule Sankt Pölten
26.05.2026
5 Min.

Kevin ist 22, schläft in der Gruft der Caritas Wien und versucht, zwischen Notquartier, Beratungsstelle und Straßenbahn wieder Halt zu finden. Seine Geschichte steht exemplarisch für eine wachsende Gruppe junger Menschen in Wien. Sie leben ohne feste Wohnung und oft auch ohne klare Perspektive.

Über 20.000 Menschen in Österreich sind wohnungs- oder obdachlos. Sie brauchen nicht nur ein Bett, sondern auch soziale Unterstützung (Foto: Shutterstock)

Als Kevin (Name von der Redaktion geändert) die Augen öffnet, ist es noch dunkel. Die Neonröhre im Gang flackert. Es riecht nach Kaffee, Reinigungsmittel und Schlafsälen. Kevin ist 22, aufgewachsen in St. Pölten. Lehre abgebrochen, mehrere kleine Aushilfsjobs, Streit mit der Mutter, irgendwann kein Zurück mehr. Seit einiger Zeit schläft er immer wieder in der Gruft der Caritas Wien, einem der bekanntesten Nachtquartiere der Stadt. „Es ist eh okay hier“, sagt er leise, „aber es ist halt kein Zuhause.“

Tagsüber versucht er, Struktur zu finden. Manchmal geht er zur Beratung, manchmal läuft er einfach durch die Stadt. Sein Rucksack ist alles, was er noch hat. „Ich will wieder arbeiten“, sagt er. „Ich habe den Boden unter den Füßen verloren.“

Mehr als 20 Prozent der Obdachlosen sind unter 25 Jahre alt

Kevin ist kein Einzelfall. Laut Statistik Austria sind mehr als 20.000 Menschen in Österreich wohnungs- oder obdachlos. Mehr als 20 Prozent davon sind unter 25 Jahre alt. Viele weitere Menschen tauchen in keiner Statistik auf, weil sie bei Freunden, Bekannten oder ohne Meldung leben.

Wohnungslosigkeit beginnt selten plötzlich. Oft erleben Betroffene vorher lange Phasen der Unsicherheit: Streit in der Familie, Schulabbrüche, psychische Belastungen oder fehlende Unterstützung. Viele junge Menschen geraten dadurch in einen Zwischenraum: Sie sind nicht mehr abgesichert, und nicht in einem Hilfesystem integriert.

Wohnungslose haben oft schwere Startbedingungen

Der Schritt ins Erwachsenenleben gilt als Phase mit vielen Möglichkeiten. Für viele junge Menschen ist er aber vor allem unsicher. Ausbildung, Job, eigene Wohnung. Diese Übergänge sind oft nicht mehr klar planbar. Wer dabei scheitert, fällt schnell aus dem System. Gleichzeitig werden hohe Erwartungen an Selbstständigkeit früh gestellt, während Unterstützung oft fehlt.

Auch bei Kevin war es kein einzelner Bruch. „Es war alles gleichzeitig“, sagt er. Lehrstelle verloren, Konflikte zuhause, Tod des Vaters, Überforderung und Alkoholsucht der Mutter, kein Geld. Was in der Theorie als „Statuspassage“ beschrieben wird, wird in der Praxis zur Überforderung. Probleme kommen oft gleichzeitig und verstärken sich gegenseitig. So entsteht schnell das Gefühl, keinen Ausweg mehr zu sehen.

Expert*innen betonen, dass Wohnungslosigkeit selten nur eine Ursache hat. Strukturelle Probleme wie hohe Mieten, zu wenig leistbarer Wohnraum und ein schwieriger Arbeitsmarkt treffen auf persönliche Krisen. Besonders in Städten wie Wien verschärft sich die Lage. Hier ist Wohnraum besonders knapp und teuer.

Wie soziale Einrichtungen helfen

Die Wiener Wohnungslosenhilfe versucht genau hier zu helfen. Sie besteht nicht nur aus Notquartieren, Wärmestuben, Tageszentren, sondern auch aus Beratung. Ziel ist es, Stabilität im Alltag aufzubauen.

Wohnungslosigkeit bedeutet mehr als keinen Wohnraum zu haben. Menschen verlieren auch Struktur, Sicherheit und soziale Kontakte. Der Alltag wird oft zur ständigen Organisation von Grundbedürfnissen.

Sozialarbeit spielt dabei eine wichtige Rolle. Sozialarbeiter*innen helfen nicht nur bei der Suche nach einem Schlafplatz, sondern auch bei vielen anderen Dingen. Sie helfen bei Anträgen auf Sozialleistungen, Schulden oder Jobsuche. Ebenso wichtig sind Gespräche und persönliche Begleitung. Oft geht es für Betroffene darum, wieder einen Tagesrhythmus zu finden und kleine Schritte zu planen.

Ziel ist es, wieder Anschluss an die Gesellschaft zu finden. Auch Kevin profitiert davon. „Die Gespräche mit den SozialarbeiterInnen machen mir Mut und geben Hoffnung, dass ich mein Leben wieder in den Griff bekomme.“

Bildung als Chance für ein eigenes Zuhause

Bildung ist für junge Wohnungslose sehr wichtig, viele haben keine abgeschlossene Ausbildung oder schlechte Erfahrungen in der Schule gemacht. Darum setzen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe auf einfache Angebote, Freizeitaktivitäten, kreative Projekte oder kleine Jobs im Haus. Es geht nicht nur darum, beschäftigt zu sein, sondern auch darum, wieder Selbstvertrauen aufzubauen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist dabei die Vermittlung von alltagsnahen Kompetenzen, die direkt auf ein selbstständiges Leben vorbereiten. Mit Geld umgehen, Bewerbungen erstellen, Amtswege.

Solche praktischen Lernangebote helfen dabei, schrittweise wieder Struktur in den Alltag zu bringen und die eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen. Bildung ist so nicht nur schulisches Lernen, sondern als ein Weg, konkrete Zukunftsperspektiven zu entwickeln und langfristig die Chance auf ein eigenes, stabiles Zuhause zu erhöhen. Kevin hat sich auch für einen kleinen Job gemeldet. „Ein bisschen helfen, ein bisschen Geld, das ist gut“, sagt er. „Dann hat der Tag wenigstens Struktur.“

Unterstützung durch Menschen mit einschlägiger Erfahrung

Ein wichtiger Ansatz ist die Peer-Arbeit. Organisationen wie das neunerhaus bilden ehemalige wohnungslose Menschen zu Berater*innen aus. Diese arbeiten später in der Wohnungslosenhilfe und bringen eigene Erfahrungen ein.

Die Idee ist einfach: Menschen öffnen sich oft leichter, wenn sie merken, dass ihr Gegenüber ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Das schafft Vertrauen und kann ein erster Schritt zurück in ein stabiles Leben sein.

Peers nehmen dabei eine wichtige Vermittlerrolle zwischen Betroffenen und professionellen Hilfesystemen ein. Viele junge Wohnungslose stehen klassischen Beratungsangeboten zunächst skeptisch gegenüber oder fühlen sich von Behörden und Formularen überfordert. Menschen, die diese Situation kennen, können diese Hürden besser nachvollziehen und erklären Abläufe verständlich und auf Augenhöhe.

Peers zeigen zudem ganz konkret, dass Veränderung möglich ist, weil sie den Weg aus der Wohnungslosigkeit selbst geschafft haben. Dadurch wirken sie oft glaubwürdiger und nahbarer als rein theoretisch geschulte Fachkräfte. Gleichzeitig profitieren auch die Einrichtungen selbst, weil die Peer-Berater*innen wertvolle Einblicke in Lebensrealitäten geben, die sonst leicht übersehen werden. So entsteht eine Zusammenarbeit, die fachliche Unterstützung und persönliche Erfahrung sinnvoll verbindet.

Ein Neuanfang ist immer möglich

Am Nachmittag sitzt Kevin im Aufenthaltsraum der Gruft. Ein Sozialarbeiter erklärt ihm die nächsten Schritte: Meldung, AMS, vielleicht ein Kurs. Es klingt nach Plan. Doch der Weg zurück ist lang. Das weiß Kevin. Wohnungslosigkeit bedeutet nicht nur eine akute Krise, sondern oft auch lange Folgen. Lücken im Lebenslauf, Unsicherheit und fehlendes Vertrauen in die eigene Zukunft bleiben.

Trotzdem gibt es kleine Fortschritte: ein Termin, der klappt, ein Gespräch, das hilft, ein Tag mit Ziel.

Am Abend kehrt Kevin nach einem langen Spaziergang wieder in die Gruft der Caritas Wien zurück. Die Notschlafstelle öffnet um 21.30 Uhr. Der 22-jährige legt seinen Rucksack unter das Bett und setzt sich kurz hin. „Ich bin dankbar, aber ich will da schon raus“, sagt er. „Eine Arbeit, eine Wohnung, ein normales Leben.“

Draußen wird es dunkel über Wien. Drinnen beginnt eine weitere Nacht und für Kevin vielleicht ein kleiner Schritt Richtung Veränderung.


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