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„Selbstständigkeit ist nichts für Schüchterne.“

Beim Gedanken an Journalistinnen und Journalisten entstehen oft Bilder von Redaktionen, in denen sie sitzend und tippend für große Medienhäuser schreiben. Doch Journalismus kann auch selbstständig sein. Michaela Hessenberger lebt genau das. Mit mehr als zwanzig Jahren Berufserfahrung arbeitet sie als freie Journalistin, seit Jänner auch in ihrer eigenen „freien Redaktion“ in Salzburg. Wie das funktioniert, darüber hat Jana Eglseer mit ihr gesprochen.
Jana Eglseer  •  26. März 2025 Volontärin    Sterne  12
Michaela Hessenberger: Drei freie in einer gemeinsamen Redaktion (Foto: Siegrid Cain)
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campus aWie hat deine journalistische Karriere begonnen? 

Michaela Hessenberger: Nach dem Studium war ich sehr schnell angestellt, habe bei der Salzburger Kirchenzeitung angefangen. Ich war da nebenbei schon immer wieder als freie Journalistin unterwegs, weil es mir nicht genug war, nur Geschichten aus dem kirchlichem Umfeld zu schreiben. Für mich war es wichtig, in das Politische, in das Gesellschaftliche hineinzuschauen. Ich habe mir viele Dinge nebenbei erarbeitet. Das war gut und wichtig in der Entwicklung. Danach war ich bei den Salzburger Nachrichten, bin zwei Jahre nach Wien gegangen. Dort habe ich aus verschiedenen Gründen gemerkt, dass Wien überhaupt nicht das Richtige für mich ist und ich wollte unbedingt zurück nach Salzburg. 

campus a: Was hat dich dann dazu bewegt, in den freien Journalismus zu wechseln und dich selbstständig zu machen?

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Michaela Hessenberger: Etwas später hat sich mein Weg in die Selbstständigkeit ergeben und ich habe festgestellt: „Ich arbeite nie wieder für inkompetente Männer. Ich will ein professionelles Umfeld, in dem verstanden wird, was Journalismus ist und wo man nicht das Gefühl hat, Journalismus driftet ab in die PR.“ Mir war es wichtig Verantwortung zu übernehmen, ich wollte auch ausspielen, was ich gelernt habe, was ich kann und da war für mich der Schritt in die Selbstständigkeit ein logischer. Ich habe mir nie gewünscht oder vorgestellt selbstständig zu sein. Als es das erste Mal im Raum stand, habe ich gewusst, das ist es. 

campus a: War dieser Schritt für dich auch mit Ängsten verbunden?

Michaela Hessenberger: Nein, gar nicht, weil ich als Journalistin den Vorteil habe, keinen großen Material- oder Wareneinsatz leisten zu müssen. Mir haben WLAN und ein Laptop genügt, um für den Start aus meinem Wohnzimmer heraus zu arbeiten. Was soll schon groß passieren, wenn es nicht glückt? Dann lasse ich mich wieder anstellen. Mit diesem Mindset glaube ich kann man nur gewinnen. Es ist grandios, wenn du Sachen machen kannst und darfst, aber nicht machen musst.

campus a: Hat es für dich dennoch Herausforderungen beim Einstieg in die Selbstständigkeit gegeben?

Michaela Hessenberger: Natürlich. Du musst dich dann mit den Schönheiten des österreichischen Steuersystems beschäftigen, du musst dich mit dem Finanzamt plagen und mit Dingen, mit denen du nie zu tun hattest. Und du musst dir jeden einzelnen Auftrag erarbeiten. Da ist für mich schon viel von selbst gekommen, durch mein gutes Netzwerk. 

campus a: Stand jetzt. Was ist für dich das Schönste daran, selbstständig zu sein?

Michaela Hessenberger: Die Stimmung, die ich jetzt spüre, seit ich seit Jänner in unsere „freie Redaktion“ in der Auerspergstraße gehe. Es ist ein Büro für drei Frauen, in dem wir gemeinsam die tollsten Sachen aushecken können, journalistisch und auch auf anderen Ebenen.

campus a: Wie ist es zu diesem Zusammenschluss gekommen?

Michaela Hessenberger: Meine Kollegin, Journalistin Katja Ilnizki, ist auf den wunderbaren Raum aufmerksam geworden und dann hat sich alles wirklich schön gefügt, Schritt für Schritt. Katja und Fotografin Siegrid Cain wohnen quasi ums Eck, ich hab‘ nur ein paar Hundert Meter Fußweg in die Redaktion. Lage toll, Menschen toll, Austausch toll – besser hätte es nicht kommen können.

campus a: Wie empfindest du das Zusammenarbeiten in der freien Redaktion?

Michaela Hessenberger: Grandios ist das gegenseitige Unterstützen. Das hat mir sehr gefehlt, deshalb war es mir wichtig, mit einer Journalistin in einer Redaktion zu sein. Auch wenn wir an völlig unterschiedlichen Projekten für völlig unterschiedliche Medien arbeiten, ist das Über-Themen-Reden unersetzbar.

campus a: Du schreibst für Tageszeitungen, Wochenzeitungen und Magazine. Wie strukturierst du all diese verschiedenen To-Do’s, ohne in Stress zu verfallen?

Michaela Hessenberger: Eine Deadline habe ich noch nie verpasst und Stress gibt es immer. Natürlich passiert es, dass Geschichten im letzten Moment entstehen, aber so tickt der Journalismus. Ich versuche meinen Fokus zu halten und das gelingt mal mehr und mal weniger. Immer eins nach dem anderen.

campus a: Wie bist du zu all den Medien gekommen, für die du heute schreibst? Du hast vorher das Netzwerken angesprochen.

Michaela Hessenberger: Nur durchs Netzwerken. Wenn ich nicht viel unterwegs wäre, dann würde das nicht gelingen, weil durch Netzwerke lerne ich neue Leute kennen und da kommen dann die nächsten Aufträge her. Natürlich braucht es auch das Selbstbewusstsein zu Events zu gehen und zu sagen „Hallo, das bin ich, das sind meine Themen, wollen wir zusammenarbeiten?“

campus a: Gibt es eine bestimmte Anzahl an Aufträgen, die du pro Woche oder Monat annimmst?

Michaela Hessenberger: Ich habe ein ungefähres Gefühl, was ich brauche, um meine Fixkosten abzudecken und dann nehme ich am liebsten Sachen an, die mir selbst Spaß machen. Im einen Monat gibt es wahnsinnig viel zu tun, der nächste Monat ist einen Tick entspannter. Das ist ein Auf und Ab. Es kommt auch darauf an, ob ich selbst meinen Fokus in einem Monat auf journalistische Texte lege oder mehr auf Wissensweitergabe und Kurse oder Workshops.

campus a: Wie kommst du an die jeweiligen Aufträge der Medien heran?

Michaela Hessenberger: Einerseits schlage ich Themen bei Medien vor, in die eine Geschichte meiner Meinung nach gut hinpasst. Es funktioniert auch in die andere Richtung, nämlich, dass Medien zu mir kommen und sagen „Wir brauchen eine Geschichte zu diesem und jenem Thema. Kannst du dir das vorstellen?“ Dann kann ich sagen, ob sich das ausgeht oder ich aus Gründen ablehne. Wenn ein Artikel 180 Euro brutto bringt, dann kann ich keinen dreiviertel Tag im Einsatz sein, um zu recherchieren und dann noch eine oder zwei Stunden zu schreiben. Da darf ich auch wirtschaftlich denken.

campus a: Hast du von Anfang an so gedacht?

Michaela Hessenberger: Nein.

campus a: Was hat dir geholfen, so zu denken?

Michaela Hessenberger: Der Taschenrechner. Es ist wirklich das Wichtigste in der Selbstständigkeit mitzurechnen, was ich brauche und was ich tun muss, damit ich auf diese Summe komme. 

campus a: Gibt es Geschichten, die du besonders gerne schreibst?

Michaela Hessenberger: Frauengeschichten. Frauen und Karriere. Frauen, die an beruflichen Stationen sind, an denen man sie nicht erwarten würde und es ist gut , genau das auch zu zeigen. Ich hole gerne Menschen vor den Vorhang, die ihre Arbeit selbst nicht so als wichtig bezeichnen würden, wie es andere sehen. Und ich bin unter anderem deshalb freie Journalistin geworden, weil ich mich mehr um die lustigen Dinge kümmern möchte und deswegen mache ich gerne Reise- und Gourmetgeschichten. 

campus a: Wie bist du auf Gourmetgeschichten gekommen?

Michaela Hessenberger: Ich habe ganz stark Kulinarik-Themen angeboten bei einem ganz tollen Onlinemagazin, habe mir so einen Ruf aufgebaut und kann dann an andere Redaktionen herantreten und sagen „Schaut, ich schreibe diese und jene Themen, passt das auch zu euch?“ 

campus a: Du bringst also viel Selbstbewusstsein mit?

Michaela Hessenberger: Musst du. Selbstständigkeit ist nichts für Schüchterne.

campus a: Du hast mehr als 20 Jahre Berufserfahrung. Was hat sich im Journalismus am meisten verändert?

Michaela HessenbergerGanz stark crasht hier die Digitalisierung rein. Dieses Bild von Journalistinnen und Journalisten, die nur mit Zettel und Stift herumlaufen und Fragen stellen, gibt es nicht mehr. Du hast immer ein Handy oder ein Tablet dabei, weil du nicht mehr nur mit der Geschichte zurück in die Redaktion kommst, sondern auch mit einem Foto oder einem kurzen Video. Was noch dazukommt, wenn wir uns die aktuelle politische Lage ansehen, ist, dass der Journalismus auch in Österreich immer mehr in Bedrängnis gerät. Umso wichtiger ist es, dass wir gute Menschen in den Journalismus bekommen. Das heißt professionell denkende Menschen, die Werten verpflichtet sind.

campus a: Denkst du, es ist mittlerweile schwieriger, Journalistin oder Journalist zu sein, als früher?

Michaela Hessenberger: In Österreich ist der Zugang ein sehr freier. Jede und jeder kann Journalistin oder Journalist werden, anders als in Deutschland, wo es ganz klare Regeln gibt, auch die Ausbildung betreffend. Medienhäuser sind massiv unter wirtschaftlichem Druck, bauen auch zunehmend Stellen ab und manche Medien müssen sogar schließen. Ich kann es aber nur aus der persönlichen Warte beantworten. Für mich ist es nicht schwieriger Texte zu schreiben oder Aufträge zu bekommen.

campus a: Welche Tipps würdest du jungen Menschen mit an die Hand geben, die in den Journalismus einsteigen möchten?

Michaela Hessenberger: Traut euch, vernetzt euch und bietet immer wieder starke Geschichten an. Entwickelt ein Gespür dafür, was Medien brauchen und im weiteren Sinne, was Leserinnen und Leser brauchen. 

campus a: Wie entwickeln junge Menschen ein solches Gespür?

Michaela Hessenberger: Durchs Machen. Du wirst geprägt von Medien, für die du arbeitest. Du bekommst mit, wie Entscheidungen laufen und wie in der Redaktion darüber gesprochen wird, was eine Geschichte ist und was nicht. Das nimmst du dir alles mit in deinen Rucksack und sammelst immer mehr Erfahrung.

campus a: Kann jede Person Journalistin oder Journalist werden?

Michaela Hessenberger: Nein. Journalismus braucht auch Haltung. 

campus a: Welche Haltung?

Michaela HessenbergerEine Haltung, die nicht für sich beansprucht, Meinung zu bilden, sondern die ganz verschiedene Wege, Möglichkeiten und Texte liefert, damit Menschen sich die eigene Meinung bilden können.

campus a: Wie eine Art Dienstleistung?

Michaela Hessenberger: Ja, ich find es eigentlich ganz schön, Journalismus auch als Dienstleistung zu sehen. 

campus a: Bei so vielen verschiedenen Geschichten, die du schon geschrieben hast, gibt es da eine Lieblingsgeschichte?

Michaela Hessenberger: Es gibt eine Knaller-Geschichte, die ich 2014 geschrieben habe. Da war mir völlig klar, mehr kann ich im Journalismus nicht mehr erreichen (lacht). Ich hatte ein Interview an einem Sonntag in der Kirche. Nach dem Interview wollte ich gehen und mein Gesprächspartner stupst mich an und fragt „Hey kennst du die Frau da vorne?“ Ich habe gesagt „Nein, ich kenne nicht jede ältere Dame in Salzburg“ und dann sagt er zu mir „Du, die war Stubenmädchen beim Hitler.“ Diese Dame war kurz darauf eine ganz großartige Erzählerin ihrer eigenen Geschichte, die sie noch nie jemandem vor dem Mikrofon erzählt hat. Es sind zwei Artikel daraus entstanden und diese Geschichten sind rund um die Welt in den tollsten und größten Qualitätsmedien zitiert worden.

campus a: Was wünscht du dir für die Zukunft des Journalismus?

Michaela Hessenberger: Viele mutige Frauen, die in den Journalismus hineindrängen, die Haltung zeigen und nach Qualitätskriterien handeln. Die den Drang haben, gute Geschichten zu schreiben und ihre Leserinnen und Leser auf die beste Art und Weise zu informieren und zu unterhalten.

campus a: Was wünscht du dir für deine berufliche Zukunft?

Michaela Hessenberger: Dass es genauso weitergeht, wie es im Jänner gestartet ist mit einem eigenen Redaktionsbüro, in dem zwei freie Journalistinnen und eine Fotografin coole, sinnvolle Sachen machen. 

campus a: Danke für das Interview.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Projektes „Die Paris-Lodron-Universität Salzburg macht Journalismus“.
Es ist ermöglicht mit freundlicher Unterstützung durch dm drogerie markt und Salzburg AG.

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1 Kommentar
Max Langer

Ein wirklich sehr interessantes Interview!

27 March 2025 Antworten



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