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Es gibt sie noch: Greißler im Dorf. ein Porträt

Im niederösterreichischen Großweikersdorf zeigt ein Nahversorger, wie persönliche Nähe und Regionalität in Harmonie mit moderner Aufmachung existieren können.
Robert Gafgo  •  29. Januar 2025 Redakteur*in      164
Nah & Frisch-Kaufmann Christian Eipeltauer nahm sich Zeit, um über den Alltag als Nahversorger in einer von Supermärkten dominierten Welt zu sprechen.

Das Greißlersterben hat seine meisten Opfer längst gefordert. Delikatessen- und Gemischtwarenhändler aus Großmutters Zeit gehören fast vollständig der Vergangenheit an. Was sich heute noch Greißler nennt, versucht meist vergeblich, eine sentimentale Erinnerung wiederzuerwecken.

Doch es gibt Ausnahmen. Der Geist dessen, was die Greißlerei einst ausmachte, lebt mancherorts ungebrochen fort, so wie im niederösterreichischen Großweikersdorf. Campus a war bei Christian Eipeltauer, dem Betreiber der örtlichen Nah & Frisch-Filiale, zu Besuch.

Begegnungszone am Hauptplatz 3

Im Juni 2022 übernahmen Eipeltauer (47) und seine Partnerin Melanie Buchsbaum (32) das Geschäft am Hauptplatz 3. „Meine Frau hat hier bereits unter dem alten Besitzer gearbeitet. Nach dessen Pensionierung haben wir den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt.“ Mit der Übernahme kamen die ersten Ausgaben. Die Erstbestellung der Ware und der Kauf der Geräte vom Vorbesitzer summierten sich auf rund 45.000 Euro, schätzt er.

Ursprünglich kam das Betreiberpaar aus Wien. Freunde und Familie, aber besonders der Wunsch, die gemeinsamen Kinder jenseits der Großstadt-Hektik großzuziehen, motivierten sie zum Umzug aufs Land.

„Wir sind ein Treffpunkt für Alt und Jung.“ Die Filiale ist für Eipeltauer längst mehr als nur ein Arbeitsplatz. „Vormittags haben wir die meiste Kundschaft, dann plaudern viele unserer Kunden in der Kaffee-Ecke“, erzählt er. Tatsächlich ist die Atmosphäre im Geschäft freundlich und persönlich, Kundschaft und Mitarbeiter, scheinen einander alle zu kennen.

Zwischen 12.30 Uhr und 14.30 Uhr sind die Pforten des Nahversorgers zwecks Mittagsruhe geschlossen. 

Ein Greißler mit modernen Mitteln

Das traditionelle Sujet des Greißlers mag modernerer Technik gewichen sein. Eipeltauers Nah & Frisch ist keine Verkaufsstube auf wenigen Quadratmetern. Von der Anordnung der Regale bis zum Einkaufswagen finden sich auch hier typische Merkmale der Supermärkte. Das Flair der Greißlerei ist aber geblieben.

„Die Kundschaft und ich, wir kennen einander. Wir reden miteinander über Alltägliches bis Persönliches. Das macht für mich das Besondere an diesem Beruf aus. Wir begegnen den Menschen auf privater Ebene und das ist das Schönste“, so Eipeltauer.

Fallweise ist Eipeltauer Verkäufer, Therapeut und Vertrauensperson in einem. „Oft brauchen die Menschen jemanden zum Reden oder einen Ratschlag. Vor allem Ältere, die ihre Partner verloren haben, kommen zum Plausch. Die Zeit dafür nehme ich mir.“

Alles fürs tägliche Leben und mehr“

Zum sozialen Faktor gesellt sich kaufmännisches Multitasking. Neben dem Handel mit Lebensmitteln und Produkten des Alltags dient Eipeltauers Laden als Post-Servicestelle, Lotto- und Toto– sowie Putzereianahmestelle, Backshop, Kaffee-Ecke und Feinkosthandlung. Neben dem Ladeneingang steht zudem ein Fotoautomat für Passbilder.

Die Produktauswahl ist ebenso breit gefächert. „Unsere Palette beinhaltet alles fürs tägliche Leben und mehr. Ich gestaltete das Sortiment so regional wie möglich. Die Ware beziehen wir etwa von Wein- und Obstbauern. Unsere Fleischerei ist zwei Ortschaften entfernt.“ Die übrigen Produkte kommen vom Handelshaus Julius Kiennast, einem niederösterreichischen Großhändler, der Nahversorger beliefert.

Die drei Großhandelshäuser Julius Kiennast, Unimarkt und die Kastner Gruppe beliefern die Nah & Frisch-Märkte. 

Der jährliche Umsatz

Eipeltauers Jahresumsatz liegt bei 500.000 bis 600.000 Euro. Fünf bis sieben Prozent davon ergeben sich aus den Nebensparten. „Was übrig bleibt, reicht zum Leben“, sagt er.

Meist verhalten sich die Einnahmen relativ gleichmäßig. Mit der Urlaubszeit kommen die umsatzschwächsten Monate des Jahres. In den Wochen nach Weihnachten, zur Skisaison und in den Sommermonaten sinkt die Kundenzahl. Der Juli schlägt sich noch einigermaßen gut, aber im August, wenn das Leben in der Ortsmitte erlahmt, ebbt der Strom der Kunden ab.

Der lange Schatten der Teuerung

Die Inflation ist ebenso spürbar. „Der Umsatz ist zwar über die Jahre relativ gleich geblieben, da die Preise mitgestiegen sind, aber die Ausgaben stiegen mit an. In Summe bleibt mir weniger übrig.“ Das Kaufverhalten vieler Kunden hat sich verändert. „Bei Einkäufen ist nicht mehr dasselbe Übermaß wie früher zu beobachten. Meine Kundschaft ist achtsamer geworden. Größere Mengen kauft sie gezielt bei Aktionen ein und sie greift seltener zu Markenprodukten, Fisch und Fleisch“, schildert Eipeltauer. 

Trotz steigender Preise zählen die Lebensmittel der Feinkostabteilung zu Eipeltauers Bestsellern.

Der Betrieb im Nah & Frisch verlangt dem Kaufmann einiges an Einsatz ab. „Wenn ich die Arbeit im Geschäft und im Büro zusammenzähle, komme ich auf 60 bis 65 Wochenstunden. Das ist gewiss nicht wenig, aber es macht mir Spaß.“ Ein vierköpfiges Mitarbeiterteam unterstützt ihn dabei. Je nach Dienstjahr und Qualifikation liegt deren Monatslohn zwischen 1.700 und 1.900 Euro netto.

Trotz wirtschaftlicher Herausforderungen bleibt der Nahversorger optimistisch. Sorgen über finanzielle Engpässe zu Monatsende kennt er keine. Ebenso wenig fürchtet er sich vor einer möglichen Konkurrenz durch Selbstbedienungsautomaten. Der Einfluss der Supermärkte ist dagegen weitaus präsenter. „Die Menschen versuchen zwar, bei uns zu bleiben, doch ist bereits bei einem geringen Preisunterschied von wenigen Cents eine Abwanderung in Richtung der Supermärkte bemerkbar. Ich wünsche mir durchaus Unterstützung für kleinere Betriebe auf staatlicher Ebene, jedoch keine politische. In die Politik habe ich mittlerweile kein Vertrauen mehr.“

Maßnahmen wie Sonntagsöffnungszeiten begegnet er gleichermaßen ablehnend. „Mitarbeiter brauchen ebenfalls ihre Ruhe. Der Sonntag ist ein Tag, an dem ich genauso wenig einkaufen muss wie am achten Dezember.“

Großkonzerne lauern am Ortsrand

Unter der 1983 gegründeten Dachmarke Nah & Frisch arbeiten selbstständige Kaufleute mit drei Großhandelshäusern zusammen, die einen Teil der nötigen Infrastruktur zur Verfügung stellen. Belief sich die Zahl der Nah & Frisch – Standorte 2021 noch auf 430, sank sie mittlerweile auf 394.

In vielen Dörfern scheitert es an der Frage der Nachfolge. Nicht immer stehen Menschen zur Verfügung, die bereit sind, nach der Pensionierung des Vorbesitzers die Rolle des Nahversorgers mit all ihren Herausforderungen zu übernehmen. Hauptgrund für den Rückgang ist jedoch nach wie vor der wachsende Einfluss der Supermarktkonzerne.

Die lauern am Ortsrand. Entlang der Straße, die aus dem Ort führt, befindet sich eine Billa-Filiale, nach 150 Metern folgt ein Hofer­ und nach weiteren 100 Metern ein Spar. Der Wettbewerbsdruck mag groß sein, doch „man lässt uns, Gott sei Dank, leben“, sagt Eipeltauer.

Das Überleben der Verkaufsstelle begründet sich vor allem in einer treuen Stammkundschaft und in den Stärken des Sortiments. „Einerseits kennen wir unsere Kundschaft beim Namen, andererseits haben wir auf unsere Ware nicht nur regional geschrieben, sie ist auch regional. Das ist ein großer Unterschied. Vor allem die Wurstwaren sind in einer Qualität, die bei Großkonzernen nicht zu finden ist.“

Insel der Gemütlichkeit

Die Kundschaft weiß die Atmosphäre bei ihrem Nahversorger zu schätzen. „Ich komme hierher, weil es mir gefällt und ich die Gemütlichkeit zu schätzen weiß. Unser Kaffeehaus ist mittlerweile an den Ortsrand übersiedelt. Dort, an der Bundesstraße, ist nicht dieselbe Gelassenheit wie hier, wo ich mich mitten im Ort mit Freunden zum Kaffee zusammensetzen kann“, erzählt eine Kundin.

Mitarbeiterin Melanie Appel, eine Verkäuferin mit Leib und Seele, bietet eine Tasse Kaffee an. Die Melange schmeckt besser als in so manchem Kaffeehaus. „Was mich am Supermarkt stört, ist die gehetzte Atmosphäre“, erzählt die Kundin weiter. „Die Menschen sind gestresst und unter Druck. Die schiere Menge des Sortiments erschlägt mich beim Einkauf. Hier ist es bei Weitem angenehmer und persönlicher.“

Melanie Appel (links im Bild) liebt die Abwechslung in ihrem Job. „Kein Tag ist wie der vorherige. Es gibt immer etwas zu tun, sei es die Inventur, die Abwicklung von Lieferungen oder die Gestaltung von Feinkostplatten.“

Ein Mittel gegen die Leere

Vielfach sind Nahversorger bereits aus dem Ortsbild verschwunden. Während sich die Wirtschaft zunehmend an den Ortsrändern ansiedelt, entsteht in den Dorfzentren oft eine Lücke. Leere Hauptplätze und ein Verlust an sozialem Leben sind die Folge. Doch Märkte wie Eipeltauers Nah & Frisch beweisen, dass Alternativen zum Modell der Supermärkte existieren können, so lange sie die Bevölkerung zu schätzen weiß. Sie verhindern nicht nur, wegen jedes Liters vergessener Milch ins Auto steigen zu müssen, sondern bringen auch Leben in den Ortskern und schaffen Raum für Begegnungen.

Das bringt Christian Eipeltauer Genugtuung. „Zu wissen, dass meine Kunden zufrieden sind und mich mit einem Lächeln verlassen, ist für mich das Wichtigste.“ 

 

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