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Vielleicht lieber allein: Leos Leben als Sozialphobiker

Menschen mit sozialer Angststörung sind vom gesellschaftlichen Leben oft ausgeschlossen. Aber das Krankheitsbild ist weit verbreitet. Die Autorin Sophia Magdalena Wichelhaus ist selbst betroffen. Sie hat sich mit dem Sozialphobiker Leo und den klinisch-therapeutischen Fachpersonen Daniel Weigl und Philip Lioznov über das Krankheitsbild der sozialen Angststörung unterhalten.
Sophia Magdalena Wichelhaus  •  18. Februar 2025 Volontärin      12
Das Licht ist relativ dunkel, das Foto sehr eindrucksvoll. Die Weite des Meeres lässt den Mann etwas einsam wirken. (Foto: Lukas Rychvalski)

Leo hat Hunger. Er geht in eine Bäckerei, um sich eine Jause zu kaufen. Im kleinen Verkaufsraum stehen einige andere Kund:innen und warten darauf, ihre Bestellung aufzugeben. Auch Leo, der eigentlich anders heißt, seinen wahren Namen hier aber nicht preisgeben möchte, wartet still, bis er dran ist. „Was darf es sein?”, fragt die Dame hinter der Theke schließlich freundlich. Der 42-Jährige weiß, was es sein darf, oder jedenfalls dachte er, er wüsste es. Denn in diesem Moment ist in seinem Kopf plötzlich nichts als Leere: ein schwarzer Sturm, in dem er keine Worte findet, die er aussprechen könnte. Er schafft es einfach nicht, eine Bestellung aufzugeben, schafft es nicht, den Mund aufzumachen und Worte zu formen. Peinlich berührt stürzt er aus der kleinen Bäckerei, aus der ihm die Verkäuferin und einige Kund:innen irritiert nachsehen. Leo versteht nicht, was gerade passiert ist. Sein Leben ist im Begriff, sich grundlegend zu verändern: Der Berliner wird die Diagnose soziale Phobie erhalten. Aber noch weiß er das nicht.

Eine der häufigsten psychischen Störungen: Die soziale Angststörung

Die soziale Phobie wird auch als soziale Angststörung bezeichnet. Im ICD-11, dem internationalen Klassifikationssystem der Krankheiten, wird die soziale Angststörung als „ausgeprägte und übermäßige Furcht oder Angst” umschrieben, die wiederholt in sozialen Situationen auftritt. Diese können beispielsweise Unterhaltungen, das Essen oder Trinken in Gegenwart anderer oder das Sprechen vor größeren Menschenmengen umfassen. Etwa zehn Prozent aller Personen im deutschsprachigen Raum sind im Laufe ihres Lebens von der sozialen Angststörung betroffen, weiß Daniel Weigl, Klinischer Psychologe, Gesundheitspsychologe und Psychotherapeut. Damit zählt die Diagnose zu den häufigsten psychischen Störungen. Obwohl sie ähnlich häufig auftritt, wie das viel bekanntere Krankheitsbild der Depression, wissen die meisten Menschen wenig über die soziale Phobie, so Weigl. Das erschwert es Betroffenen, ihre Probleme überhaupt erst erkennen und benennen zu können.

Auch Leos Weg zur Diagnose war ein langer. Ich lerne Leo im Rahmen eines Nebenjobs an der Medizinischen Universität Wien kennen. Er ist heute 55 Jahre alt und hat sich auf eine Anzeige hin gemeldet, um mir und den Medizin- und Psychologiestudierenden, mit denen ich arbeite, für ein Gespräch über seine soziale Phobie zur Verfügung zu stehen. Ich bin mit dem Störungsbild vertraut, weil ich selbst unter sozialen Ängsten leide. Umso mehr freut es mich, als Leo sich auch für meine Recherche für das Magazin ZIMT bereit erklärt, ein Interview zu geben. Ich treffe ihn online, via Videocall, wobei Leo seine Kamera lieber ausgeschaltet lässt. Wir stellen bald fest, dass unsere Angst sich unterschiedlich äußert: Während ich arbeite und soziale Kontakte pflege, ist Leos Tagesstruktur von deutlich weniger Interaktion geprägt. Viele Begegnungen mit anderen vermeidet er. Langweilig ist ihm aber nicht, sagt er: Musik hören, lesen, wandern, so vertreibt er sich seine Zeit. Abends schaut er sich oft einen Film an, gegen null Uhr geht er ins Bett. Nächste Woche, erzählt Leo, würde er eigentlich gerne zu einer Lesung gehen, Fragen stellen, in Kontakt treten. Doch er weiß, er würde kein Wort herausbringen. Also wird er Zuhause bleiben.

Keine Kontakte, keine Bekannten, keine Freunde

Leo lebt alleine. „Das das macht mir zu schaffen, weil ich keine Kontakte, keine Bekannten, keine Freunde habe“, sagt er. Selbst ein Restaurantbesuch ist für Leo eine Herausforderung, denn sich anderen zu zeigen und mit ihnen zu kommunizieren, löst große Angst in ihm aus. „Ich geh nicht einfach frei aus dem Haus, wie andere das tun. Dazu gehört für mich eine gewisse Überwindung”, sagt er und klingt dabei betroffen. Reisen oder ein Leben in einer großen Stadt sind für ihn unvorstellbar geworden: „Was für andere ein Genuss ist, ist für mich eine Anstrengung.“

Obgleich es vieles in Leos Leben gibt, das mir aus meinem eigenen nicht bekannt ist, gibt es auch einige Erfahrungen, die wir teilen. „Wie sitze ich, wo sitze ich, wie ist der Raum beschaffen, wie sind die Lichtverhältnisse“ — das sind Gedanken, die uns beschäftigen, wenn wir in einem Hörsaal oder mit Freund:innen in einer Bar sitzen. Wir können uns besser entspannen, wenn das Licht gedimmt ist und wir uns weniger sichtbar fühlen. Wenn wir den Raum und alle Menschen darin im Blick haben. Wenn wir mit dem Rücken zur Wand sitzen können. „Und entweder geht’s dann — oder nicht“, sagt Leo, und ich kann nur lachen und zustimmend nicken.

Die Angst im Körper

Der Körper spielt eine tragende Rolle für soziale Ängste. Er stellt einen zusätzlichen Leidensdruck dar, weiß Daniel Weigl, denn: „Angst ist ein Gefühl und Gefühle nehmen wir über den Körper wahr, über Herzklopfen, Unruhe, Wärme- oder Kälteschauer, Übelkeit, Druck auf der Brust, muskuläre Verspannungen.“ Betroffene möchten um jeden Preis vermeiden, dass ihr Körper ihre Angst preisgibt, doch leider kann niemand den eigenen Körper kontrollieren. Das Nervensystem agiert autonom. Es führt dazu, dass wir schwer atmen, zittern, schwitzen. Es bringt unser Herz dazu, schneller zu schlagen und bewirkt, dass wir auf die Toilette müssen. In Gefahrensituationen versucht der Körper nämlich, überflüssigen Ballast in Form von Nahrung loszuwerden. Wir werden möglicherweise rot, fallen in Ohnmacht, laufen weg. Während die Reaktionen des Körpers ein Symptom der sozialen Phobie darstellen, gehört der Selbstwert der Betroffenen oft zu den auslösenden Faktoren: „Ohne Selbstwertproblem haben wir keine soziale Phobie. Bei Menschen mit sozialen Ängsten besteht immer die Idee, es gäbe einen Teil des eigenen Seins, der inakzeptabel ist“, weiß Daniel Weigl. Dieser Teil wird dann versteckt, indem soziale Situationen schlichtweg gemieden werden.

Vermeidung ist ein bedeutendes Stichwort: Leo und ich kennen den Teufelskreis aus Angst einerseits und dem vermeidenden, sogenannten Sicherheitsverhalten andererseits. „Es ist eine unbefriedigende Balance“, sagt Leo. Er hat seine sozialen Kontakte auf ein Minimum reduziert, will „frei sein“. Frei von Anforderungen und, vor allem, frei von dem Druck, sich immer überwinden zu müssen. Schon in seiner Jugend merkt Leo, dass viele Dinge für ihn zu anstrengend sind. Während andere bei gemeinsamen Unternehmungen Freude empfinden, ist er gestresst. Mit Anfang zwanzig wird er Polizist. Er heiratet, bekommt eine Tochter. Sowohl im Job als auch Zuhause bestreitet er über zwanzig Jahre lang täglich viele soziale Kontakte – und merkt nicht, wie sehr dies an ihm zehrt. Das Jahr, in dem er aus der Bäckerei stürmt, verzweifelt und verwirrt, ist das Jahr seines Burnouts: Leo, inzwischen 42 Jahre alt, bricht unter seiner jahrelang unterdrückten Angst zusammen. Sein Körper weiß es vor ihm: Jetzt ist Schluss. Der Schritt in die Berufsunfähigkeit ist unfreiwillig, aber notwendig: „Ich hätte das nicht länger durchgehalten.“

Der Wunsch nach Isolation

Das Burnout bleibt nicht die einzige Diagnose. Eine generalisierte Angststörung, eine soziale Phobie und Depressionen werden festgestellt. Dass mehrere psychische Störungen zugleich diagnostiziert werden, ist kein Einzelfall, im Gegenteil, erklärt Daniel Weigl: „Die:der Durchschnittsbetroffene der sozialen Phobie leidet unter zwei weiteren psychischen Störungen.“ In Folge seines Burnouts kommt Leo für drei Monate in eine Tagesklinik, die ihn noch mehr zerrüttet: tägliche Therapiemaßnahmen, viele Menschen, wenig Privatsphäre. „Am dringendsten hätte ich Ruhe gebraucht“, ruft er aus und lacht. Nach seinem Klinikaufenthalt kehrt Leo zu Frau und Tochter zurück. Weitere zehn Jahre lebt er, nun als Frühpensionist, mit seiner Frau zusammen. Dann zieht er aus, denn für Leo bedeutet auch das Familienleben zu viel Angst in Folge von Kontaktzwang. Seine Scheidung folgt bald. Heute bereut Leo das: „Ich hätte eine andere Lösung finden, hätte früher ausziehen müssen. Dann wäre eine Scheidung nicht notwendig gewesen.“

Zwei Jahre nach der Trennung lebt Leo höchst isoliert: Er ist in eine kleine Stadt gezogen, wohnt dort allein. Die einzigen Kontakte zu anderen finden da statt, wo sie sich nicht vermeiden lassen: an der Supermarktkassa und bei Stopps an der Tankstelle. Leo beschäftigen suizidale Gedanken: „Ich hatte das Gefühl, am Boden entlang zu kriechen. Zugleich gab es in mir einen ganz harten Kern. Der hat sich wegen der sozialen Phobie gebildet.“ Leo versucht aktiv, sich von den Suizidgedanken abzulenken und beginnt ein Studium. Doch er stellt bald fest, dass es ihm nicht möglich ist, die Lehrveranstaltungen zu besuchen: Da ist zu viel Angst in ihm, die ihn stumm macht und ihm den Schweiß aus den Poren treibt. Leo sind diese gemeinen Situationen, in denen sein Körper ihn zu verraten scheint, nur allzu vertraut.

Wie unsere Gesellschaft die Angst verpönt

Ängste werden in unserer Gesellschaft als Persönlichkeitsschwäche angesehen. „Die Angst ist so unbeliebt, dabei ist sie eine unserer Grundemotionen“, weiß Philip Lioznov, Psychologe und Psychotherapeut. Er beschäftigt sich gern mit den unliebsamen Themen: Im Rahmen seines Doktoratsstudiums forscht Lioznov zum Thema Einsamkeit. Er ist überzeugt, dass einige Merkmale unserer heutigen, westlichen Lebenswelt — Digitalisierung, Globalisierung, Klimakatastrophen und Social Media etwa — unsere Einsamkeit fördern, und stellt unseren Hang zur Individualisierung den unbarmherzigen Maßstäben der Gesellschaft gegenüber, die uns alle an derselben, perfekten Durchschnittsperson misst. Wer diesem Ideal nicht entspricht, sucht oft den Fehler bei sich, behauptet Lioznov. „Unsere Gesellschaft denkt sehr pragmatisch und betrachtet Emotionen als ein Nebenprodukt, das kontrolliert werden muss.“ Dieser Zugang passt nicht mit der Tatsache zusammen, dass unsere Ängste sich nicht auf kognitiver Ebene abspielen. Deshalb reicht es oft nicht, zu wissen, dass man keine Angst haben braucht, um diese einfach wegzurationalisieren. Daniel Weigl erklärt das so: „Unser Gehirn ist das größte Wunderwerk und der größte Pfusch zugleich. Evolutionär betrachtet ist es kein besonders gut durchdachtes Ding.” Das logische Denken ist nicht die einzige Instanz in unserem Gehirn, die unser Verhalten bestimmt. Es gibt auch ein Subsystem, das auf Erfahrungen, Emotionen und Assoziationen basiert. Dieser Gehirnanteil bedingt den „Autopilotmodus”, in dem das Gehirn sich die meiste Zeit über befindet, sagt Weigl: „Wir denken nicht vernünftig, sondern handeln nach Gewohnheit und Gefühl, weil das die schnelle und energiesparende Methode ist. Und dieses System — das der Erfahrungen, der Emotionen und der Assoziationen — ist das, welches bei den meisten psychischen Störungen beeinträchtigt ist.“

Unsere emotionalen Überzeugungen können laut Weigl nur durch Erfahrung verändert werden, nicht durch bloße Argumente. Doch die dringend nötigen Erfahrungen, die Menschen mit sozialer Angst machen müssten, verwehren sie sich aus ihrer großen Angst heraus meistens selbst: So wird die soziale Phobie aufrechterhalten. „Ein Mensch mit einer sozialen Phobie opfert Dinge, ohne die er eigentlich nicht leben möchte, auf dem Altar der Sicherheit”, formuliert Weigl. Auch Philip Lioznov weiß aus seiner Praxis, dass Ausbildung, Beruf, Karriere, freundschaftliche und romantische Beziehungen durch soziale Ängste so stark beeinflusst werden können, dass es den Betroffenen nicht gelingt, zentrale Lebensziele zu erreichen. Von außen werden zunächst nur die Folgen der Angst sichtbar: Depressionen und Suchterkrankungen gehören zu den häufigsten sekundären Folgen einer sozialen Phobie. Besonders Alkohol und Benzodiazepine sind bei Menschen mit sozialen Ängsten sehr beliebt, weiß Weigl. Beide Drogen dämpfen die körperlichen Reaktionen auf die Angst.

Eine unbefriedigende Balance

Leos Leben hat sich über die letzten Jahre eingependelt. Die Beziehungen zu Exfrau und Tochter haben sich vertieft. Beide gehören heute zu seinem innersten Kreis. Und noch jemand ist dazugekommen: eine Partnerin, mit der Leo eine Fernbeziehung führt. Ungefähr alle zwei Wochen sehen die beiden sich für drei Tage. „Das hilft mir sehr“, sagt Leo, der heute nicht nur auf romantischer Ebene wieder Kontakt pflegen kann. Er ist auch Teil einer Selbsthilfegruppe. Dort hat er Bekannte, mit denen ihn gemeinsame Erfahrungen verbinden. In Psychotherapie möchte Leo nicht gehen. Er hat es mehrfach versucht und sich schließlich entschieden, den emotionalen (Angst-)Aufwand, den eine Therapie für ihn darstellt, nicht mehr in Kauf nehmen zu wollen. Seinen Alltag hat Leo an seine Ängste angepasst. Viele Dinge, die früher eine unglaubliche Anstrengung dargestellt haben, sind für Leo heute gut machbar, weil er die Energie, die früher in seine Beziehungen am Arbeitsplatz und in der Familie geflossen ist, jetzt für anderes übrig hat. Seinen Errungenschaften stehen viele Opfer gegenüber, die er bringen musste. Depressionen gehören zu seinem Alltag. Die Balance, die Leo heute für sich gefunden hat, bleibt eine unbefriedigende.

Die Lösung liegt nicht (nur) in Betroffenen

Worin besteht die Lösung für Sozialphobiker:innen? „Das Wichtige bei der sozialen Phobie ist, dass sie ins Leben getragen wird und dass die betroffene Person ermutigt wird, aus ihrer Komfortzone herauszutreten”, sagt Weigl. „Es ist wichtig, dass korrigierende Erfahrungen gemacht werden können, in der Therapie und im Leben.“ Weigl betont aber auch, dass es zu kurz greift, die Lösung nur im Individuum zu sehen. „Wenn wir psychische Störungen wirklich verstehen wollen, dann können wir als Gesellschaft nicht so weitermachen wie bisher. Wir werden zum Beispiel unsere Schulen anders aufbauen müssen. Wir werden einen anderen Umgang als Menschen untereinander finden müssen.“ Für Weigl ist es kein Zufall, dass Angststörungen genau jetzt boomen, in einem Zeitalter, das von sozialen Medien und der überall verlangten Präsentation des Selbst geprägt ist. Ein Individuum müsse heute unglaublich viele Entscheidungen treffen, die früher nicht zu treffen waren, weil damals noch viele Dinge gesellschaftlich vorgegeben waren, so der Psychologe. „Je mehr Freiheit wir haben, umso mehr Anforderungen werden an uns gestellt und desto mehr Menschen sind ebendiesen Anforderungen nicht gewachsen. Sie fallen durch den Rost und entwickeln Stress. Ich sage immer: Die Währung psychischer Störungen ist Stress. Jeder Mensch hat eine Sollbruchstelle, wo dieser Stress dann herauskommt.”

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit der Autorin mit dem Zimt Magazin.

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