Die Kurden, eine ethnische Minderheit ohne eigenen Nationalstaat, leben zerstreut auf mehreren Staaten und militärischen Einflussgebieten. In Nordsyrien kontrollieren die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), ein kurdisch-dominiertes Bündnis, seit dem Rückzug der Regierungstruppen große Gebiete. Die türkische Armee greift diese Enklaven seit Jahren an, zuletzt verstärkt nach dem Sturz von Baschar al-Assad im Dezember 2024. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan bezeichnet die SDF nämlich als Terrororganisation und möchte eine „Sicherheitszone“ entlang der Grenze errichten.
Kurdistan, der angestrebte Staat der Kurden, liegt ungefähr zur Hälfte im Staatsgebiet der Türkei. Da die Kurden außerdem ein Fünftel der türkischen Bevölkerung ausmachen, möchte die Türkei ihre Autonomie nicht zulassen. Im Westen stellen wir uns häufig vor, alle Kurden seien eine Gruppe, doch das entspricht nicht der Realität. Im Irak existiert seit 2005 eine autonome kurdische Regionalregierung (KRG), die – trotz Ankaras Krieg gegen die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) im Nordirak – eng mit der Türkei kooperiert.
Während des syrischen Bürgerkriegs nutzten die Kurden das Machtvakuum, um in Nordsyrien de facto autonome Strukturen aufzubauen. Assads Truppen hatten sich vor einem Jahrzehnt aus der Region zurückgezogen, um sich auf den Kampf gegen oppositionelle Rebellengruppen zu konzentrieren. Die Kurdenmilizen profitierten zunächst von US-Unterstützung im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS), gerieten jedoch unter Druck, als die USA ihre Präsenz reduzierten und die Türkei ihre Offensiven intensivierte. Assad selbst bot den Kurden vor fünf Jahren eine Allianz gegen die türkische Invasion an – vergeblich. Die kurdische Führung misstraute dem Regime, das jahrzehntelang kurdische Rechte beschnitten hatte, darunter die Aberkennung der Staatsbürgerschaft für über 300.000 Kurden. Erst nach dem Sturz Assads durch eine türkisch unterstützte Koalition im Dezember 2024 signalisierten Teile der SDF Kompromissbereitschaft, um in einem künftigen politischen System Syriens vertreten zu sein.
Die Machtübernahme der pro-türkischen Übergangsregierung der Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) unter Ahmed al-Sharaa in Damaskus wirft Fragen auf: Wird sie den Kurden politische Mitsprache gewähren – oder die Interessen Ankaras durchsetzen? Ahmad al-Sharaa war lange Zeit Mitglied islamischer Terrororganisationen, änderte seine öffentliche Haltung in den letzten Monaten allerdings. Die SDF fordert Dezentralisierung und kulturelle Rechte, doch die Türkei drängt auf die Auflösung aller kurdischen Milizen. Einige Beobachter befürchten, dass die neue Regierung die Kurden ausgrenzen wird, um die türkische Unterstützung nicht zu gefährden. Hinzu kommt die unklare Haltung des Westens. Während die USA und Europa die SDF einst als Verbündete gegen den IS lobten, distanzieren sie sich nun teilweise, um die Beziehungen zur Türkei, die wiederholt entscheidende Stimmen in der NATO abgibt, nicht zu belasten. Gleichzeitig warnen Menschenrechtler vor ethnischen Säuberungen in den von der Türkei besetzten Gebieten, wo bereits über 100.000 Kurden vertrieben wurden.
Die Kurden stehen an einem Scheideweg. In Syrien könnte der Sturz Assads zwar neue politische Partizipation ermöglichen, doch die türkische Militärpräsenz und die Schwäche der SDF lassen eher auf Rückschritte schließen. Im Irak bleibt die Autonomie der Kurdenregion fragil, abhängig von der Laune Bagdads und Ankaras. Internationale Akteure müssten stärker vermitteln, fordert die Kurdische Gesellschaft in Wien (DemKurd): „Europa darf nicht wegschauen, wenn Erdogan kurdische Gebiete bombardiert.“ Ob die Kurden jemals ihren Traum von Selbstbestimmung verwirklichen können, hängt somit nicht nur von regionalen Machtspielen ab, sondern auch vom Willen des Westens, Menschenrechte über Geopolitik zu stellen.
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