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Als österreichische Gastarbeiter nach Ägypten gingen

Eine Familie von Migranten, bereits viele Jahre im Land, sitzt zusammen in einem Lokal. Sie unterhalten sich in einer exotischen Sprache und essen Speisen, die hier sonst niemand kennt. Sie heiraten ausschließlich untereinander und pflegen keinen Kontakt mit der ansässigen Bevölkerung. Der Name der Familie: Hell. Isabella und Rosa führten zusammen mit ihrer Mutter Marie, ein typisch österreichisches Leben. Rund um das Jahr 1900. Irgendwo in Ägypten.
Maximilian Langer  •  8. Januar 2025 CvD      312
Slowenische Gastarbeiterinnen in einem ägyptischen Park.

Die Familie Hell repräsentiert das, was man heute gemeinhin als Wirtschaftsflüchtling bezeichnet. Sie sind Teil einer Schar von Tausenden, die in den letzten Jahrzehnten der Donaumonarchie nach Ägypten zogen. Im Jahr 1907 lebten 7704 Österreicher in Ägypten. Der wirtschaftliche Aufschwung Ägyptens, der Bau des Suezkanals und die Reformen der britischen Machthaber lockten die Migranten an. Menschen aus zahlreichen Gebieten Österreich-Ungarns, suchten nach einem besseren Leben im Land am Nil. Vor mehr als 100 Jahren.

Frauen ernähren Familien in Österreich

Vor allem aus heute slowenischen und italienischen Gebieten machten sich viele Menschen aus dem k.u.k. Reich auf den Weg über das Mittelmeer. Ägypten war besonders attraktiv für Frauen, die im Jahr 1900 zwei Drittel der österreichischen Staatsbürger dort ausmachten.

„Oft wanderten ganze Dörfer aus, um in reichen ägyptischen Haushalten zu arbeiten“, berichtet Susanne Mauthner-Weber, Autorin des kürzlich erschienenen Buches „Zuhause ist Anderswo“. Die zumeist verheirateten Frauen kehrten höchstens im Urlaub nach Hause zurück: „Sie ließen mitunter sogar ihre Babys zurück, gingen nach Ägypten und ernährten ihre gesamte Familie.“ Die Schifflinie „Österreichische Lloyd“ brachte die Migranten von Triest nach Alexandria.

Frauen arbeiteten vor allem in reichen Haushalten oder im Gastgewerbe, doch die Berufsfelder österreichischer Migranten in Ägypten waren vielfältig. Edith Specht, fand in ihren Forschungen heraus, dass nahezu alle Berufsgruppen vertreten waren: Fotografen, Ärzte, Musiker, Artisten und andere Kunstschaffende zog es nach Kairo. Eine einzige Gruppe blieb Ägypten fern: die Bauern, die lieber auf ihren Feldern in den einstigen Kronländern schufteten.

Von Einheimischen abgeschottet

Die österreichischen Auswanderer hatten kaum Kontakt zur ägyptischen Bevölkerung. „Die Zuwanderer aus der Habsburgermonarchie sind unter sich geblieben, auch die aus England und die aus Frankreich. Es gab Ausländer-Cluster. Die Arbeitsmigranten haben auch zusammen in entsprechenden Vierteln in Kairo gewohnt.“ Berichtet Mauthner-Weber. Die Österreicher selbst lebten in ihrer Parallelgesellschaft und heirateten hauptsächlich innerhalb der eigenen Community. Aber auch hier innerhalb ihrer sozialen Schicht. Treffpunkte in Ägypten waren die eigens betriebenen Lokale wie „Österreich“ oder „Zur Stadt Wien“.

Die Wirtschaftsmigration hielt nur so lange, bis die Welt das erste Mal im 20. Jahrhundert in Flammen stand. Die Österreicher zogen nahezu vollständig in ihre Heimatländer zurück. Anders als in Nord- und Südamerika konnte sich keine österreichische Community in Ägypten etablieren. Einzig die Slowenen arrangierten sich mit den veränderten Verhältnissen. Bis in die 1960er Jahre zogen Frauen nach Ägypten, um für wohlhabende Familien als Hausangestellte zu arbeiten. In Slowenien nennt man sie „Alexandrinke“, eine Anspielung auf den Landeort der Migrantenschiffe in Alexandria.

„Das Geld lag in Ägypten auf den Straßen“

Was hatte die Arbeitsmigration von Nord nach Süd um 1850 angestoßen? Die Wirtschaft in Ägypten selbst prosperierte. Laut dem Historiker Ernst Czerny „lag dort das Geld auf der Straße“. Das Land erwirtschaftete vor allem durch Zucker und Baumwolle Überschüsse, die Investoren aus aller Welt anzogen. Das zog nicht nur Wirtschaftsflüchtlinge, sondern auch einige österreichische Unternehmer an. Vor allem Industrielle aus dem Textilbereich errichteten Werke in Ägypten. Die britische Chamber of Commerce vermerkte, dass drei große österreichische Textilunternehmen in Ägypten tätig waren. Sie waren erfolgreich: Knapp ein Drittel der fertigen Textilimporte nach Ägypten kamen aus österreichischer Produktion.

Edith Specht, Althistorikerin und Numismatikerin der Uni Wien, beschreibt, wie die britische Konkurrenz auf die österreichische Dominanz reagierte: „Die Engländer haben geschäumt, weil sie keine Chance hatten, da die Österreicher so gut im Geschäft waren.“ Österreich exportierte hauptsächlich Schürzen für das Hauspersonal sowie Schulschürzen für Jungen und Mädchen nach Ägypten. Zudem stammte auch das Bier aus Österreich. Die Unternehmerfamilie Dreher errichtete Standorte, um die Bierversorgung sicherzustellen. Am Nil trank man Schwechater.

Vergleich mit heutigen Migrationsbewegungen schwierig

Die Chancen auf ein besseres Leben und die fehlende Integration mit der lokalen Bevölkerung finden sich auch in aktuellen Zuwanderungsdiskussionen. Eine Gemeinsamkeit sieht Edith in den Kleiderordnungen. Auch die Österreicherinnen in Ägypten blieben bei ihrer heimischen Kleidung. Specht zeigt Verständnis dafür, dass sich Frauen kleidungstechnisch nicht anpassen wollen – dies habe sie auf ihren Forschungsreisen selbst selten getan. Die Arbeitssituation sei heute jedoch anders: „Österreicher mussten sofort arbeiten, was für heutige Flüchtlinge in Österreich manchmal nicht möglich ist.“

Susanne Mauthner-Weber sieht bei vielen Unterschieden eine Gemeinsamkeit zur gegenwärtigen Migrationsbewegung. „Diesen einen Vergleich kann man vielleicht ziehen, dass Ägypten damals ein prosperierendes Land war und Österreich teilweise sehr arm. Die Menschen in den Grenzregionen der Habsburgermonarchie waren oftmals unterprivilegiert und haben natürlich geschaut, ob sie irgendwo eine bessere Zukunft haben.“ Der Faktor Wirtschaft zog damals wie heute Menschen an. Die Gründe für Migration sind heute weit vielfältiger. Flucht vor Krieg, Verfolgung und Familienzusammenführung gab es vor 150 Jahren in geringem Ausmaß. „Alles, was wir mit unserem Buch wollten, ist zu sagen: Migration steht nicht nur für die Fremden, die heute zu uns kommen, sondern bitte vergesst nicht, auch Österreicher sind in die Welt gegangen.“

Zurück zu Familie Hell: Sie dient als typisches Beispiel für ein österreichisches Leben in Ägypten um das Jahr 1900. Tochter Rosa gründete in Kairo eine Agentur, die österreichisches Haushaltspersonal an reiche Familien vermittelte. Sie heiratete 1912 den Österreicher Erwin Bayer in Kairo, bei dem ihre Schwester Isabella angestellt war. Sie arbeitete als Hutmacherin. Mutter Marie betrieb eine Pension. Ihre Spur verläuft sich.

Die Österreicher in Ägypten haben kaum bleibende Spuren hinterlassen. Das Kaufhaus Tiring in Kairo und die Deutsche Schule der Borromäerinnen in Alexandria erinnern an die einstigen Wirtschaftsmigranten. Die österreich-ägyptische Migrationsgeschichte hat sich in den 1970er-Jahren gedreht. Heute leben 6.500 Menschen mit ägyptischem Pass im Land. Sie treffen sich mitunter in orientalischen Lokalen. Und essen Speisen, die hier sonst keiner kennt.

 

Das kürzlich erschienene Buch “Zuhause ist Anderswo” von Susanne Mauthner-Weber und Hannes Leidinger erscheint im Leykam Verlag und kostet 28 Euro.

 

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