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Gaming-Tourismus: Kingdom Come lockt Fans nach Böhmen

Ein verschlafenes Dorf mit einer Ausstellung über Kinderwägen. Plötzlich strömen Gaming-Touristen aus aller Welt herbei und lösen völlig unerwartet einen Tourismusboom im Herzen Böhmens aus.
Maximilian Langer  •  1. Februar 2025 CvD      312
Ein Blick auf das mittelalterliche Kuttenberg im neuen Spiel Kingdom Come Deliverance 2

Inmitten Böhmens des 12. Jahrhundert machte ein Mönch eine Entdeckung von unschätzbarem Wert: Silber. Den kleinen Dörfern rund um den Fundort bringt es den großen Reichtum. Schon bald entsteht hier eine Metropole des Heiligen Römischen Reiches. 700 Jahre später sitzt die Stadt erneut auf einer „Silbergrube“. Diesmal in digitaler Form. Kutná Hora, auf Deutsch Kuttenberg, ist der Schauplatz des zweiten Teils von Kingdom Come Deliverance, einem Videospiel, das am 4. Februar erscheint. Die Stadt rechnet schon ab März mit einem neuen Phänomen: den „Gaming-Touristen“. Diese Gäste wollen die Originalschauplätze des Spiels besuchen. Der Tourismusboom war schon beim ersten Teil spürbar. Nun soll alles größer und besser werden. campus a hat die Schauplätze des ersten und zweiten Teils des Spiels besucht.

Was hat es mit diesem Spiel auf sich? Kingdom Come ist ein Rollenspiel (RPG), das im mittelalterlichen Böhmen spielt. Zentral ist die Rolle eines Schmiedelehrlings im Jahr 1403, der aus seiner Heimat vertrieben wird und sich in der gesellschaftlichen Rangordnung nach oben arbeitet. Realistische Kämpfe ohne Magie finden in den detailgetreuen tschechische Ortschaften statt. Gamer lieben das Spiel: 8 Millionen Kopien sind im Umlauf. Ein Sensationserfolg des tschechischen Entwicklerstudios „Warhorse Studios“, welches für die Finanzierung des Spiels unter anderem auf Crowdfunding setzte. Nicht nur die Entwickler profitieren, auch der Tourismus. Die Kingdom Come-Schauplätze ziehen Fans aus aller Welt an. Gaming-Touristen verlassen ihre Konsolen, um die Originalschauplätze selbst zu erleben.

Besucher kommen aus der ganzen Welt

Viele Menschen sieht man nicht, als wir nach 3½-stündiger Autofahrt im Dorf Rataje nad Sázavou angekommen sind. Die Jahreszeit und die dichte Wolkendecke tragen zur düsteren Stimmung bei. Es gibt bessere Reisezeiten, um das verschlafene Örtchen in Mittelböhmen zu besuchen. Schon im ersten Gespräch wird uns bewusst, wie viel mehr der Ort zu bieten hat. Wir reden sofort über das Spiel: „Ich will Kingdom Come spielen, um zu sehen, wie die Orte im Spiel aussehen“ erzählt ein Passant und winkt seinem Sohn, den er gerade aus der Schule abholt. Wir knipsen ein paar Fotos und bewegen uns in Richtung des Schlosses Rattay. Ein wichtiger Schauplatz des Spiels.

Die Zeit hat Spuren hinterlassen, doch das barocke Schloss bewahrt seinen geschichtsträchtigen Charme. Foto: Sarah Heidenreich

Im Schloss, begleiten uns die stellvertretende Bürgermeisterin Markéta Širotková und die Leiterin der Schlossausstellung Věra Doubravová. Kingdom Come hat es bereits zu einer eigenen Ausstellung gebracht. Wir nutzen die Gelegenheit, um den Rest des Schlosses zu sehen. Vor den Gamern waren die Omis da. „Unsere ursprüngliche Ausstellung ‚Grandma’s Strollers‘ wird hauptsächlich von Pensionisten besucht“, sagt Širotková. Der Großteil der Schau besteht aus Kinderwägen und Puppen. Am Ende stehen wir vor einem Plakat von Kingdom Come. „Die KCD-Ausstellung wird vor allem von jungen Leuten und auch von Ausländern besucht, die noch nie in Rataje waren. Sie kommen aus der ganzen Welt.“ Kanadier, Niederländer, Japaner, Südkoreaner und Chinesen waren bereits in der mittelböhmischen Provinz. Besucher der Ausstellung verewigen ihre Namen auf dem Plakat. Ein Beweis für den neuen Aufschwung des Orts. Die Vizebürgermeisterin fordert auch uns zur Unterschrift auf.

Širotková (li) und Doubravová (re) zeigen auf die Unterschriften von koreanischen Touristen. Foto: Sarah Heidenreich

„Sie freuen sich, dass Rataje wieder zum Leben erwacht“

Die Zahlen bestätigen den Hype um das tschechische Mittelalter. 2023 startete die Ausstellung über das Videospiel. 45 Prozent mehr Besucher waren die Folge. 2024 verdoppelte sich der Besucherandrang ein weiteres Mal. Wie nehmen die Bewohner des Ortes die Touristen wahr? „Ich denke, sie nehmen es positiv auf, sie freuen sich, dass Rataje wieder zum Leben erwacht“, meint Sirotkova.

Hinter dem Plakat beginnt die Ausstellung. Frau Doubravová dreht Musik auf. Das best-of Mittelalter schallt durch das Schloss. Die Ausstellung selbst stammt von einem Fan des Spiels. Zdeněk Kabelka, ein Streamer, nahm sich dieser Aufgabe an. Poster, kleine Spielfiguren, eine Rüstung und ein Bogen befinden sich in dem reichlich dekorierten Raum. Kabelka veranstaltet jedes Jahr ein Fantreffen. 400 Personen waren im Juni da.

Vom Dorf in die Silberminenhochburg

Wir reisen weiter in die Zukunft des Spiels. Teil zwei spielt in Kutná Hora, Kuttenberg auf Deutsch, liegt knapp 45 Minuten vom Schloss entfernt. Die Stadt war im Mittelalter die Schatzkammer des Königreichs Böhmen. Die reichen Silbervorkommen machten es zu einer der wichtigsten Städte im Heiligen Römischen Reich.

Der prachtvolle St. Barbara Dom von vorne. Foto: Sarah Heidenreich

Wir befinden uns zweifellos in einer Stadt mit großer Geschichte. Auf den gepflasterten Steinwegen, vorbei an der gotischen St.-Jakobs-Kirche und begleitet von leichtem Nieselregen, schlendern wir in Richtung des Welschen Hofs. Dort entstanden aus Silber die wertvollen Münzen für das böhmischen Königreichs im 15. Jahrhundert. Die Tourismusleiterin Kristýna Šimonová und die Leiterin der Stadtführungen Andrea Kapounková empfangen uns.

Steckt hinter der Präsenz im Spiel eine große Marketingstrategie? „Nein“, entgegnet man uns. Dennoch zeigt sich die Stadt hocherfreut über die Auswahl: „Es ist eine Ehre und eine große Verantwortung, weil es ein weltbekanntes Spiel ist.“ Logisch, dass diese weltbekannte Aufmerksamkeit nun für Touristenströme sorgen soll. Man hofft auf Gäste aus Westeuropa und Asien. „Wir sind darauf vorbereitet, schließlich ist die Stadt seit 30 Jahren UNESCO-Weltkulturerbe.“ Bereits jetzt fragen Touristen in der 21.000 Einwohner großen Stadt nach Kingdom Come. Mit dem Start des Spiels wird mit weiterem Zuwachs gerechnet.

„Sie verkaufen das Spiel, wir bekommen die Besucher“

Die Zusammenarbeit mit dem Entwicklerstudio Warhorse läuft gut. Man kooperiert bei Events in der Stadt, oder führt 90 Journalisten durch die historische Spielkulisse. „Sie verkaufen das Spiel, wir bekommen die Besucher“ sagt Kapounková trocken. Sie durfte das Spiel schon lange vor Veröffentlichung spielen, damit sich die Stadt besser auf die Touren vorbereiten kann. „Ich war so interessiert, dass ich den ersten Teil des Spiels dann auch gekauft habe,“ erzählt sie mit einem Lächeln im Gesicht.

Kuttenberg widmet sich Kingdom Come mit voller Hingabe. Für die Tour zum Spiel plant man ein fünfstündiges Event mit interaktiven Elementen, mittelalterlichem Essen, Sightseeing und Silbermünzen. „Full experience“ Tour nennen sie es. Ganz im Stil des Hauptprotagonisten Heinrich im Spiel. Was der Spaß kostet, steht in den Sternen. Bis zum Start der Tour im März wird kalkuliert.

Šimonová (li) und Kapounková (mi) freuen sich über die neuen Möglichkeiten, die Kingdom Come 2 eröffnet. Foto: Sarah Heidenreich

„Jeder kennt hier das Spiel“

Wir tauchen abermals ein in die mittelalterliche Stadt auf der Suche nach Meinungen zu dem Spiel. Auffällig ist: Teenager und Schüler kennen es kaum, während Erwachsene zumindest davon gehört haben. „Natürlich kennen wir das Spiel“, entgegnet man uns in einem Tourishop, „gespielt haben wir es aber nie.“ Ein Mann, den wir auf Ende 20 schätzen, zeigt mehr Begeisterung: „Wenn du hier Leute in unserem Alter triffst, kennt jeder das Spiel. Sogar Frauen.“ Er ist beeindruckt von der Möglichkeit, bekannte Orte aus der Vergangenheit mithilfe eines Spiels in die Gegenwart zu bringen.

Nach den letzten Gesprächen und einem Spaziergang zu der außergewöhnlich schönen St.-Barbara-Kirche, gehen wir zurück zum Welschen Hof. Nun, 600 Jahre später, kommt zwar kein Silber mehr aus den Minen, aber eine neue Goldgrube wurde gefunden. Ab der Veröffentlichung des Spiels am 4. Februar werden Gaming-Touristen erwartet, die einen wirtschaftlichen Aufschwung versprechen.

Ein letzter Blick auf die St. Barbara Kirche und das Jesuitenkolleg. Foto: Sarah Heidenreich

 

 

 

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