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Innenpolitik Ukraine Meinung

Ukraine: Der Kriegsbeginn, wie ihn eine Schülerin erlebte

Eben noch ein Alltag als Schülerin in der Ukraine, dann auf einmal der russische Angriff. Unsere Autorin, die heute in Österreich lebt und das Gymnasium Sachsenbrunn in Kirchberg am Wechsel besucht, erzählt, wie es war.
Dominika Lukianova  •  25. Februar 2025 Schülerin      10
Dominika berichtet von ihrer Flucht aus der Ukraine vor drei Jahren. (Foto: Genya Savilov / AFP)

Alles hat am 24. Februar um 4 Uhr Früh begonnen. Ich habe darüber nachgedacht, ob ich mich gut auf die Physik-Klassenarbeit vorbereitet habe. Um 6 Uhr habe ich gehört, wie die Telefone meines Vaters und meiner Mutter ununterbrochen geklingelt haben. Ich war sehr unzufrieden, dass ich so früh geweckt worden bin, denn ich hätte noch eine Stunde schlafen können, und jetzt würde ich den ganzen Tag müde sein und die Arbeit nicht richtig schreiben können.

Als ich aus meinem Zimmer gekommen bin, habe ich gesehen, wie meine Eltern und meine Großmutter gemeinsam die Nachrichten geschaut und geweint haben. Ich habe nichts verstehen können… Ich war zu geschockt, um etwas zu begreifen. Die einzige Frage, die ich damals gestellt habe, war: „Muss ich heute in die Schule gehen?“ Mit dieser Frage habe ich meine Eltern irgendwie zum Lachen gebracht und ihre Stimmung ein wenig gehoben. Aber als ich endgültig aufgewacht bin und die Ansprache unseres Präsidenten hörte, hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Panikattacke. Ich habe nicht glauben können, dass so etwas im 21. Jahrhundert passieren könnte. Meine Eltern haben begonnen, mich zu umarmen und zu beruhigen, und gesagt, dass alles gut wird, aber alle haben verstanden, dass es nicht gut wird…

Erster Schock: Erwachen im Angesicht des Krieges

Als ich die Nachrichten über den Kriegszustand gehört habe, packte meine Mutter unsere Sachen in einen Notfallkoffer. Wir haben zwei meiner Schulrucksäcke genommen, in die wir alle unsere gedruckten Dokumente gelegt haben (alle anderen befinden sich in der elektronischen App „Dija“, die auf dem Telefon eines jeden ukrainischen Bürgers über 14 Jahren installiert ist), warme Strumpfhosen und Socken, Unterwäsche und Ersatzhosen. Ich habe meine Gadgets hinzugefügt (allerdings konnte ich den schweren Laptop nicht lange tragen, deshalb habe ich ihn nach einem Tag aus dem Rucksack genommen und in meinem Zimmer versteckt).

Am ersten Tag war es beängstigend, weil niemand etwas verstanden hat. Was soll man tun? Wohin soll man gehen? Alle waren sehr verängstigt. Meine Eltern haben versucht, mich davor zu schützen. Während wir unsere Sachen gepackt haben, ist meine Mutter zu mir gekommen und hat mir einen kleinen Zettel gegeben, auf dem meine Daten, die Namen meiner Eltern und die Telefonnummern meines Vaters, meiner Mutter, meines Onkels und meiner Cousine, die unsere nächsten Verwandten sind, notiert waren. Sie hat gesagt, dass darauf auch zwei Adressen stehen, damit ich im Falle einer Evakuierung, falls ich allein reisen müsste oder etwas mit meinen Eltern passieren würde, zu diesen Adressen fahren könnte. Meine Mutter hat mich sehr fest umarmt, und mein Vater ist auch gekommen und hat dasselbe gemacht. Es hat wie ein Abschied ausgesehen, und ich musste weinen.

Nach langer Verwirrung haben meine Eltern und andere Nachbarn verstanden, dass sie etwas tun müssen. Einige sind gegangen, um den Keller aufzuräumen und herzurichten, damit man sich dort verstecken kann. Meine Nachbarin, die in einem Lebensmittelgeschäft gearbeitet hat, hat meinen Vater angerufen und ihm gesagt, dass es ihr gelungen ist, etwas Brot und Wasser zur Seite zu legen. Wir Kinder haben uns in dieser Zeit alle im Haus meiner Freundin aufgehalten, damit unsere Eltern sicher sein konnten, dass keine von uns allein zu Hause ist. Tagsüber war es ruhig, aber in der Nacht… das war sehr beängstigend. 

Notfall und Zusammenhalt: Der erste Tag der Flucht

Der Mann unserer Nachbarin war Soldat, deshalb hat er uns sofort informiert, wann wir dringend in den Schutzraum gehen mussten und wann wir noch warten konnten. Das erste Mal, als ich die Sirene gehört und mich in den Keller begeben habe, war irgendwie seltsam. Ich hatte große Angst, aber ich habe versucht, es nicht zu zeigen. So ist es elf Tage lang gegangen. Wir haben mit meinen Eltern in Kleidung geschlafen, alle zusammen im Wohnzimmer oder im Flur, und sobald wir die Sirenen gehört haben, sind wir in den Keller gerannt. Es war verboten, abends das Licht einzuschalten, also haben wir im Dunkeln mit einer Taschenlampe zu Abend gegessen. Viele unserer Nachbarn haben die Stadt verlassen, deshalb bin ich als Jugendliche allein geblieben. Aber den elften Tag werde ich nie vergessen…

Bis dahin hatten wir uns irgendwie ein wenig an all das gewöhnt, so gruselig das auch klingt. Meine Großmutter hat sich in ihrem Zimmer ausgeruht, ich habe in meinem Zimmer ein Buch gelesen, weil es fast keinen Mobilfunk und kein Internet gab, mein Vater war in der Küche, und meine Mutter hat Wasser geholt, solange es noch ging. In diesen Tagen sind die ersten Drohnen mit Bomben aufgetaucht. In einem Moment habe ich gehört, wie ein Flugzeug über unser Haus geflogen ist, und es hat sich angefühlt, als sei es sehr, sehr niedrig und direkt über unserem Haus. Ich hatte eine Panikattacke und habe verstanden, dass meine ganze Familie in verschiedenen Zimmern war und dass ich sie wahrscheinlich nicht sehen würde, falls etwas passieren sollte, in meinen letzten Lebensmomenten.

Innerhalb von zehn Sekunden habe ich meinen warmen Trainingsanzug angezogen und bin weinend in den Flur gerannt, um nach meinen Eltern und meiner Großmutter zu rufen. Alle haben sich sehr erschrocken und sind in den Flur gekommen. Wir sind sofort aus der Wohnung in den Keller gerannt. Gott sei Dank sind wir am Leben geblieben. Danach haben meine Eltern eine klare Entscheidung getroffen, die nicht diskutiert wurde: Wir mussten die Stadt oder sogar das Land verlassen.

Alarm und Abschied: Die Entscheidung zur Flucht

Während des Kriegszustands war es Männern verboten, das Land zu verlassen, und es war auch nicht immer möglich, die Stadt zu verlassen. Und da meine Großmutter kategorisch abgelehnt hatte, die Stadt zu verlassen, wurde entschieden, dass nur meine Mutter und ich gehen würden. Ich wollte überhaupt nicht gehen, trotz der Gefahr. Ich wollte meinen Vater, meine Großmutter und alle meine Freunde nicht verlassen, aber meine Mutter hat gesagt, dass es nur ungefähr zwei Wochen dauern würde. Wir würden in die Westukraine fahren, die Zeit dort überstehen und nach Hause zurückkehren. Wie Sie sich vorstellen können, ist es anders gekommen.

Am Bahnhof in Charkiw gab es so viele Menschen, dass kein Platz mehr war, und deshalb mussten wir mit Bekannten unserer Verwandten an einen anderen Ort fahren. Ich hatte nicht einmal genug Zeit, mich richtig von meinem Vater zu verabschieden. Er hat mich sehr fest umarmt und ins Auto gesetzt, und genau in diesem Moment hat die Sirene begonnen zu heulen – das bedeutete, wir mussten in den Schutzraum rennen. Es war furchterregend… Ich habe noch nie zuvor eine solche Menge von Menschen mit Gewehren gesehen, die jedes Auto kontrollierten.

Wir sind unter den Geräuschen von Beschüssen gefahren und haben einfach gebetet, dass alles gut gehen würde. Es war nicht sofort möglich, sich zu evakuieren. Wir mussten bei Bekannten übernachten, um nicht am Bahnhof zu schlafen. Früh am Morgen waren wir wieder am Bahnhof. Als wir in den Evakuierungszug eingestiegen sind, wussten wir nicht, wohin er fahren würde. Das Licht durfte nicht eingeschaltet werden, weil der Zug einen völlig anderen Weg genommen hatte, um Beschüsse zu vermeiden. 

Aufbruch ins Ungewisse: Abschied und Evakuierung

Im Waggon gab es nicht genug Platz für alle. Einige Frauen und Kinder haben auf dem Boden geschlafen. Wir sind ungefähr einen Tag gefahren. Später haben wir erfahren, dass dieser Zug nach Polen fährt. Es war der erste Evakuierungszug, der ins Ausland ging. Damit hat mein neues Leben begonnen.

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