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Blaue Menschen: Teil 1 einer Serie

Die einen feiern sie als den letzten Verfechter der Freiheit. Die anderen dämonisieren sie als den Untergang der Demokratie. Keine Partei sorgte in den vergangenen Monaten für so viel Gesprächsstoff wie die FPÖ. Doch wie sieht es jenseits der Polarisierung aus? Wer sind die Menschen hinter der FPÖ? Ihre Wähler? Ihre Funktionäre? Was sind ihre Gefühle und Gedanken? Start der campus a-Serie „Blaue Menschen“.
Robert Gafgo  •  4. März 2025 Redakteur*in    Sterne  244
Robert Koppensteiner (57) ist seit über 30 Jahren in der FPÖ aktiv und begleitete die Partei durch Erfolge und Tiefpunkte. (Foto: privat)
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Robert Koppensteiner (57) ist einer dieser Menschen. Heute Nachmittag nimmt er sich Zeit, campus a Einblicke in sein Leben zu geben. Beruflich ist er Versicherungsangestellter im Außendienst der Generali Korneuburg.

Kalter Wind bläst über Asphaltebenen. Gelegentlich durchbricht eine Grünanlage das einheitliche Grau. Hier, am Rande der Stadt, wo die letzten Siedlungsausläufer an das Gewerbegebiet grenzen, liegt Koppensteiners Büro.

Der Empfang ist freundlich. Koppensteiner führt mich in das in sterilem Weiß gehaltene Besprechungszimmer. Wo er sonst Kunden berät, führen wir unser Gespräch.

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Der politische Werdegang

Die Liebe hat den gebürtigen Stockerauer in die gerade einmal zehn Minuten entfernte beschauliche 359-Seelen-Ortschaft Senning geführt. Dort lebt er heute mit seiner Familie. Er ist glücklicher Ehemann und stolzer Vater von drei Töchtern sowie Großvater von vier Enkelkindern.

Der tägliche Morgenspaziergang mit seinen beiden Hündinnen Cleopatra und Lilly gehört zu seinen Routinen. Sein Lieblingsfilm ist Cocktail aus dem Jahr 1988 mit Tom Cruise in der Hauptrolle. Es geht um einen New Yorker Studenten, der sich als Barkeeper über die Runden bringt. 

Seit dreißig Jahren ist Koppensteiner Parteimitglied der FPÖ und längst betätigt er sich auch als Funktionär. Die Politik, so erzählt er, ist für ihn über die Jahre zu einem Hobby geworden, das er durch die zeitliche Flexibilität in seinem Beruf ausüben kann. Derzeit ist er Kammerrat der Freiheitlichen Arbeitnehmer sowie FPÖ-Gemeinderat im niederösterreichischen Sierndorf. Zuvor war er von 2003 bis 2018 Bezirksobmann der FPÖ Korneuburg. Doch was war der Ursprung seines politischen Engagements?

Politischer Funkenflug

Als Jugendlicher interessierte er sich für alles Mögliche, nur nicht für Politik. „Ich habe mich mit Tier- und Umweltschutz befasst, aber auch mit Menschenrechten, aus heutiger Sicht eher linke Themen. Ich ging zu Veranstaltungen von Amnesty International, das könnte ich mir heute nicht mehr vorstellen.“

Der entscheidende politische Impuls kam in einem anderen Kontext zustande. „Die Kampagne im Jahr 1993 rund um die Volksabstimmung zum EU-Beitritt Österreichs war meine Initialzündung. Ich stand der EU skeptisch gegenüber, genau wie die FPÖ. 1994 machte mich das schließlich zum aktiven Parteimitglied.“

Reisefreiheit auf dem Holzweg

Koppensteiners Skepsis gegenüber der EU blieb. „Noch mehr als damals glaube ich, dass sich die EU auf dem Holzweg befindet“, sagt er. Was einst als wirtschaftlicher Zusammenschluss begann, sei zu einer Union der Bürokraten und Technokraten ausgeartet. Die Nationalstaaten seien nun ständiger Bevormundung ausgesetzt.

Trotz solcher Zweifel erkennt der Lokalpolitiker auch die Vorteile der Union an. Ein gemeinsamer Wirtschaftsraum oder die Befreiung von Zöllen hätten zweifelsohne ihre Vorzüge. „Die Reisefreiheit war ideal, aber nur solange klar war, wer in Europa unterwegs ist“, sagt er. „Dass dem nicht mehr so ist, beweisen die aktuellen Kontrollen an der deutschen Grenze nur zu gut.“

Haiders geistiges Erbe

Die EU war aber eher der Auslöser als die Ursache seines politischen Bekenntnisses. Das, worum es ihm in der Politik wirklich geht, liegt tiefer. „Ich mache Politik, damit auch noch meine Kinder und Enkelkinder eine vernünftige Heimat vorfinden. In Wahrheit bin ich ein großer Patriot. Menschen, die wie ich Ende der 80er- oder Anfang der 90er-Jahre zur FPÖ gestoßen sind, hat Jörg Haider stark geprägt. Für uns gab es keinen besseren Politiker.“

Noch heute inspiriert der 2008 verunglückte Haider viele Menschen inner- und außerhalb der FPÖ, so auch Koppensteiner. „Er prägte damals den Slogan ‚Österreich zuerst’. Das ist auch mein Motto. Wir können uns um vieles in der Welt kümmern, aber nur dann, wenn wir zuerst alle Österreicher versorgt haben und dann noch Zeit und Geld übrig bleiben.“

Haider sei eine Ausnahmeerscheinung gewesen, ein Mann mit herausragenden Ideen. Haiders Bücher wie Die Freiheit, die ich meine oder Befreite Zukunft, jenseits von Links und Rechts hat Koppensteiner alle gelesen. Direkte Demokratie statt der von politischen Parteien getragenen repräsentativen Demokratie, das gefällt ihm. Auch, dass Haider für Österreich ein Präsidialsystem wollte. Kritiker sahen in Haiders Werken und Wirken Parallelen zur Parteilinie der NSDAP. Koppensteiner schüttelt den Kopf. „Das hat nichts mit Umsturz oder einer Revolution zu tun. Der Staat soll sich einfach auf natürliche Art weiterentwickeln können. Leider ist das heute nicht der Fall.“

Größenwahn am Verhandlungstisch?

Es ist vor allem der besagte Mangel an Weiterentwicklung, der Koppensteiner an seinem Heimatland stört. Unter der kommenden Regierung, bestehend aus ÖVP, SPÖ und NEOS, wird seiner Meinung nach wieder in vielen Bereichen Stillstand herrschen. Für das Scheitern der blau-schwarzen Koalitionsverhandlungen gibt er vor allem der ÖVP die Schuld. „Die ÖVP zeigte abermals ihr wahres Gesicht. Die Fixierung auf Macht, Posten und Vetternwirtschaft liegt der Partei leider in der DNA. Solange die Volkspartei die Nummer eins war, war es kein Problem, dass die Kanzlerpartei auch den Innenminister und den Finanzminister stellte. Als Wahlsieger Herbert Kickl nun das gleiche Recht einforderte, entbrannte ein Streit, der die ganze Koalition zum Scheitern brachte.“

Koppensteiner bezweifelt, dass die ÖVP je eine Koalition ernsthaft in Erwägung zog. „Es waren wohl mächtige Kräfte innerhalb der ÖVP, vielleicht sogar in Europa am Werk, die diese Regierung verhindern wollten“, sagt er. „Vor allem die Veröffentlichungen von Verhandlungsunterlagen waren ein eindeutiger Versuch, die FPÖ in Verruf zu bringen.“ Die undichte Stelle, so der Gemeinderat, müsse innerhalb der ÖVP liegen.

Liebäugeln mit dem Sozialismus

Seine Hoffnung auf eine zukünftige Regierung unter Federführung der FPÖ bleibt ungebrochen. „Ich muss zugeben, meine Wunschregierung wäre eher eine Koalition aus FPÖ und SPÖ gewesen. Sozialpolitisch waren wir in vielen Bereichen näher der SPÖ als der ÖVP. Solche Themen kommen in der Berichterstattung nur selten vor. Die Medien versteifen sich stattdessen auf gesellschaftspolitische Themen wie das Gendern oder die Gleichberechtigung.“

Das größte Hindernis für eine blau-rote Koalition stellen laut Koppensteiner die SPÖ-Obleute selbst dar. Viele seien durch die sozialistische Jugend politisch extrem links orientiert. „Ich denke dabei nur an Alfred Gusenbauers legendäre Bodenküsse in der Sowjetunion. Auf der zweiten und dritten Ebene hat die SPÖ aber durchaus vernünftige Mitglieder.“

Freizeitkonsum und Medienkritik

Ist die Arbeit in Beruf und Partei getan, lässt Koppensteiner den Abend gerne bei einem Krimi vor dem Fernseher ausklingen. Gerne sieht er auch Sportprogramme, besonders Fußball, sowohl vor dem Bildschirm als auch am Sportplatz. Diskussionssendungen schätzt er auch. „Bei politischen Talkshows habe ich keinen Favoriten. Nur bei einer schlechten Einladungspolitik sehe ich mir eine Sendung nicht zu Ende an.“

Koppensteiners Bandbreite reicht von Im Zentrum auf ORF 2 bis Wild umstritten auf Puls 24. Auch Cap gegen Westenthaler auf oe.24TV weiß er zu schätzen. „Nur Bohrn Mena gegen Grosz verkrafte ich meistens nicht mehr. Das endet zu oft in einem unerträglichen Geschrei.“

Den ORF betrachtet der Gemeinderat trotzdem kritisch. „Es verhält sich wie mit jedem anderen öffentlich-rechtlichen Sender. Über die Jahre hat sich eine Elite gebildet, die denkt, klüger als die restliche Bevölkerung zu sein.“

Nachrichtensendungen generell, insbesondere aber die von Armin Wolf geführten Interviews, empfindet er als herablassend. „Bei Wolf konnte ich auf Twitter gut mitverfolgen, wie er es mit Objektivität hält. Wie lässt sich sein Auftritt im Fernsehen rechtfertigen, wenn er auf Social Media eine klare Position zu den präsentierten Inhalten bezieht?“

Ein weiterer Punkt, der den Gemeinderat am ORF stört, „sind die ewigen Einladungen dieser Polit-Muppets. Es ist symptomatisch für Talkshows, über 80-jährige Politiker einzuladen, die ohnehin seit 20 Jahren nicht mehr aktiv sind und dennoch alles besser wissen“.

Mikrokosmos der Kommune

Während ideologische Unterschiede auf Ebene der Bundespolitik regelmäßig für tiefe Gräben zwischen den Fraktionen sorgen, vollzieht sich die Arbeit im Gemeinderat harmonischer. „Von 20 bis 25 Tagesordnungspunkten sind vielleicht drei ideologisch geprägt. Der Großteil sind administrative Fragen, betreffend etwa die Infrastruktur oder Ungereimtheiten bei Grundstücksvermessungen.“ Gemeindepolitik sei direkt und habe das unmittelbare Wohlergehen der Kommune im Fokus. „Egal, welcher Liste wir angehören, wir Gemeinderäte kommen gut miteinander aus. Erst am Stammtisch oder wenn wir nach der Sitzung gemeinsam ein Bier trinken, spaltet die Ideologie wieder.“

Zwischen Taschengeld und Ehrenamt

Für ihre Arbeit in der Kommune erhalten die Räte ein Monatssalär, das sie selbst versteuern müssen. „Ein normaler Gemeinderat bekommt aktuell etwa 170 Euro im Monat“, erklärt Koppensteiner. Seinen monatlichen Arbeitsaufwand schätzt er auf durchschnittlich zehn Stunden, wobei ein Großteil der Arbeit in den Frühling und Herbst falle. Diese Zeit verbringt er meistens in abendlichen Gemeinderats- und Ausschusssitzungen.

Seine Tätigkeit als Arbeitnehmervertreter ist ein reines Ehrenamt. Koppensteiner ist sowohl Kammerrat als auch Mitglied des Kontrollausschusses der Arbeiterkammer. Er erhält lediglich Aufwandsentschädigungen wie Sitzungs- und Kilometergelder.

„Damals blieb nur der harte Kern der Partei übrig.“

Seine politisch dynamischste Phase hat Koppensteiner bereits hinter sich. „Ich habe mein erstes Amt 2003, mitten in der größten Krise der FPÖ, übernommen“, sagt Koppensteiner rückblickend. Die Regierungsbeteiligung in der Koalition mit Wolfgang Schüssels ÖVP löste in der einstigen Oppositionspartei eine schwere Identitätskrise aus. Interne Machtkämpfe und der Verlust von einem Drittel der Wählerstimmen bei der Nationalratswahl 2002 stellten die Partei auf eine Zerreißprobe. 2005 folgte die Abspaltung des BZÖ durch Jörg Haider.

„Damals blieb nur der harte Kern der Partei übrig. Es gab Jahre, an denen wir mit sehr wenigen Leuten auskommen mussten. Das machte sich vor allem im Wahlkampf bemerkbar, als die helfenden Hände zum Plakatieren fehlten. Danach war es schön zu sehen, wie die Partei wieder wächst und sich erholt.“

Zwar inspirierte die Politik Haiders den damaligen Bezirksobmann Koppensteiner, doch stand ein Übertritt zum BZÖ für ihn niemals zur Debatte. „Für mich war klar, dass das BZÖ im Grunde immer noch freiheitlich war. Zudem sind mittlerweile alle noch politisch aktiven BZÖ-Mitglieder in den Schoß der Mutterpartei zurückgekehrt. Ich bin überzeugt, dass es zu einer Wiedervereinigung gekommen wäre, wäre Jörg Haider 2008 nicht verunglückt.“

Geopolitische Distanz

Während Koppensteiner in der Innenpolitik ideologisch klare Linien zieht, fällt sein Blick auf die Weltpolitik differenzierter aus. Wladimir Putins Angriffskrieg bewertet er von einem selbstgewählten Standpunkt der Neutralität aus. „Ich bin kein großer Außenpolitiker. Putin ist nun einmal Russlands Präsident und ich glaube, dieser Krieg hatte vielerlei Ursachen.“

In dem Konflikt erkennt er vor allem eine vertane Chance für Österreich, die eigene Neutralität zu nutzen. „Kreisky versuchte seinerzeit bei Konflikten als Vermittler aufzutreten. Diese Taktik hätte uns wahrscheinlich mehr genützt, als blind der EU zu folgen und unserer eigenen Neutralität zu widersprechen.“ Trotz allem hofft er auf ein baldiges Ende des Konflikts, jeder Tote sei einer zu viel.

Zum Naheverhältnis zwischen der FPÖ und Putin und dessen Partei Einiges Russland zuckt er mit den Schultern, etwa wenn es um den 2016 unterschriebenen Freundschaftsvertrag zwischen beiden geht. „Zu jener Zeit gingen Vertreter aller möglichen europäischen Parteien im Kreml ein und aus. Der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder von der SPD war beispielsweise jahrelang Stammgast“, sagt Koppensteiner. Europa hätte in den Jahren vor dem Ukrainekrieg Russland mehr Mitbestimmungsrecht einräumen müssen, kritisiert er. Die Union habe es versäumt, die russische Föderation an sich zu binden. Die Gier nach günstigen Rohstoffen übertraf letztlich den Wunsch nach Völkerverständigung, so seine Einschätzung.

Ein Gegenpol abseits von Politik und Beruf

Über die Jahre wuchs die freiheitliche Partei für Koppensteiner zu einer geistigen Heimat heran. Mit der Rückkehr der Wählerstimmen füllten sich die Reihen der Funktionäre. Es bereitete ihm weitaus mehr Freude, Teil eines größeren Teams zu sein, als immerzu alleine zu kämpfen. Dennoch legte er 2018, nach 15 Jahren, das Amt des Bezirksobmanns nieder. „Mit meinem 50. Geburtstag habe ich meiner Familie versprochen, mich aus einigen Ämtern zurückzuziehen. Damals stand bereits fest, ich würde Großvater werden. Mit dem Rückzug hat es nicht ganz geklappt, statt des Bezirksobmanns kamen andere Funktionen“, räumt er ein.

Koppensteiner hat sich inzwischen in seinem Leben gefestigt. Wünsche, die es noch zu erfüllen gäbe, hat er nicht mehr. „Wenn man mit 57 nicht weiß, was man will oder wie das Leben funktioniert, wird es schwierig.“

Eine Sache liegt ihm jedoch noch am Herzen. „Mein lang gehegter Traum war es immer, eine Reise in die USA zu unternehmen. Es gibt einige Orte, die ich in meinem Leben unbedingt sehen möchte. Den Nordosten im Herbst zur Zeit des Indian Summer oder Los Angeles zum Beispiel.“

Doch bisher blieb es bei der Vorstellung. Das Leben hatte andere Pläne mit Koppensteiner. „Ich habe mir immer vorgenommen, mit 50 in die Staaten zu fliegen. Doch in jüngeren Jahren, mit 20 oder 30, hat man andere Prioritäten, den Hausbau, die Wohnungssuche oder die Erziehung der Kinder. Da reichen ein paar Tage in Italien völlig aus.“

Nach Jahrzehnten in Beruf und Politik rückt für den Sierndorfer Gemeinderat der Ruhestand näher. In fünf Jahren, zu seinem 40. Dienstjubiläum bei der Generali, plant Koppensteiner, sich aus dem Berufsleben zurückzuziehen. Seine Familie bot ihm stets das nötige Gegengewicht zu Beruf und Politik. Insbesondere der Rückhalt seiner Frau ermöglichte es ihm, sich all die Jahre politisch auszuleben. Für die Zukunft wünscht er sich, gesund alt zu werden und seine Enkel aufwachsen zu sehen. Gemeinsame Momente mit der Familie oder gemeinsame Abende am Heurigen, sagte er, gehörten zu seinen größten Freuden. In der Pension sollte für diese Momente etwas mehr Zeit sein. Und wer weiß, womöglich bleibt ihm auch noch Zeit, sich dem ein oder anderen politischen Amt zu widmen oder eine Reise in den Nordosten der USA zu unternehmen.

Teil 2 erscheint am 7. März.


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