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Im härtesten Gefängnis der Welt: ein Häftling berichtet

Singapur: Zym Benshahab, 20, wollte eine Geldstrafe nicht bezahlen und landet für zwei Wochen im berüchtigten Changi Hochsicherheitsgefängnis. campus a-Redakteurin Lara Hassler hat mit ihm gesprochen.
Lara Hassler  •  25. März 2025 Redakteurin    Sterne  96
Zym Benshahab will sein Gesicht nicht zeigen, das Foto ist ein Sujetbild. Doch er erzählte campus a-Redakteurin Lara Hassler offen von seiner Zeit im Changi-Gefängnis. (Foto: Shutterstock)
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Innerhalb der Mauern des 50 Hektar großen Areals des Changi Hochsicherheitsgefängnisses holt den Zwanzigjährigen die Realität ein. Wegen Beihilfe zum Diebstahl ist er hier. Statt einer Geldstrafe wählte er zunächst lieber die Haftstrafe und dachte sich: „Wie schlimm können zwei Wochen schon sein?“ Doch jetzt wird ihm klar, warum dieses Gefängnis zu den härtesten der Welt zählt.

Tätowierte, muskulöse Männer heben Schwergewichte im Häftlings-Hof. Benshahab wagt es nicht, ihnen in die Augen zu sehen. Mit gesenktem Blick versucht er möglichst unauffällig zu bleiben. 

Betten gibt es keine, die Häftlinge schlafen auf dem nackten Betonboden, Strenge und Disziplin haben oberste Priorität. Die Wärter wollen den rund 11.000 Insassen, von kleinen Drogendealern bis hin zu Serienmördern, das Leben zur Hölle machen. Das bekommt auch Benshahab zu spüren. 

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„Ich bin auf Urlaub hier und habe eine Zelle für die nächsten zwei Wochen gemietet“, scherzt er auf die Frage der Wärter, was er verbrochen habe. 

Die können über den Witz nicht lachen. Sie zerren ihn in eine leere Zelle, ziehen ihm seine Kleider aus, stellen die Klimaanlage auf die höchste Stufe und stellen ihn unter die eiskalte Dusche. „Anschließend ließen sie mich für eine halbe Stunde zitternd in der kalten Zelle stehen“, erzählt Benshahab. 

Die nächsten Wochen würden alles andere als ein Urlaub sein. Das merkt der Zwanzigjährige schnell. Nach der Züchtigung stellen ihm die Wärter Fragen zu seinem Gesundheitszustand, seiner Religion, besonderen Ernährungsbedürfnissen und seiner sexuellen Orientierung. „Homosexuelle Häftlinge sind von Heterosexuellen getrennt untergebracht“, erklärt Benshahab. Damit möchte die Justiz die Gefangenen vor Diskriminierung schützen und sexuelle Übergriffe vermeiden.

Seine persönlichen Gegenstände muss er abgeben. Er bekommt eine dünne Strohmatte, eine kleine Zahnbürste, eine Tube Zahnpasta und eine kleine Seife. Anschließend bringen sie ihn in seine Zelle. Ein enger, leerer Raum. Das WC befindet sich unter der Dusche und besteht aus einem Loch. Das alles muss er sich mit vier weiteren Häftlingen teilen, auch die begrenzte Menge an fließendem Wasser, die ihm täglich zur Verfügung steht. 

Benshahabs Gefängnisalltag ist vor allem eines: „langweilig“, wie er sagt. Um fünf Uhr morgens geht das Licht an. Um zehn Uhr abends schalten die Wächter es aus. Von Montag bis Samstag müssen die Häftlinge 23 Stunden am Tag in ihren Zellen verbringen. „Ich habe mit meinen Zellenkollegen über ihre Verbrechen gesprochen und über das Leben philosophiert.“ 

Einer sitzt, weil er mit Cannabis gedealt hat. Dafür fasste er mehrere Jahre Gefängnis und die Prügelstrafe aus. „Er hatte tiefe Narben auf dem Rücken“, sagt Benshahab. 

Für kleinere Drogendelikte gibt es in Singapur für männliche Häftlinge, die jünger als fünfzig sind, Stockhiebe. 

Ein weiterer Zellenmitbewohner hat Narben von Peitschenhieben auf dem Rücken. Er bekam die Prügelstrafe, weil ihn die Polizei beim Graffitisprühen erwischte. 

Singapur ist für sein striktes Strafsystem bekannt. Die Metropole gehört zu den 52 Ländern mit Todesstrafe. Die gibt es auch für Drogenbesitz und -handel ab einer bestimmten Menge. Im November 2024 ließ der Staat einen 35-Jährigen wegen des Besitzes von 31 Gramm Heroin hinrichten. Das liegt leicht über dem, was durchschnittliche Süchtige als Eigenbedarf verwahren können. Es war die vierte Exekution aufgrund von Drogenbesitz innerhalb eines Monats.

Changi-GefängnisDas Changi-Gefängnis setzt auf Strenge und Disziplin. Die Häftlinge verbringen 23 Stunden pro Tag in ihren Zellen. (Foto: Picture Desk)

Hohe Geldstrafen für Ausspucken von Kaugummi

Drei Mal pro Woche dürfen die Häftlinge ihre Zelle für eine Stunde verlassen, um Sport im Hof zu betreiben. Dort lernt Benshahab Häftlinge aus anderen Zellen kennen, die wie er ihre Geldstrafe nicht bezahlen wollten, und deswegen ins Gefängnis mussten. Sie hatten an unangemeldeten Protesten teilgenommen oder Kaugummi auf die Straße gespuckt. Ersttäter müssen dafür zwischen 500 und 1.000 Singapore Dollar zahlen. Für Zweittäter liegt die Strafe bereits bei 2.000 Dollar. Das ist fast die Hälfte eines durchschnittlichen Monatslohnes. Viele gehen lieber für ein paar Wochen ins Gefängnis, als die hohen Strafen zu bezahlen.

Sie sehen die unverhältnismäßig hohen Strafen für kleine Vergehen nicht ein. Wer etwa Tauben füttert, muss 500 Dollar Strafe zahlen, wer auf einer öffentlichen Toilette vergisst zu spülen, 150. Ein Häftling ist ins Gefängnis gegangen, weil er zuhause nackt herumgelaufen ist und die 1.000 Dollar Geldstrafe nicht bezahlen wollte. 

Sport in der Zelle verboten

Auch während der Haft gelten strenge Regeln. Beim Verlassen und Wiederbetreten der Zellen kontrollieren die Wärter Hände, Kopf, Zunge, Füße und After der Häftlinge. „So gingen sie sicher, dass wir nichts bei uns tragen.“ An Sonn- und Feiertagen müssen die Häftlinge rund um die Uhr in der Zelle bleiben. Das Trainieren in der Zelle ist verboten. Wer sich dabei erwischen lässt, muss mit einer Bestrafung rechnen. 

Viele wissen nicht, wann sie freikommen

Informationen über die Dauer der Haft halten die Behörden gegenüber den Häftlingen oft zurück. „Manche bekommen ein Datum genannt, das als ihr frühestmögliches Befreiungsdatum gilt, während andere bis zu einer Woche vor ihrer Freilassung nicht wissen, dass sie bald rauskommen.“ Benshahab selbst kannte sein Freilassungsdatum, weil seine Straftat als gering eingestuft war und die Haftzeit daher kurz. 

Ob die Beamten einem Häftling sein frühestes Freilassungsdatum mitteilen oder nicht, hängt von der Art und Schwere seines Vergehens ab. Bei Drogendelikten und Steuerhinterziehung nennen sie keines. Für Überfälle mit einer tödlichen Waffe bekommen die Häftlinge zumindest sieben Jahre unbedingte Haftstrafe ohne Ahnung, wann sie freikommen.

Nur zwei Besucher pro Häftling erlaubt

Auch die Besuchsregeln sind streng. „Unabhängig von der Dauer der Haftstrafe durften wir zwei Personen als Besucher nominieren“, erzählt Benshahab. Einmal im Monat ist ein Besuch erlaubt und ein Video-Anruf. Alle anderen Besuche sind verboten. Ehefrauen dürfen die Gefangenen nicht als Besucherinnen nominieren. Pro Monat sind auch zwei Briefe erlaubt. „Einen habe ich an mein zukünftiges Ich geschrieben. Leider habe ich den dann verloren.“ Heute gibt es in dem Gefängnis keine Briefe mehr, sondern Tablets. Mit ihnen können die Häftlinge E-Mails an Freunde und Familie versenden.

Möglichkeiten zur Rehabilitation

Singapur setzt mit harten Bestrafungen mehr auf Abschreckung als auf Rehabilitation. Die Angebote, sich zu resozialisieren, stehen dazu im Widerspruch. Inhaftierte können sich in der Haftanstalt kostenlos weiterbilden. Es gibt auch die Möglichkeit der Fußfessel. Häftlinge mit kleinen Strafen dürfen das Gefängnis so früher verlassen, sind aber unter Beobachtung. In der Woche vor der Freilassung führen die Beamten mit ihnen Gespräche über ihre Zukunft. Sie bieten Hilfe bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft an und helfen bei der Suche nach einem Arbeitsplatz. 

Arbeiten dürfen die Häftlinge auch im Gefängnis, sofern sie zumindest ein Jahr dort verbringen müssen. Sie arbeiten als Barber, Koch oder helfen in der Wäscherei aus. Für einen Drittel Singapur-Dollar am Tag. Das Geld erhalten sie bei ihrer Freilassung.

Für Langzeithäftlinge ist die Phase nach der Entlassung schwierig. „Singapur verändert sich zu schnell für sie. Sie erkennen es oft kaum wieder“, erzählt Benshahab. Sein Gefängnisaufenthalt hat auch ihn verändert. „Ich tu mir seither viel schwerer, anderen zu vertrauen“, sagt er. Einen positiven Aspekt nimmt er aus seiner Haft aber auch mit. „Ich habe es dort zu schätzen gelernt, auf mich gestellt und unabhängig zu sein.“

Harte Mittel für den Zweck der niedrigen Kriminalitätsraten

Benshahabs Erzählungen aus dem Changi-Gefängnis offenbaren eine Realität, die nicht nur Freiheitsentzug bedeutet, sondern auch physische und psychische Belastung. Rechtfertigt die Vision eines sicheren Staates Prügel- und Todesstrafe? Für Amnesty International ist die Antwort ein klares „Nein“. Solche Formen der Bestrafung seien nicht mehr zeitgemäß. Singapur ist in vielen Bereichen dafür bekannt, die Zukunft zur Gegenwart zu machen. Mit Prügel- und Todesstrafe befindet sich das Strafsystem jedoch noch auf dem Stand eines längst vergangenen Jahrhunderts. 


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