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Trinken bis zur Selbstauflösung: Starkbierfest kommt

Für leidenschaftliche Biertrinker gehört es zu den Höhepunkten des Jahres: Am 13. April, dem Palmsonntag, findet im bayerischen Regensburg der „Palmator“, das nach eigenen Angaben größte Starkbierfest der Welt, statt. Was macht es so besonders?
Robert Gafgo  •  28. März 2025 Redakteur*in    Sterne  244
Hektoliterweise Starkbier, Tradition und Promille – der Palmator aus der Drohnenperspektive. (Foto: Herbert Stolz)
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Ein dumpfes Grollen nähert sich vom Horizont. Es ist nicht der Donner eines herannahenden Sturms, sondern ein alljährliches Naturschauspiel, das sich jedes Jahr zu Palmsonntag in der Oberpfalz wiederholt. Tausende ziehen frühmorgens von Regensburg los, um auf den neun Kilometer entfernten Adlersberg zu pilgern. Nicht der katholische Glaube, sondern eine andere, sehr weltliche Kraft treibt die in Lederhosen und Dirndl gekleideten Wanderer an.

Es ist ein tiefes urzeitliches Bedürfnis nach Selbstzerstörung, das sie leitet. Der Abgrund ruft und seine Jünger folgen. Am Ziel ihrer Reise erwarten die Pilger tausende Liter an pechschwarzer Flüssigkeit, in Maßkrügen ausgeschenkt. Palmator, so heißt die sagenhafte Mixtur, nach der es den Pilgern dürstet. Es handelt sich dabei um ein vollmundiges Doppelbock-Starkbier mit 7,5 Volumensprozent Alkohol. Der Geschmack ist stark malzig und von Röstaromen geprägt. „Wie Öl fließt es die Kehle hinunter“, so der Tenor der Fans. Durchschnittliche Biere haben einen Alkoholgehalt zwischen 4,8 und 5,4 Prozent. Was macht den Palmator also so verlockend?

Sechs Hände, jede hat einen Maßkrug mit schwarzem Bockbier in der Hand, prosten sich zu.Der dunkle Palmator Doppelbock bildet laut Aussage seiner Schöpfer nach Jahrzehnten der Perfektionierung die Krönung der bayerischen Braukultur. Wem es nach Schwächerem gelüstet, kann auch auf Helles oder antialkoholische Getränke zurückgreifen. (Foto: privat)

Doppelbock statt Gipfelkreuz

Schauplatz des Palmators ist die Brauerei Prösslbräu am Adlersberg. Hier betreibt die Brauer-Familie Prössl das Jahr über auch ein Wirtshaus, doch am Palmsonntag wird der Hof des ehemaligen Dominikanerinnenklosters zur Feststätte. In der Region genießt die Veranstaltung Kultstatus. „Der Legende nach verfügte eine Äbtissin des Klosters, dass am Palmsonntag jeder Gast seinen Palmator und jedes Kind eine Brezel erhalten soll“, erzählt Wirtin Dagmar Prössl. Ihre Familie führt die Brauerei bereits in der fünften Generation. Die Prössls setzen diese Tradition nun fort.

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Die meisten Gäste reisen aus einem Umkreis von hundert Kilometern an. Besonders beliebt ist der Palmator bei Regensburger Studenten. „Die richtige Palmator-Erfahrung erfordert den Fußweg von Regensburg zum Adlersberg. Meine Kinder sagen, der Palmator ist eine Pilgerreise, bei der der Weg das Ziel ist“, so Prössl.

Die Spuren der Pilgerreise werden auch dieses Jahr noch Wochen später sichtbar sein. Fastfood-Verpackungen und hunderte Flaschen Bier und Spirituosen säumen die Straßen zum Starkbierfest. Unbekannt ist die Zahl jener, deren Wallfahrt bereits hier, am Wegesrand, endete. 

Dutzende Flaschen liegen am Wegesrand. Ein Mann in grüner Regenjacke und Lederhosen telefoniert. Ein anderer Mann verrichtet seine Notdurft. Grüne Wiesen und Felder dominieren neben einem Einschichthof und einigen Bäumen die Landschaft.Was vom Palmator bleibt, sind Unmengen von Flaschen und erschöpfte Besucher. (Foto: Robert Gafgo)

Am Ende der Reise bietet sich Betrachtern ein Landschaftsbild der Gegensätze. Einerseits bestimmen satte grüne Hügel und das in der Ferne glänzende Regensburg die Szenerie rund um den Adlersberg. Andererseits verrichten Pilger ihre Notdurft inmitten der grünen Wiesen, während andere entlang der Klostermauern ihre letzten Liter Wegbier vernichten, bevorzugt mittels Trichter, bevor sie, vorbei an den Sicherheitskräften, dem ersten Maß Palmator entgegen schwanken.

Hinter Maßkrug und Bratwurst

In guten Jahren, wenn das Wetter gnädig ist, finden sich im Klosterhof bis zu 10.000 Menschen ein. Der Duft von Bratwurst, das Raunen der angeheiterten Menge und Blasmusik füllen die Luft. Für viele ist der Palmator-Besuch eine jährliche Tradition, der sie selbst bei strömendem Regen nachgehen. „Vergangenes Jahr war es kalt und regnerisch, trotzdem haben sich 8.000 Besucher ihren Palmator nicht nehmen lassen“, erinnert sich Wirtin Prössl.

Ab 5.000 verkauften Maß ist sie zufrieden. Bei einem Preis von zehn bis elf Euro pro Maß 2024 wechseln so allein durch Bierverkäufe 50.000 bis 55.000 Euro den Besitzer. Zusätzlich verkaufen die Prössls ihren Gästen bayerische Spezialitäten wie Bratwürste und knusprig gebratene Haxen, aber auch vegetarische und vegane Alternativen. 

Ausschnitt einer Biertischszene. Bald schon leere Maßkrüge stehen auf dem Tisch. Eine Person setzt ihren Krug zum Trinken an. An ihrem Hals hängt ein Lebkuchenherz mit der Aufschrift „Opa, Du bist der Beste“.Die Bierpreise für den Palmator 2025 stehen bereits fest. Die Maß Doppelbock wird zwölf Euro, die Maß Helles zehn Euro kosten. (Foto: privat)

Das Fest mag nur einen Tag lang dauern, doch gehen ihm wochenlange Vorbereitungen voraus. Allein der Brauprozess des Palmators erstreckt sich über Monate, bis das Bier seine endgültige Reife erreicht. Verschiedene Malzsorten wie Karamell-, Sauer- oder Röstmalz verleihen ihm seinen besonderen Geschmack. Um eine milde, ausgewogene Würze zu erhalten, wendet die Familie das Verfahren des „Kräusens“ an. Nach drei bis vier Wochen Lagerzeit reift das Bier dabei durch die Zugabe von hochgärigem Jungbier weiter. Der Aufwand dafür ist beträchtlich. Große Brauereien tun sich das nicht an. 

Doch die Mühe lohnt sich

Das Ergebnis ist die 7,5-prozentige pechschwarze Krone bayerischer Braukunst. Der Alkoholgehalt mag im Vergleich zu stärkeren Bockbieren zunächst zahm wirken. Doch ist es die Süffigkeit des Palmators, die den darin enthaltenen Alkohol schnell vergessen lässt. Besonders für unerfahrene oder übermütige Trinker kann der Palmator nach einer Maß zu viel in der Notaufnahme enden. Das Bayerische Rote Kreuz hält deshalb vor Ort Bereitschaft.

Zwar verläuft das Starkbierfest durch die Anwesenheit von Polizei und Sicherheitsdienst meist harmonisch, doch sind Alkoholvergiftungen, Körperverletzungen und vereinzelte Akte des Vandalismus bei einem Fest dieser Größenordnung vorprogrammiert. 

Zwei Sanitäter des Bayerischen Roten Kreuzes blicken in die Kamera. Hinter ihnen sind mehrere Krankenwägen geparkt.Während andere feiern sorgen Roman Goebel (links) und Florian Straller (rechts) vom BRK für Sicherheit. „Der vergangene Palmator war mit 21 Einsätzen, wovon wir drei Personen ins Krankenhaus transportiert haben, überaus ruhig. Im Regelfall haben wir meist zwischen 25 und 40 Behandlungen”, so Straller. (Foto: Bayerisches Rote Kreuz)

Abschied vom Adlersberg

 Der Palmator verspricht seinen Jüngern für die seligen Stunden des Alkoholrausches eine Pause von der oft zermürbenden Routine des Alltags. Am Boden der fünften oder sechsten Doppelbock-Maß finden viele dann endlich die Gnade der Selbstauflösung, die sonst nur der Tod gewährt.

Anders als das überinszenierte Münchner Oktoberfest schafft der Palmator das, was nur noch wenigen gelingt. Er bleibt authentisch, anstatt zu einer verzerrten Karikatur seiner selbst zu degenerieren. Er ist rohe, ungeschminkte Bierkultur. Nicht mehr und nicht weniger.

Wie in vielem liegt auch im Palmator die Schönheit in seiner Vergänglichkeit. Die Ausschank beginnt um 10 Uhr morgens und endet um 19 Uhr. Noch lange nach dem Zapfenstreich werden Polizeistreifen die Wege kontrollieren, um sicherzugehen, dass kein Pilger auf der Strecke bleibt.  

Abseits der Promille

Ein Besuch in Regensburg lohnt sich auch unabhängig vom Palmator. Die Universitätsstadt bietet zahlreiche Cafés, Clubs und Bars, die bis in die frühen Morgenstunden geöffnet haben. Die mittelalterliche Altstadt blieb im Zweiten Weltkrieg von Bombentreffern weitgehend verschont und gehört heute zum UNESCO-Weltkulturerbe. 

Außerhalb der Stadt befindet sich zudem die 1842 fertiggestellte Walhalla. Die nach dem Vorbild griechischer Tempelanlagen erbaute Gedenkstätte ließ König Ludwig I. von Bayern auf einem Waldhang mit Blick ins Donautal errichten. 

Im Vordergrund fließt die blaue Donau. Im Hintergrund tut sich am Ufer ein bewaldeter Hang auf. Ein Tempel nach griechischem Vorbild thront über der Szenerie. Ein weißes Fährschiff fährt vorbei.Der Tempelbau der Walhalla ist 66,7 Meter lang, 31,6 Meter breit und 20 Meter hoch. In seinem Inneren befinden sich 132 Büsten und 65 Gedenktafeln. (Foto: APA-PictureDesk, Westend61, Harald Nachtmann)

Bis heute ist die Walhalla ein skurriles Zeugnis monarchischer Verehrung. Der griechische Tempel mit nordischem Namen im oberpfälzischen Donaustauf ist – von Karl dem Großen bis zu Otto von Bismarck oder Albert Einstein – bedeutenden Persönlichkeiten „teutscher Zunge“ gewidmet. 


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