Wien/ Favoriten. An manchen Stellen bröckelt die blaue Fassade, ansonsten ist das Gebäude in gutem Zustand. Das Schild mit dem Namen des Bauunternehmens und die Zeitungen, die in den Postkästen stecken, sind das Einzige, das vermuten lässt, dass hier schon länger niemand mehr wohnt. Was hier entstehen soll, lässt sich von draußen noch nicht einmal erahnen: neue Wohnungen und Büros.
Das Besondere: 70 Prozent des Abfalls, der während des Umbaus anfällt, findet im selben Gebäude wieder Verwendung. Die restlichen 30 Prozent, sind Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen oder Materialien, die sich ohne Probleme zurück in die Umwelt führen lassen. Was utopisch klingt, wird im Pilotprojekt Van der Nüll Gasse 22 Wirklichkeit.
Die Sanierung ist Teil des WieNeu+-Projekts, einer Initiative der Stadt Wien, in der es darum geht Wien zukunftsorientierter zu machen.
In erster Linie geht es darum Baustoffe, die andernfalls auf dem Müll landen würden, eine zweite Chance zu geben und sie wiederzuverwenden. Um als kreislauffähiges Bauprojekt zu gelten, müssen die Bauträger 70 Prozent der nicht gefährlichen Bau- und Abbruchabfälle wiederverwenden oder zum Recycling aufbereiten.
Eine Möglichkeit für so einen restaurativen Prozess ist zum Beispiel ein Holzboden. Ist das Parkett in der Wohnung beschädigt, wird es abgetragen und kann später als Querstrebe, Terrassengerüst oder als einfaches Regal Einsatz in der Wohnung finden. So funktioniert es im Grunde mit jedem anderen Baustoff auch.
Doch nicht jedes Material ist gleichermaßen dafür geeignet. Emmerich Haimer ist Leiter des Bachelorstudiengangs für Nachhaltige Produktion und Kreislaufwirtschaft an der Fachhochschule Wiener Neustadt. Er argumentiert, dass es bei der Wiederverwendung von Materialien auf die Zusammensetzung ankommt.
Was bei Metallen wie Stahl einfach ist, weil die Industrie es theoretisch unendlich oft einschmelzen und wiederverwerten kann, ist bei Kunststoffen schwieriger. Kunststoffe sind oft mit anderen Materialen vermischt. Es geht also um die Reinheit des Rohmaterials. Zudem leidet bei erneuter Aufbereitung mancher Stoffe die Qualität.
Diese Kritikpunkte scheinen die Beliebtheit dieser Recycling-Methode nicht zu mindern, denn wie der Markt zeigt, gibt es dafür genug Abnehmer. Haimer spricht von dem Willhaben der Baustoffe. Gemeint sind Matching-Plattformen, auf denen Produzenten, Unternehmen und Privatpersonen second-hand Baumaterialien neu vermitteln. Bei Metallen wie Stahl und Aluminium ist diese Herangehensweise besonders beliebt.
Doch heißt gebraucht in diesem Fall auch billiger? Haimer verweist auf die aktuelle wirtschaftliche Lage: „Wenn der CO2-Emissionspreis hoch ist, ist es für Firmen interessanter Sekundärstoffe zu verwenden, weil die Aufbereitung des Stoffes in diesem Fall billiger wäre als die Herstellung des Primärstoffes“.
Second-hand oder nicht, für die Van der Nüll Gasse, müssen die Stoffe „leicht trennbar sein [ und] sollten am Ende des Lebenszyklus des Gebäudes wiederverwendet, recycelt oder bedenkenlos in den biologischen Kreislauf eingefügt werden können“. Stoffe wie Lehm, Stroh, Kalk, Hanf und Schafwolle sind im Gespräch. Das Problem hier: Oft fehlt die Transparenz der Produkthersteller. Es ist schwierig nachzuvollziehen, wie hoch der Anteil der Sekundärprodukte oder der Recyclinganteil bei neu zu verbauenden Materialien ist.
Diesem Problem will SCALE, eine österreichische Umweltberatungs-Firma, entgegenwirken. Mit ihrer selbst entwickelten Software sammeln sie Informationen über das Material und die Mengen, die im Gebäude vorhanden sind, um im Anschluss eine vollständige ‚Map‘ der Van der Nüll Gasse zu entwerfen. Diese Map findet nicht nur Anwendung in der Bauplanung, sondern dient auch zur Errechnung des Treibhausgaspotenzials und der möglichen Nutzungsdauer des Gebäudes.
Kreislauffähige Sanierung bedeutet den entstandenen ,Abfall‘ wiederzuverwenden. Dieses Konzept ist keine Neuerscheinung. Das ist auch in der Van der Nüll Gasse nachweisbar: Das Mauerwerk des Kellers besteht zum Teil aus Sandstein, der mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Schleifen der Wiener Ringmauer stammt.
Neben dem Kellermauerwerk bleibt auch der Terrazzo-Boden im Wohnhaus zum Teil erhalten. Abgetragene Ziegel sind die zukünftigen Wohnungstrennwände. Die restlichen Wände entstehen durch Lehm (Wasser, Ton, Kies und Sand -Gemisch) und Gipskartonplatten (recyclebar), die mit Holz und Stahl verstärkt werden sollen.
Wenn Bauunternehmen aus Abfall neu bauen können und es teilweise sogar günstiger ist, warum hat sich dieses Konzept dann nicht längst durchgesetzt? Einerseits fehlt die Sammelinfrastruktur. Es braucht eigene Firmen, die den Bauschutt abholen, trennen und wieder einsetzbar machen. Diese Schritte sind mit hohem Aufwand verbunden. Ein Aufwand, den sich die meisten Bauunternehmen nicht antun wollen.
Andererseits fehlt es an der Motivation. „Die Bereitschaft der Umsetzung fehlt auf mehreren Seiten“, so Haimer, „Es gibt im Wirtschaftssystem ein generelles Misstrauen. Die Konsumenten und die Produktion haben das Gefühl, dass Produkte und Materialien oft nicht das halten, was sie versprechen“. Da geht das Baugewerbe lieber kein Risiko ein.
Wie sich das Projekt Van der Nüll Gasse 22 entwickelt, bleibt abzuwarten. Anfang 2026 ist das Ganze fertig. Dann zeigt sich, ob kreislauffähige Sanierung einen neuen Standard in der Baubranche setzt, oder das Konzept doch nur Theorie bleibt.
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