Pamplona lebt im Juli schneller. Die Altstadt erwacht früh. Um sieben drängen sich Einheimische und Touristen in die engen Gassen. Sie tragen Weiß, rote Halstücher und ein breites Grinsen.
Pünktlich um acht Uhr öffnen sich am Stadtrand schwere Holztore. Sechs Stiere schießen in die Straße. Sie wiegen fast sechshundert Kilo, sind nervös, gehetzt, überfordert. Sie stürmen los, versuchen, den Weg zu finden, stoßen gegen Mauern, rutschen auf nassem Pflaster, geraten ins Gedränge.
Hunderte Männer rennen voraus, zur Seite, daneben. Kameras filmen, Drohnen fliegen, Fernsehsender übertragen live. Nach weniger als drei Minuten endet der Lauf in der Arena. Applaus, Erleichterung, Gelächter.
Die Tiere erleben Stress, Enge und Schmerz. Viele schauen hin. Wenige stellen Fragen.
Jedes Jahr zieht das Stiertreiben in Pamplona mehr als sechshunderttausend Besucherinnen und Besucher an. Viele reisen aus Australien, den USA, Großbritannien oder Deutschland an. Reiseveranstalter verkaufen Komplettpakete mit Hotel, Fensterplatz und Bodega-Abend.
Die Stadt verdient an jeder Ecke. Sie vermietet Balkone um dreihundertachtzig Euro pro Stunde. Sie verkauft Fanartikel. Sie bewirbt das Event als kulturelles Erbe.
Doch es geht nicht um Kultur. Es geht um Klicks, Körperkontakt und Kontrolle. Der Nervenkitzel verkauft sich gut. Das Leid trägt keine Rechnung bei.
Stiere besitzen keinen Kampfinstinkt. Sie reagieren auf Enge, Lautstärke und Stress. Sie rennen, weil ihnen keine andere Möglichkeit bleibt.
Viele stolpern, prallen gegen Hindernisse, rammen Menschen oder werden selbst gerammt. Sie können sich nicht orientieren, weil Zuschauer sie mit Rufen, Bewegungen und Gegenständen irritieren.
Nach dem Rennen führen Tierpfleger sie in dunkle Boxen. Dort warten sie, bis sie am Nachmittag in der Arena auftreten. Dort sterben sie.
Wer das Spektakel verteidigt, spricht von Brauchtum. Die Verweise lauten Hemingway, Stolz, Kastilien, Geschichte. Die Stierläufe stehen angeblich für Ehre, Mut und den letzten archaischen Kontakt zwischen Mensch und Tier.
Ernest Hemingway besuchte Pamplona mehrfach. Er war fasziniert vom Stierkampf, beschrieb ihn als existenzielles Drama zwischen Leben und Tod. Seine romantisierte Darstellung prägte ein Bild, das viele Ausländer übernahmen. Für viele wurde das Spektakel zu einem mutigen Abenteuer.
Doch diese Erzählung übersteht keine Prüfung. Hemingway kämpfte nie. Stolz entsteht nicht durch Überlegenheit, sondern durch Verantwortung. Die Geschichte kennt viele Rituale. Nicht alle verdienen eine Zukunft.
In Spanien sinkt die Zustimmung zum Stierkampf seit Jahren. Barcelona verbot ihn bereits vor mehr als zehn Jahren. Katalonien schloss die Arenen. Auch Valencia und die Balearen reduzierten öffentliche Subventionen.
Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos lehnt eine Mehrheit der spanischen Bevölkerung unter dreißig Jahren den Stierkampf ab.
Tierschutzorganisationen dokumentieren regelmäßig Verstöße gegen Schutzvorgaben. Veterinärverbände sprechen sich gegen den Umgang mit Tieren bei Festen aus.
Trotzdem hält Pamplona fest. Die Stadtregierung bekennt sich zum encierro als wirtschaftlichem Rückgrat. Kritische Stimmen fehlen im offiziellen Tourismusprogramm.
Niemand zwingt die Läufer. Sie melden sich freiwillig. Sie kennen das Risiko. Sie trainieren, verabreden sich, sichern sich gegenseitig ab. Wer fällt, riskiert Rippenbrüche, Prellungen oder einen Huftritt.
Doch wer fällt, steht auf oder wird abtransportiert. Der Stier erhält keine zweite Chance.
Wer rennt, entscheidet. Wer läuft, wählt. Der Stier entscheidet nichts.
Viele Teilnehmer sprechen vom größten Erlebnis ihres Lebens. Sie zeigen Narben wie Trophäen. Sie berichten von Gänsehaut, Angst, Erlösung.
Doch Mut beginnt nicht beim Davonrennen. Mut beginnt, wo Menschen eingreifen. Mut entsteht, wenn eine Gesellschaft aufhört, Tiere zu opfern, um Emotionen zu produzieren.
Pamplona könnte andere Geschichten erzählen. Geschichten von Wandel, Verantwortung und Respekt.
Doch solange die Tore um acht Uhr öffnen, flüchtet der Stier. Und die Zuschauer klatschen.
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