Angesichts der zunehmenden Fadesse der Streaming-Angebote haben wir Michael Stejskal, Chef des Votivkinos in Wien, des Kinos De France und des Filmverleihs Filmladen gefragt, welche Filme ihn besonders berührt und begeistert haben.
Frances (Greta Gerwig) ist eine chaotische Tänzerin, die mit ihrer besten Freundin Sophie zusammenlebt und nicht erwachsen werden will. Als Sophie sich verliebt und mit ihrem Freund nach Tribeca zieht, kommt das reale Leben auf Frances zu: Sie kann sich ihre Wohnung nicht länger leisten und kommt auch beruflich nicht weiter. Greta Gerwig (Barbie, 2023) hat das Drehbuch des Films mitverfasst. Stejskal lobt die Leichtigkeit des Films, wie auch seine Wahrhaftigkeit im Zugang zu seinen Figuren.
1900 spielt in Norditalien nach der Jahrhundertwende. Die zwei Söhne Olmo (Gérard Depardieu) und Alfredo (Robert De Niro) könnten unterschiedlicher nicht sein: Während Olmo im Zuge des Ersten Weltkriegs und der Wirtschaftskrise zum überzeugten Sozialisten wird, schwingt sich Alfredo zum großbürgerlichen Steigbügelhalter Mussolinis auf. Bald streiten die beiden nicht nur mehr um die schöne Ada. Stejskal nennt 1900 liebevoll „linken Kitsch“, der auf großartige Weise romantisiert und verklärt und politisch auf der richtigen Seite steht.
Fargo ist ein Kultklassiker der Coen Brothers, der zeigt, wie der verzweifelte Autohändler Jerry Lundegaard (William H. Macy) versucht, an Geld zu kommen. So heuert er zwei Ganoven an, die seine Frau entführen und ihren Vater um Lösegeld erpressen sollen. Stejskal lobt den schwarzen Humor des Films, der ihn unter seinesgleichen sympathisch hervorhebt.
Simin (Leila Bayat) möchte den Iran verlassen, aber ihr Mann Nader (Peyman Moadi) will bei seinem Vater bleiben. Simin reicht die Scheidung ein und zieht zu ihren Eltern, die gemeinsame Tochter bleibt vorerst beim Vater. A Seperation ist eine hautnahe Trennungsgeschichte, die eigene Beobachtungen immer wieder in Frage stellt. Stejskal lobt, wie der Zuschauer durch den Film immer wieder in die Falle des eigenen Vorurteils tappt und wie der Film der Welt einen Spiegel vorhält. Stejskal empfiehlt A Seperation jedem Filmstudenten, da die Dramaturgie, die Charakterisierung und die Haltung sehr lehrreich sei.
Ein Dorf im protestantischen Norden Deutschlands, am Vorabend des ersten Weltkriegs. Das weiße Band zeigt die Geschichte des Dorflehrers und seines Chors, wie auch die der Kinder und Jugendlichen und deren Familien des Orts. Stejskal nennt den Film ein Meisterwerk, in dem jedes Detail stimmt. Das weiße Band sei der beste und konsequenteste Haneke Film.
Das südkoreanische Drama behandelt die Klassenunterschiede der Stadt Seoul. Der Sohn einer ärmeren Familie ergaunert sich den Job als Nachhilfelehrer bei einer neureichen Familie und schleust nach und nach auch seine Familie auf das Anwesen. Laut Stejskal ein großartiger Film, den das Votivkino 2019 gekauft und ins Kino gebracht hat.
Jackie Brown (Pam Grier) arbeitet als Stewardess und wird dabei erwischt, wie sie Schwarzgeld von Mexiko in die USA schmuggelt. Sie kommt ins Gefängnis und wird dort wieder freigekauft – jedoch schwebt sie nun in Lebensgefahr. Stejskal lobt den frühen Tarantino-Film für seine Dramatik, Komik und Verschlagenheit. Jackie Brown sei für ihn der sympathischste Tarantino-Film.
To Have and Have Not bezieht sich auf den gleichnamigen Roman von Hemingway. In ihm wird der zynische Beobachter Harry Morgan (Humphrey Bogart), Besitzer eines Kabinenbootes auf Martinique, gebeten, einen französischen Untergrundkämpfer einzuschmuggeln. Als Morgan die Amerikanerin Marie (Lauren Bacall) kennenlernt, wird er zu einem romantischen Helden. Stejskal lobt die Screwball Comedy mit politischem Hintergrund für seine sympathischen Dialoge, seine politischen Anstände und die emanzipierte Figur der Marie, die viel Paroli bietet.
Der Film von Werner Herzog behandelt die Geschichte um Kaspar Hauser, der 1829 in Nürnberg gefunden wurde, nachdem er lebenslang in einem Kellerloch eingesperrt war. Herzog arbeitet mit den Originalakten des berühmten Falls und zeigt, wie rätselhaft und sonderbar das Leben, wie auch die Ermordung, von Kaspar Hauser war. Stejskal lobt die vielen schönen, berührenden und poetischen Momente des Films. Zudem habe der Film auch einiges an Komik.
Tokyo Monogatari ist Stejskals Lieblingsfilm und gilt auch im Rang der Filmgeschichte als unbestritten. Der Film ist der dritte einer Trilogie, die von einem Japan der Nachkriegszeit und im gesellschaftlichen Wandel berichtet. Noriko (Hara Setsuko), eine junge Witwe, kümmert sich um ihre Schwiegereltern, die eine Zugreise machen, um deren Kinder zu besuchen. Der Film inszeniert das Verschwinden von Generationen im Umbruch zur Moderne und die Auflösung von Traditionen. Stejskal zitiert: „Wenn es einen einzigen Film gäbe, der etwas über das Wesen von Familie, Zusammenhalt und Menschen sagt, wäre es dieser.“
Die Begeisterung, die Michael Stejskal für Filme in unserem Gespräch aufbringt, inspiriert, all diese Filme sofort (erneut) anzuschauen. Vielleicht läuft einer davon ja sogar bald im Votivkino.
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