Wer regelmäßig Koffein auf nüchternen Magen trinkt, belastet die Verdauung und bringt den Hormonhaushalt aus dem Takt. Mohammad Alhaj Esmaeel, Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie in Hannover, erklärt die möglichen Folgen.
Am Morgen zwischen drei und fünf Uhr schüttet der Körper Cortisol aus. Ein Hormon, das den Kreislauf ankurbelt und beim Wachwerden hilft. Das sogenannte „Stresshormon“ ist in diesem Fall jedoch nicht negativ zu verstehen. Es erfüllt eine lebenswichtige Aufgabe. Cortisol hilft dabei, den Körper auf das Aufwachen vorzubereiten. Es mobilisiert Energiereserven, kurbelt den Kreislauf an und sorgt dafür, morgens aus dem Bett zu kommen. Etwa 30 bis 45 Minuten nach dem Aufstehen erreicht der Cortisolspiegel seinen Höhepunkt. Wer in diesem Zeitfenster Kaffee trinkt, verstärkt den Anstieg zusätzlich. Das fördert zwar kurzfristig die Konzentration, erhöht jedoch langfristig das Stressniveau.
Der Konsum von Kaffee in diesem Zeitraum Kaffee, also Koffein auf nüchternen Magen, verstärkt den Cortisol-Peak zusätzlich. „Diese Dopplung der Stresssignale erhöht langfristig das Stressniveau im Körper“, erklärt Alhaj Esmaeel.
Für Frauen kann das besonders problematisch sein. Der weibliche Hormonhaushalt ist durch den monatlichen Zyklus sensibler und komplexer geregelt als der männliche. Der Konsum kann das fein abgestimmte Gleichgewicht der Geschlechtshormone durcheinanderbringen.
„Die Progesteron-Produktion geht zurück, da der Körper mehr Ressourcen in die Herstellung von Cortisol steckt. Gleichzeitig steigt die Östrogenproduktion“, erklärt Alhaj Esmaeel. Diese hormonelle Verschiebung kann zur sogenannten sekundären Amenorrhoe führen. Dem Ausbleiben der Regelblutung über mehrere Monate hinweg. Besonders empfindlich ist der Körper in der Lutealphase, also der zweiten Zyklushälfte zwischen Eisprung und Periodenbeginn. In dieser Phase ist die Insulinsensitivität ohnehin reduziert. Durch die zusätzliche Belastung mit Koffein kann die hormonelle Regulation weiter aus dem Gleichgewicht geraten.
Stress, so die evolutionsbiologische Erklärung, signalisiert dem Körper Gefahr. In solchen Situationen drosselt er alle Prozesse, die nicht unmittelbar überlebensnotwendig sind. Darunter auch die Fortpflanzung. Das Ergebnis: Der Zyklus gerät ins Stocken oder setzt ganz aus. Besonders betroffen sind Frauen, deren Alltag ohnehin durch hohe Stresslevel, Schlafmangel, intensives Training oder Diäten geprägt ist.
Auch der Stoffwechsel reagiert empfindlich auf Koffein. Eine britische Studie der Universität Bath bestätigt: Eine Tasse Kaffee kann den Blutzuckerspiegel am Morgen um bis zu 50 Prozent ansteigen lassen. Dies liegt an der kurzzeitigen Hemmung Koffeins der Insulinwirkung. Schon eine einzige Tasse schwarzer Kaffee vor dem Frühstück kann die Blutzuckerregulation erheblich stören.
Die Folge sind typische Symptome wie Zittern, Schwitzen, Nervosität, Übelkeit oder ein abrupter Energieabfall im Laufe des Vormittags. Bei regelmäßiger Belastung kann dieses Muster das Risiko für Insulinresistenz und langfristig für Typ-2-Diabetes erhöhen.
Cortisol signalisiert: „Achtung, Gefahr! Ressourcen sparen, Energie speichern!“ Und genau das tut der Körper. Er schaltet in den sogenannten Überlebensmodus.
In dieser Situation verfolgt der Organismus ein evolutionär sinnvolles Ziel: Fett speichern, um für karge Zeiten gewappnet zu sein. Besonders bevorzugt wird dabei die Einlagerung im Bauchraum, wo Fettdepots schnell verfügbar sind. Aus Sicht der Evolution eine Art Notfallreserve. Bleibt der Cortisolspiegel dauerhaft erhöht, hat das nicht nur Auswirkungen auf die Fettverteilung, sondern auch auf den gesamten Stoffwechsel. Der Körper verlangsamt den Fettabbau, um seine Reserven zu schützen.
Neben seiner Wirkung auf Hormone und Blutzucker beeinflusst Kaffee auch die Nährstoffaufnahme, mit Folgen für Frauen, insbesondere während der Menstruation. Kaffee hemmt die Aufnahme von Eisen. Nicht nur wegen des Koffeins, sondern auch aufgrund enthaltener Polyphenole und Tannine. Diese Pflanzenstoffe binden Eisen im Magen-Darm-Trakt und machen es für den Körper schwerer zugänglich. Auch entkoffeinierter Kaffee hat diesen Effekt.
Gerade während der Menstruation verliert der weibliche Körper regelmäßig Blut und damit Eisen. Wer in dieser Zeit regelmäßig Kaffee konsumiert, verschärft die Gefahr eines Eisenmangels, was sich in Form von Erschöpfung, Antriebslosigkeit oder Schwindel äußern kann.
Darüber hinaus fördert Kaffee die Ausscheidung von Kalzium und Magnesium. Beides sind zentrale Mineralstoffe für den Knochenstoffwechsel. Sinkt der Östrogenspiegel, etwa bei Frauen mit Zyklusstörungen, fehlt dem Körper ein wichtiger Signalgeber zur Kalziumeinlagerung in die Knochen. So steigt das Risiko für Osteoporose. Ein Zusammenhang, der auch bei Frauen mit sekundärer Amenorrhoe von Bedeutung ist.
Trotz dieser potenziellen Nebenwirkungen ist Kaffee nicht per se ein Gesundheitsrisiko. Im Gegenteil: Zahlreiche Studien bescheinigen ihm positive Effekte. Er enthält Antioxidantien, kann das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson senken, und er verbessert kurzfristig die Konzentrationsfähigkeit.
Kaffee kann sogar die sportliche Leistungsfähigkeit steigern, allerdings sollte er dann gezielt eingesetzt werden. Die Dosis macht, wie so oft, das Gift.
Wer seinen Kaffee bewusst und nicht auf nüchternen Magen trinkt, etwa nach einem ausgewogenen Frühstück, kann viele dieser negativen Effekte abmildern. Für Frauen mit Zyklusproblemen, hormonellen Dysbalancen oder erhöhtem Nährstoffbedarf kann es jedoch sinnvoll sein, den morgendlichen Koffeinkonsum kritisch zu hinterfragen. Besonders für Frauen lohnt sich ein genauer Blick auf Zeitpunkt und Menge des Konsums. Wer seinen Zyklus verstehen und unterstützen will, findet in einem bewussten Umgang mit Kaffee einen wirkungsvollen Hebel.
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