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Wie sinnvoll Demonstrationen heute noch sind

Sie ernten genervte Blicke und blockieren mitunter den Verkehr. Demonstranten auf der Wiener Ringstraße, die ihre Plakate in die Höhe recken und lautstark Parolen brüllen. Hat Demonstrieren in Zeiten sozialer Medien als effizientes Mobilisierungs-Tool überhaupt noch einen Sinn?
Julia Ehrensberger  •  10. Juli 2025 Redakteurin    Sterne  568
Fast 570.000 Einsatzstunden leistete die österreichische Polizei 2021 im Zusammenhang mit Demonstrationen. (Foto: Pexels)
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Die Straße gehört allen, doch muss sie zwangsläufig zur Bühne werden? Denn ein neutraler Raum ist die Straße keinesfalls. Sie ist nicht nur Raum derer, die ihr Bedürfnis nach Weltverbesserung nach außen tragen müssen, sie ist genauso Raum derer, die ihre Kinder in die Schule bringen, einkaufen gehen, in die Arbeit fahren oder einen Arzttermin haben. Es stellt sich die Frage, wie weit das Recht auf Demonstration reichen darf und wann es zur Zumutung für Unbeteiligte wird.

Kein Wunder, dass verwunderte Blicke und Stirnrunzeln die Reaktionen sind, wenn Menschen für das Schließen von Goldminen in Usbekistan protestieren. Damit sei nicht gemeint, dass dies kein relevantes Thema ist, aber in Österreichs politischer Handlungsreichweite spielt das wohl kaum eine Rolle. Also kommt berechtigterweise die Frage auf: Warum hier, warum so?

Martin Dolezal, Politikwissenschaftler an den Universitäten Salzburg und Graz, sowie Experte für Protestbewegungen meint: „Anliegen aus anderen Ländern waren auch in früheren Zeiten ein wesentliches Merkmal vieler Protestbewegungen. Aufgrund der starken Migrationsströme hat sich dieser Aspekt aber sicher noch einmal verstärkt und im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten werden „externe Anliegen“ wohl häufiger von migrantischen Akteuren selbst vertreten.“

Sind Demonstrationen nur noch Störgeräusche?

Entschlossenes Handeln und ein gesellschaftlicher Aufschrei sollte eigentlich als positiver Akt angesehen werden, denn die enormen globalen Herausforderungen unserer Zeit sollten nicht allein in den Händen einiger weniger Politiker liegen. Der disruptive Charakter von Demonstrationen ist zweifelsohne ein wichtiges ziviles Werkzeug, weil sie den Rhythmus des Alltags unterbrechen und sowohl die Öffentlichkeit als auch die Politik dazu zwingen, wichtigen Themen Aufmerksamkeit zu schenken.

Einige Demonstrationen haben durchaus das Potenzial, die Unterstützung der Öffentlichkeit für sich zu gewinnen. Andere jedoch bringen eine vermeintlich ungewollte Reaktion hervor. Denn wenn mit Gewalt und Aggression demonstriert wird, werden Aktivisten gleichermaßen wie Außenstehende in einen Kreislauf gegenseitigen Hasses und verhärteter Fronten gedrängt, der entweder zum demokratischen Stillstand oder zu weiteren Eskalationen führt.

Sie haben das Potenzial viel zu verändern, doch dieses Potenzial schwindet, wenn für Anliegen protestiert wird, die für weite Teile der Bevölkerung weder unmittelbar zugänglich noch nachvollziehbar erscheinen. Martin Dolezal sagt: „Generell zeigt sich eine „Normalisierung“ dieser Partizipationsformen, da das Profil der beteiligten Personen und die dabei vertretenen Anliegen diverser werden und sich zumindest tendenziell der Gesamtbevölkerung angleichen.“

Mit jeder Demonstration, die keinen direkten Bezug für eine Mehrheit der Menschen hat, erodiert die Stärke dieses Werkzeugs. Die Glaubwürdigkeit beginnt zu bröckeln und statt als Weckruf wahrgenommen zu werden, werden Demos zunehmend als alltägliches Hintergrundrauschen abgetan. Im schlimmsten Fall schlägt die Reaktion der Öffentlichkeit sogar in genervte Ablehnung um.

Großteil der Österreicher lehnt Demonstrationen ab

Bei den Corona-Demonstrationen waren laut einer Umfrage im Jahr 2025 von Statista 35 Prozent der Menschen der Meinung, diese sollten gänzlich verboten werden, 34 Prozent fanden, die Demos sollten nur an Orten stattfinden, an denen sie Geschäfte und Verkehr nicht stören. 55 Prozent der Österreicher hatten überhaupt kein Verständnis für die Proteste der Klimaaktivisten, nur neun Prozent zeigten vollstes Verständnis, wie eine Umfrage von Statista im Jahr 2024 zeigt.

Eine OGM-Umfrage im Jahr 2023 zeigt, dass 66 Prozent der Österreicher die Pro-Palästina-Demonstrationen verbieten wollen. Lediglich 18 Prozent waren dafür, dass diese auch weiterhin erlaubt sein sollen.

18 Millionen Euro Kosten

Im Jahr 2023 registrierte die Wiener Polizei zwischen 10.000 und 11.000 Demonstrationen. Besonders häufig im Fokus standen dabei Kundgebungen der Klimaschutzgruppe „Letzte Generation“ sowie zahlreiche Pro-Palästina-Demonstrationen. Ein Rückblick auf das Jahr 2021 zeigt, welch enormer Aufwand mit Demonstrationen verbunden sein kann. Damals leistete die österreichische Polizei fast 570.000 Einsatzstunden im Zusammenhang mit Protesten gegen die Corona-Maßnahmen. Die Kosten beliefen sich auf rund 18 Millionen Euro und es kam zu knapp 20.000 Anzeigen.

Für das Wahljahr 2024 rechnete die Polizei mit einer Zunahme an Versammlungen, was sich mit rund 13.000 registrierten Demos in Wien auch bestätigte. Besonders herausfordernd waren dabei erneut zahlreiche Pro-Palästina-Kundgebungen. Für 2025 rechnen die Behörden mit einem leichten Rückgang der Demonstrationszahlen.

Künftig nur mehr online?

Demonstrationen waren einst der unüberhörbare Aufmarsch derjenigen, die keine Stimme hatten. Sie brachten Ungerechtigkeit auf die Straße und zwangen die Entscheidungsträger dazu, hinzuschauen. In Zeiten ohne digitale Reichweite waren sie die einzige Möglichkeit für das Volk, seiner Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen.

Heute ist das anders. Mit nur einem Klick, einem Hashtag kann eine Stimme innerhalb kürzester Zeit millionenfach global gehört werden. Digitale Protestbewegungen wie metoo oder Blacklivesmatter haben gezeigt, wie schnell sich Anliegen über soziale Medien verbreiten, globale Aufmerksamkeit erlangen können und dabei eine Welle von Veränderung und neue Sichtbarkeit für lang überhörte Themen auslösen.

Martin Dolezal, Politikwissenschaftler an den Universitäten Salzburg und Graz, und Experte für Protestbewegungen meint: „Der öffentliche Diskurs ist stark von der Kommunikation in digitalen Räumen geprägt, jedoch sehen wir gleichzeitig keineswegs eine Abnahme von öffentlichen Protesten auf der Straße.“ Dass Demonstrationen in der Zukunft also gänzlich digital abgehalten werden, ist also wahrscheinlich auszuschließen.

Warum demonstrieren Menschen noch?

Durch die zunehmende gesellschaftliche Spaltung und die multiplen Krisen steigt das Bedürfnis nach Nähe und Zusammenhalt. Gerade deshalb personifizieren Demonstrationen einen tief verwurzelten menschlichen Urinstinkt. Den Wunsch, Teil eines Kollektivs zu sein und darin Schutz und Stärke zu finden.

Ein Großteil unserer sozialen Interaktionen läuft heute digital ab und deswegen sehnen sich besonders junge Menschen nach analogem Miteinander. Danach Seite an Seite zu stehen, Schulter an Schulter zu gehen. Demonstrationen bieten dieses Gefühl.

Das deckt sich auch mit Aussagen des Psychotherapeuten Philip Lioznov in einem Interview mit Stern: „Bei Demonstrationen wird zum Beispiel unser Grundbedürfnis nach Bindung bedient. Wenn wir sehen, dass hunderte Menschen für eine Sache auf die Straße gehen und uns ihnen anschließen, dann fühlen wir uns einer Gruppe zugehörig.“ Auch die Selbstwerterhöhung spiele eine Rolle. Wenn Menschen Teil einer Gruppen seien, steigere das den Selbstwert, weil sie vermeintlich stärker und mächtiger agieren als allein.

Versammlungsfreiheit in Gefahr

In zahlreichen Ländern, in denen sich demokratische Strukturen zunehmend in illiberale Systeme verwandeln, geraten Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit immer stärker unter Druck. So auch in den USA. Nach den teils eskalierenden Protesten gegen die Festnahmen und Abschiebungen von Migranten ohne gültige Papiere durch die Einwanderungsbehörde ICE hat die Polizei ein Versammlungsverbot für die Innenstadt von Los Angeles verhängt.

Ungarische Pride als Demonstration gegen das System

Obwohl die ungarische Regierung unter Viktor Orbán die Pride-Parade offiziell untersagt hatte, versammelten sich am 28. Juni 2025 rund 200.000 Menschen in Budapest, so viele wie noch nie zuvor. Die diesjährige Pride wurde damit zur größten Protestaktion gegen Orbáns autoritären Kurs seit seinem Amtsantritt.

Längst war die Parade mehr als eine Demonstration für die Rechte der LGBTQ-Community. Viele Teilnehmende trugen Plakate mit deutlicher Kritik an der Regierung und der rechtskonservativen, autoritären Fidesz-Partei. Zahlreiche Unterstützer außerhalb der Community solidarisierten sich, denn es ging um nicht weniger als den Schutz grundlegender Bürgerrechte. Oppositionspolitiker werteten dies als Zeichen von Orbáns Inkonsequenz, denn die seinerseits errichtete Drohkulisse zerfiel angesichts der friedlich demonstrierenden Menschenmenge.

Viele Beobachter sahen in der Pride 2025 einen möglichen Wendepunkt und neuen Rückenwind für die Oppositionspartei TISZA-Partei unter Führung von Péter Magyar.

Demos als Bühne für Verschwörungstheoretiker

Seit der Corona-Pandemie haben sich Demonstrationen für manche zu einem Werkzeug der Instrumentalisierung entwickelt, das sich von jeder Realität und Sachlichkeit entkoppelt. Denn immer öfter marschieren nicht nur die, die berechtigte Anliegen haben, sondern auch die, die vor allem ihre eigene Wahrheit herausbrüllen wollen. Die Schwurbler, Verschwörungserzähler, Extremisten und Wutbürger, die die Straße zur Kulisse ihres lauten Selbstinszenierungstheaters machen.

So wird der Wert von Demonstrationen, die einst ein hochdemokratisches Werkzeug waren, in belächelte Mitleidenschaft gezogen. Martin Dolezal meint dazu: „Tatsächlich gab es während der Corona-Pandemie eine starke Mobilisierung durch Anhänger von Verschwörungstheorien, doch zeigen etwa Daten des European Social Survey in Österreich keinen Unterschied beim Ausmaß des Glaubens an Verschwörungstheorien, wenn Personen, die sich an Demonstrationen beteiligen mit Personen, die sich nicht daran beteiligen, verglichen werden.“

Kollektiver Aufstand gegen die Ohnmacht

Während die Welt in Flammen aufgeht und im Minutentakt eine erneute Schreckensnachricht von Krieg und Krisen auf dem Smartphone-Bildschirm erscheint, kann man nur fassungslos zusehen. Die Machtlosigkeit ist überwältigend. Es ist verständlich, wenn Menschen ihren Gefühlen Ausdruck verleihen müssen. Der Drang aufzustehen und zu schreien: „Was passiert hier eigentlich mit der Welt, wie ich sie kenne?“ mischt sich wohl bei vielen als graues Dauerrauschen unter die Alltagsgedanken.

Psychotherapeut Philip Lioznov im Interview mit Stern sagt: „Andersrum kann es auch sein, dass unser Grundbedürfnis nach Autonomie uns ins Tun bringt, weil wir uns von den aktuell regierenden Parteien nicht gesehen fühlen und wir durch den Protest das Gefühl der Selbstbestimmtheit zurückholen wollen.“

Demonstrationen bieten eine optimale Bühne, um sich von dem Schleier der Ohnmacht zu befreien, der sich über alles und jeden legt, während wütende Machthaber die Welt mit ihren Tobsuchtanfällen zertrampeln. Demonstrationen geben dem Gefühl von Kontrollverlust einen Ort, eine Richtung. Vielleicht ist es genau diese paradoxe Mischung aus Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, die den Wert von Demonstrationen ausmacht. Weil am Ende des Tages wenigstens der Versuch bleibt, die eigene Bedeutungslosigkeit zu überwinden.


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