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LinkedIn-Gründer Reid Hoffman: Der Tech-Milliardär gegen Trump

Im Gegensatz zu vielen Weggefährten aus der sogenannten PayPal-Mafia steht der LinkedIn-Gründer Reid Hoffman für ein anderes Amerika. Für einen funktionierenden Rechtsstaat, für Zivilgesellschaft, für ein ethisch eingebettetes Technologiesystem. In einer Szene, in der politische Zurückhaltung zum guten Ton gehört, spricht er Klartext. Er warnt vor Rachsucht, vor Gewaltverherrlichung und vor einem Präsidenten, der politische Gegner wie in einer Bananenrepublik behandeln will.
Katharina Bittner  •  21. Juli 2025 Volontärin    Sterne  146
Reid Hoffman gilt als einer der wenigen Tech-Milliardäre im Silicon Valley, die offen gegen Donald Trump Stellung beziehen. (Foto: Tobias Hase / dpa / picturedesk.com)
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Während Elon Musk, Peter Thiel und andere Tech-Milliardäre mit Donald Trump sympathisieren, oder wie Musk inzwischen öffentlich mit ihm brechen, gehört Reid Hoffman zu den wenigen aus dem Silicon Valley, die von Anfang an eine klare Gegenposition vertraten. Der LinkedIn-Gründer war einer der größten Geldgeber in Kamala Harris’ Wahlkampf. Außerdem unterstützte er die Zivilklage der Autorin E. Jean Carroll, in der ein Gericht Trump wegen sexuellen Missbrauchs haftbar machte. Er schweigt nicht, obwohl er weiß, wie gefährlich das werden kann.

Hoffman kann sich wehren. Er hat Geld, Einfluss und Zugang zu Medien. Aber selbst er sagt: „Trump hat gezeigt, dass er zu Vergeltung bereit ist. Auf eine Weise, die nichts mit einem gesunden demokratischen System zu tun hat.“

Philosoph mit Milliarden

Reid Hoffman studierte Philosophie in Oxford. Er denkt in Prinzipien. Dennoch ist er Pragmatiker und Unternehmer. Hoffman verkaufte das Karrierenetzwerk LinkedIn 2016 für 26 Milliarden Dollar an Microsoft. Danach baute er mit Elon Musk, Peter Thiel und anderen den Bezahldienst PayPal auf. Viele aus diesem Kreis unterstützen heute Trump oder halten sich politisch zurück. Hoffman nicht. Er bezieht Position, gibt Interviews und spricht in Podcasts.

Privat lebt er mit seiner Frau Michelle Yee in Seattle. Gemeinsam engagieren sie sich in mehreren Non-Profit-Organisationen, darunter Mozilla, Kiva.org und Endeavor, eine Initiative zur Förderung unternehmerischer Projekte in Schwellenländern.

Viele Größen des Silicon Valley, darunter Mark Zuckerberg, Jeff Bezos und Elon Musk, saßen bei Trumps Amtseinführung in der ersten Reihe. Hoffman hingegen blieb bei den Demokraten. Zwar kritisierte er ihren Kurs immer wieder, doch er hielt ihnen stets die Treue. Heute gehört er zu den sichtbarsten Tech-Gegnern des Präsidenten. 2016 glaubte er noch, seine Haltung sei mehrheitsfähig. Doch die Stimmung in der Branche hat sich gedreht: Viele aus der Tech-Elite haben sich von den Demokraten abgewandt.

Der Bruch mit den Demokraten

Laut Hoffman haben sich die Demokraten selbst ins Knie geschossen. Ihr Anspruch, für die Schwachen zu kämpfen und gegen die Mächtigen zu stehen, hat zu der Haltung geführt, dass Tech-Konzerne grundsätzlich gefährlich sind. Dabei übersehen sie, dass Gründer neuer Technologien in den USA weit über das Silicon Valley hinaus als Helden gelten.

Für viele ist Technologie mehr als Fortschritt. Sie gilt als einziger Weg in eine bessere Zukunft. Diese Überzeugung teilen Republikaner und Demokraten. Sie funktioniert wie eine Religion. Wer sie infrage stellt, wird nicht als Kritiker gesehen, sondern als Gegner.

Macht, Moral und Einfluss

Auch Hoffman glaubt an die Tech-Religion. Aber nicht bedingungslos. Er unterscheidet zwischen unternehmerischer Effizienz und demokratischer Verantwortung. Er verteidigt die Idee, dass der Staat vom Unternehmertum lernen kann, aber warnt vor blinder Marktgläubigkeit. Wenn Unternehmen scheitern, verlieren sie Kapital. Wenn Staaten scheitern, verlieren Menschen ihr Leben. Für ihn braucht Fortschritt einen funktionierenden Rechtsstaat. Ohne demokratische Kontrolle wird aus Utopie Überwachung.

Hoffman hält Regulierung für notwendig, kritisiert aber die Klagewelle unter Joe Biden. Er warnt vor Übertreibung und Symbolpolitik. Lina Khan, die damalige Leiterin der US-Wettbewerbsbehörde, war überzeugt, dass Tech-Konzerne zu viel Macht anhäufen und sich zu wenig an Regeln halten. Sie leitete zahlreiche Verfahren gegen große Plattformen ein. Auch auf die Gefahr hin, vor Gericht zu scheitern. Für Hoffman war das ein Wendepunkt. Er spricht von juristischer Kriegsführung und von einer Regierung, die das Vertrauen der Innovatoren aufs Spiel setzt.

Nicht nur Kritiker, auch Machtfaktor

Der LinkedIn-Gründer kritisiert Trump, doch auch er ist Teil eines Systems, das Probleme schafft. Zehn Millionen Dollar für Kamala Harris, die Mitfinanzierung eines Prozesses gegen Trump. Er handelt politisch, aber nicht als gewählter Vertreter, sondern als Milliardär. Er kann Einfluss nehmen, wo andere nicht mitreden dürfen. Seine Nähe zur Regierung ist kein Zufall. Auch gegen Khan soll er sich intern ausgesprochen haben. Er fordert keine Abschaffung von Regulierung, sieht sie aber kritisch, wenn sie seiner Vorstellung von Innovation im Weg steht.

Hoffman glaubt an Fortschritt, an Technologie, an Wirkung. Doch wenn politischer Einfluss an Vermögen gebunden ist, stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wie viel Demokratie bleibt, wenn wenige so viel bestimmen?

Politik und Angst

Hoffman sieht, wie sich das politische Klima in den USA verändert. Trump bedroht politische Gegner, stellt sich über das Recht und verharmlost Gewalt. Er erinnert an General Mark Milley, dessen Personenschutz Trump aufhob, obwohl dieser vom Iran bedroht wurde. Oder an den Plan, amerikanische Staatsbürger dem US-Rechtssystem zu entziehen und in salvatorische Gefängnisse zu überführen. Und schließlich an die Begnadigung der Kapitolstürmer.

„Wenn jemand in Trumps Namen Gewalt ausübt, zählt das mehr als Rechtsstaatlichkeit“, sagt Hoffman.

Er kann das Schweigen nachvollziehen, hofft aber, dass mehr Menschen bereit sind, öffentlich Stellung zu beziehen.

Superkräfte für die Zivilgesellschaft

In seinem Buch Superagency wirbt Hoffman für einen optimistischen Blick auf künstliche Intelligenz. KI ist nicht das Problem, sagt er. Entscheidend ist, in welchem System sie eingesetzt wird und ob es gelingt die Gesellschaft mitzunehmen. In Demokratien kann sie stärken, in Autokratien unterdrücken.

Hoffman fordert, sich nicht in Risiken zu verlieren, sondern auf das zu schauen, was möglich ist. Er hat mit mehreren europäischen Regierungsvertretern gesprochen, darunter Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Sein Ziel ist die Entwicklung von KI in Europa zu beschleunigen, damit zentrale europäische Werte in die Technologie einfließen.

Mit Vertreterinnen oder Vertretern der deutschen Regierung hat er bisher nicht gesprochen. Seine Botschaft lautet: Wer mitgestalten will, muss neugierig bleiben. Sonst entscheiden andere.

Reid Hoffmans Mission

Hoffman spricht mit Unternehmerinnen und Unternehmern im Silicon Valley. Er versucht sie zu überzeugen. Nicht im Namen des Widerstands, wie er betont, sondern als Beitrag zur Zivilgesellschaft. Für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie.


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1 Kommentar
Tobias Wallinger

Sehr spannender und gut recherchierter Artikel!

21 July 2025 Antworten



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