In den späten Achtzigerjahren fing die damals zwanzigjährige Conny Bischofberger an, in Wien beim Kurier zu arbeiten. In der Sonntagskonferenz, wo erfahrene Journalisten das Interview für die nächste Ausgabe diskutierten, meldete sich Conny und sagte: „Man könnte doch Vuk Drašković interviewen“, den damaligen Oppositionsführer in Jugoslawien, den sie im Fernsehen gesehen hatte. Der Chefredakteur schaute sie mitleidig an und sagte amüsiert: „Machen Sie das mal.“ Unerfahren und ohne Kontakte, ließ Bischofberger sich nicht entmutigen.
Also ging sie ins Oswald und Kalb, einem Lokal in der Wiener Bäckerstraße, und bat den serbischen Chef um Hilfe. „Kein Problem, ich rufe Mirko an“, meinte er. Dann griff er zum Telefon und erklärte dem serbischen Uhrmacher Mirko: „Wir müssen Conny vom Kurier helfen, ein Interview mit Vuk Drašković zu bekommen.“ Mirko rief Dragan an, den Verbindungsmann zwischen Belgrad und der serbischen Gemeinde in Wien. Dragan rief Vuk Drašković an.
So flog Conny nach Belgrad, mitten im kalten Winter und führte ihr erstes Interview. In gebrochenem Englisch, ohne Vorbereitung und ohne Tonbandgerät. Das Ergebnis war ein weltweit exklusives Interview, das den Grundstein für ihre Karriere legte. Doch was steckt wirklich hinter Bischofbergers Talent und welche Techniken tragen zu ihrem Erfolg in der Königsdisziplin des Journalismus bei? Mit praktischen Tipps aus erster Hand gewährt sie einen umfassenden Einblick in ihre Arbeitsweise und verrät wertvolle Tricks, die den entscheidenden Unterschied machen.
Ein gutes Interview nimmt die Leser mit zum Ort des Geschehens und lebt von Beobachtungen. Wie verhält sich der Gesprächspartner, welche Kleidung trägt er, was liegt auf dem Schreibtisch, welche Details stechen in der Umgebung ins Auge? Wirkt der Mensch nervös, entspannt oder vielleicht müde?
Die Fragen sollten ungewöhnlich, witzig, kritisch und tiefgründig und idealerweise solche sein, die sich auch die Leser selbst stellen. Bischofberger bereitet sich intensiv auf Interviews vor. „Die Fragen gehen mir nicht mehr aus dem Kopf, es fallen mir immer mehr und bessere Formulierungen ein. Am Schluss schreibe ich sie auf und überlege, wie ich sie noch präziser, witziger und ungewöhnlicher formulieren kann“, sagt sie.
Ein gutes Interview lebt von der richtigen Atmosphäre, klugen und überraschenden Fragen und dem Vertrauen zwischen Gesprächspartnern. Die Leser sollen Neues erfahren. Ebenso wichtig sind passende Fotos, sie müssen die Stimmung widerspiegeln. Ein falsches Foto kann den gesamten Eindruck verfälschen.
Sehr wichtig ist der Blickkontakt, denn jemandem lange in die Augen schauen zu können, bildet die Grundlage für den Aufbau einer Beziehung. Die Interview-Beteiligten sollten vis-à-vis voneinander sitzen.
Der Tisch darf weder zu schmal noch zu breit sein. Der Abstand soll so gewählt sein, dass sich die Interviewbeteiligten sich zwar direkt gegenübersitzen und eine gewisse Nähe spürbar ist, aber trotzdem genügend Raum bleibt. Zu nah fühlt sich schnell unangenehm an.
Bischofberger vergleicht die Kunst des Interviews mit Tanzen: „Man kommt sich näher, macht dieselben Bewegungen und spiegelt das Gegenüber. “ Denn die Körpersprachen müssen übereinstimmen. Sitzt das Gegenüber mit verschränkten Händen, übernimmt sie diese Haltung. Sitzt die Person kerzengerade im Stuhl, lehnt sie sich nicht zu weit zurück. Wenn das Gegenüber laut spricht, spricht sie selbst auch lauter, wird es leise, senkt auch sie die Stimme. So bleibt die Balance gewahrt.
Heikle Situationen spricht Conny sofort an, sonst verschlechtert sich die Atmosphäre. Sie vergleicht das mit einer Beziehung: „Wenn der Wurm drinnen ist und niemand darüber redet, wird es immer schlimmer.“
Ein guter psychologischer Trick im Gespräch ist, das auszudrücken, was intuitiv spürbar ist, zum Beispiel, wenn jemand ausweicht oder ablenkt. Statt zu übergehen, fragt Conny in so einer Situation direkt: „Warum weichen Sie aus?“ oder „Warum beantworten Sie die Frage nicht?“ Wenn das Gegenüber gestresst wirkt oder ständig auf die Uhr schaut, sagt sie etwa: „Ich sehe, Sie schauen auf die Uhr, wie viel Zeit haben wir noch? Für ein gutes Gespräch ist es wichtig, dass wir uns genügend Zeit nehmen.“
Wichtig ist, nicht nur auf Worte zu achten, sondern auch auf Körpersprache und Emotionen. Denn die verraten oft mehr als der reine Inhalt, der später ohnehin in der Transkription zum Nachlesen steht.
Auch Geduld ist entscheidend. Wenn Menschen Pausen machen oder sich verhaspeln, wartet ein guter Journalist ruhig ab. Sonst verpasst er eine mögliche interessante Antwort. Auch bei der Formulierung hilft er gerne, damit sich das Gegenüber verstanden fühlt.
Bischofbergers wichtigster Tipp lautet dem Gegenüber Respekt und Interesse zu zeigen, denn nur so entsteht ein gutes Gespräch. Dabei darf Sympathie keine Rolle spielen, denn die Äquidistanz muss immer gewahrt werden. „Ich muss zu jeder Person, egal ob sie eine Bank ausgeraubt oder den Nobelpreis gewonnen hat, dieselbe respektvolle Distanz wahren“, erklärt sie.
Wichtig ist auch, sich emotional in den Gesprächspartner einzufühlen und darauf zu reagieren, welche Gefühle aufkommen. „Ich habe gemerkt, Sie werden so ernst, was geht Ihnen gerade durch den Kopf?“, sagt Conny in solchen Momenten. Echtes Interesse hilft dabei, dass sich Menschen respektiert fühlen und öffnen.
Oft ist in diesen Momenten nicht klar, wo die Grenze liegt, deshalb gilt besser mehr fragen als zu wenig. Im Nachhinein ist immer noch eine Entschuldigung möglich. Wichtig ist, im Vorfeld abzuwägen, welche Grenzen wichtig sind und den schmalen Grat zwischen dem Interesse der Leser und Voyeurismus zu wahren.
Viele Journalisten haben das Bedürfnis, es allen recht zu machen und niemandem auf die Füße zu treten. Doch die Angst, sich dadurch unbeliebt zu machen, ist meist unbegründet. Wer freundlich, aber bestimmt auftritt, verletzt kaum jemanden. Und selbst wenn es mal Kritik gibt, gehört das zum Job dazu.
Sobald sich auch nur der kleinste Anschein einer Emotion zeigt, hakt Conny sofort ein: „Wie war das für Sie und was haben Sie dabei gedacht?“ Je direkter, präziser und detailreicher die Frage, desto besser die Antwort.
Details sind das Entscheidende in einem guten Interview. Ein lebendiger Text entsteht durch sinnliche Eindrücke wie Gerüche, Geräusche, Temperaturen und Gefühle.
Es gibt auch Menschen, die Emotionen lieber außen vor lassen. Bei ihnen bringt ständiges Nachfragen nichts. Diesen Widerstand zu akzeptieren, ist auch Teil eines respektvollen Interviews, denn dann liegt das Besondere darin, dass jemand völlig emotionslos wirkt und genau das kann spannend sein.
Ein perfektes Interview ist für Bischofberger eines, bei dem ein aktuelles Thema auf eine Person trifft, die etwas Relevantes oder Exklusives dazu sagen kann. Idealerweise ist es jemand, den sonst noch niemand zu genau diesem Thema befragt hat oder zumindest niemand auf die Weise, wie sie es vorhat. Es gibt auch Interviews, bei denen entweder die Person besonders spannend ist oder das Thema für sich allein Aufmerksamkeit erzeugt. Doch das beste Ergebnis erzielen Journalisten, wenn beides zusammen stark ist.
Damit das gelingt, liest Conny alles, was es über den Interviewpartner bereits zu lesen gibt. Besonders frühere Interviews sind wichtig, um nicht dieselben Fragen noch einmal zu stellen. Stattdessen greift sie bekannte Aussagen bewusst auf und stellt dann eine Frage, die weiterführt und eine andere Perspektive eröffnet. Entscheidend ist außerdem, die Fragen immer auf das eigene Publikum zuzuschneiden.
Gerade als Anfänger fällt es schwer, gleichzeitig aufmerksam zuzuhören, zu verstehen und gute Nachfragen zu stellen. Conny bereitet zwar manchmal weiterführende Fragen vor, doch sie betont: „Spontane Fragen sind oft genau richtig. Die eigentliche Schwierigkeit liegt darin, die eigenen Gedanken nicht für sich zu behalten, sondern auch auszusprechen.“
Wenn jemand nur mit „Nein“ antwortet, stellt die Frage oft das Problem dar. Eine Frage, die nur Raum für „Ja“ oder „Nein“ lässt, blockiert eine interessante Antwort. Besser funktioniert eine Formulierung, die zum Erzählen einlädt. Klingt die Antwort trotzdem knapp oder einsilbig, hilft ein freundlicher Hinweis: „Das klingt für mich etwas ungewöhnlich, könnten Sie das näher erklären?“
Die schwierigsten Persönlichkeitstypen für ein Interview sind Narzissten und verschlossene Menschen. Narzissten stellen eine Herausforderung dar, weil sie sich selbst sehr wichtig nehmen. Gleichzeitig bieten sie den Vorteil, viel über sich erzählen zu wollen und damit das Gespräch zu füllen. Wirklich kompliziert wird es mit Menschen, die sich nicht öffnen wollen oder können. Wer ein Interview gibt, hat aber immer ein Motiv zu sprechen. Wenn sich doch jemand verschließt oder schlechte Laune zeigt, reagieren diejenigen oft positiv auf einen Situationswechsel. Ein Spaziergang, ein Kaffee oder ein kurzer Smalltalk als Unterbrechung können Wunder wirken.
Ein Interview mit einem CEO bringt andere Herausforderungen mit sich. Viele sind zahlenorientiert und wirken dadurch ernst und distanziert. Conny meint: „Gerade die sind oft überrascht und gar nicht unangenehm berührt, wenn man im Interview auch persönliche Themen anspricht. Das Menschsein ist schließlich jedem wichtig.“ Fragen nach der Motivation, den Beweggründen oder den Gedanken hinter ihrem Handeln geben dem Interview eine persönliche Note und machen es spannender.
Schon kleine Details wie „Warum liegt dieses Buch auf Ihrem Schreibtisch?“ machen die Person authentisch. Auch bei Fotos sollte der Bildtext genau erklären, was darauf zu sehen ist oder ein Detail, das besonders aufgefallen ist. Solche persönlichen Informationen machen auch Experteninterviews deutlich knackiger.
Politiker, die sich in die Enge getrieben fühlen, antworten bekanntermaßen oft mit einer Gegenfrage, das geschieht jedoch laut Conny aus Verteidigung oder als Reaktion auf schlechte Fragen. Bei Politikern ist auch oft im Vorhinein schon klar, was die Antwort sein wird, weil sie dieselben Fragen bereits in früheren Interviews beantwortet haben.
Sie stellt sich deshalb den möglichen Gesprächsverlauf vor und bereitet gezielt Nachfragen vor, um neue Antworten zu provozieren. Sie spricht Politiker direkt darauf an, dass sie das Thema schon oft ähnlich beantwortet haben, und macht klar, dass sie diesmal auf einen anderen Punkt hinauswill.
Der optimale Ort für ein Interview bietet Ruhe und passt zur Person. Cafés eignen sich eher nicht, weil Musik, Stimmengewirr und andere Geräusche das Gespräch stören. Besser ist eine Umgebung, die ein ungestörtes und konzentriertes Gespräch ermöglicht. Manchmal helfen ungewöhnliche Orte wie ein Spaziergang am See oder im Wald, um eine lockere Atmosphäre zu schaffen, in der sich der Mensch leichter öffnen kann.
Grundsätzlich gilt, dass Dinge, die sich in einer Stunde nicht erfragen lassen, auch nicht in drei Stunden zum Vorschein kommen. Deshalb sollte ein guter Journalist jede Minute nutzen. Wer gut vorbereitet ins Gespräch geht und den Interviewpartner bereits kennt, braucht nicht länger als dreißig bis vierzig Minuten. Ideal sind rund fünfzig Minuten, maximal siebzig.
Vor einem Interview klärt Conny immer ein paar zentrale Punkte. So entsteht von Anfang an eine klare und vertrauensvolle Grundlage, die für beide Seiten wie ein verbindlicher Vertrag ist.
Außerdem spricht sie gleich ab, wann sie den Text zur Autorisierung schickt und wie viel Zeit dafür bleibt. Im Vorab Themenblöcke anzukündigen und den Gesprächsrahmen zu nennen, ist in Ordnung, aber die konkreten Fragen niemals vorher an den Interviewpartner senden.
Wer eine Interviewanfrage stellt, sollte möglichst viele Informationen über die Person direkt in die E-Mail schreiben. Conny sagt: „Die meisten Menschen geben Interviews, weil sie eitel sind.“ Deshalb wirkt es, wenn die Anfrage zeigt: Ich habe mich mit Ihnen beschäftigt, ich kenne Ihre Arbeit und weiß, wofür Sie stehen. Das weckt Interesse, weil es das Ego anspricht.
Um den Ton der Person beim Schreiben eines Interviews zu treffen, sollte die Sprache möglichst unverändert bleiben. Ungewöhnliche Ausdrücke oder Satzstellungen keinesfalls streichen, sondern so bewahren, wie sie der Interviewpartner gesagt hat. Wiederholungen oder langweilige Passagen lassen sich später kürzen, um die Dramaturgie zu schärfen. Dabei dürfen Fragen und Antworten, solange der Inhalt gleich bleibt, auch zeitlich umgestellt werden, ähnlich wie beim Filmschnitt.
Wichtig ist, das Interview mit einer starken Einstiegsfrage zu beginnen, die die Leser sofort fesselt, und mit einer kraftvollen Abschlussfrage zu enden, die einen Glanzpunkt setzt. Eine gute Atmosphäre während dem Lesen, ein ansprechender Titel sowie eine mitreißende erste und letzte Frage sorgen dafür, dass das gesamte Interview spannend bleibt. Ohne diese dramaturgischen Elemente wird es schwer, das Interesse der Leser zu halten.
Spannende Texte lassen sich leicht kürzen, weil auch der gekürzte Teil noch trägt. Schlechte Texte verlieren dagegen sofort an Substanz, wenn ein Teil fehlt, was ein hilfreicher Indikator sein kann. Auch Zwischentexte in Klammer und Kursiv wie „(Jetzt zündet er sich eine Zigarette an)“ helfen dabei, einem Interview Leben einzuhauchen. Außerdem sollten die Fragen stets kürzer und präziser sein als die Antworten, idealerweise sind sie deutlich kürzer. Bei den Antworten gilt dasselbe: Je präziser, desto besser. Längere Interviews sind nur in Ordnung, wenn sie nicht langweilig sind.
Was aus Rücksicht auf Privatsphäre nicht veröffentlicht werden darf, sind vor allem Details, die andere Menschen betreffen, die aber nicht selbst zu Wort kommen können und sich dadurch verletzt fühlen könnten. Wenn jemand persönliche Dinge über sich selbst erzählt, kann das ohne Bedenken veröffentlicht werden, solange keine unbeteiligten Personen namentlich genannt oder bloßgestellt werden. Wichtig ist, den höchstpersönlichen Lebensbereich anderer zu schützen, da hier juristische Risiken und mögliche Klagen bestehen können.
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