Kaum ein Tauchlehrer hat so viel Erfahrung, auch im Umgang mit scheuen Milliardären, wie der Portugiese Ricardo Trabulo. Deshalb bat ihn der Chef eines exklusiven Tauchressorts auf den Malediven, einen prominenten Gast durch die Korallenriffe zu begleiten. Den Namen des Ressorts will Trabulo nicht verraten. Das ist ihm angesichts der Prominenz seines Unterwasser-Klienten zu heikel.
Es handelte sich um niemand geringeren als Wladimir Putin, der in Russland seit Jahren an seinem System aus Machtkonzentration, Unterdrückung und geopolitischer Aggression feilt. Seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim sind die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen zerrüttet. Im Februar 2022 startete Putin einen Angriffskrieg gegen die Ukraine, den er als „Spezialoperation“ deklarierte und mit einer angeblichen NATO-Bedrohung begründete, während er die Eigenstaatlichkeit der Ukraine bestritt. Im März 2023 erließ der Internationale Strafgerichtshof einen Haftbefehl gegen Putin wegen des Verdachts der Verschleppung ukrainischer Kinder nach Russland. Wenige Jahre zuvor ging er auf den Malediven auf Tauchgang.
Es war ein sonniger Tag mit mehr als dreißig Grad als Putin bei einer der exklusiven Tauch-Yachten des Ressorts an Bord ging. Er war ruhig und sprach mit niemandem außer seinem Sicherheitspersonal. Sicherheit hat für den Kreml-Chef höchste Priorität. Auch wenn es um die Erfahrung seines Tauchsafari-Guides geht. „Er wollte den besten Taucher des Ressorts als Guide auf seinem Tauchgang dabeihaben. Mit mehr als zwanzig Jahren Erfahrung und mehr als 14.000 Tauchgängen war das eindeutig ich“, sagt der Tauchlehrer.
Bevor er den Job als Tauchlehrer auf den Malediven annahm, arbeitete Trabulo bereits viele Jahre in der Branche. In Nazaré in Portugal betrieb er seine eigene Tauchschule. Der Ort zählt wegen hoher Wellen, starker Strömungen und schlechter Sichtverhältnisse zu den gefährlichsten Tauchorten der Welt. Die Tauchgänge fanden in dem Meeresgraben statt, in dem die größten Wellen der Welt entstehen. Anschließend arbeitete Trabulo neun Jahre lang auf einem Tauchboot in der Andamanensee vor der Westküste Thailands.
Spezialisierungen im Höhlen- und Wracktauchen brachten ihm zusätzliche Expertise. Seit zwei Jahren ist Trabulo als Tauchlehrer auf Malta tätig. Das Land ist für spektakuläre Wrack- und Höhlentauchgänge bekannt. Dort arbeitete er für verschiedene Tauchschulen. Aktuell ist er bei Dive Systems Malta, der größten Tauchschule des Landes, als Tauchlehrer angestellt.
Zu hundert Prozent vertraute Putin dem Tauchlehrer trotzdem nicht. Sechs bewaffnete Sicherheitskräfte waren zu seinem Schutz auf dem Tauchboot dabei. Zwei von ihnen tauchten mit Putin und Trabulo ab. Sie flankierten den Kreml-Chef während des gesamten Tauchgangs. Selbst im Wasser hatten sie Waffen dabei. „Ich bin schon mit vielen bekannten Menschen getaucht. So etwas habe ich noch nie erlebt. Die Waffenpräsenz hat mich etwas nervös gemacht“, sagt Trabulo.
Die russische Kriegsmarine, insbesondere die Kampfschwimmer, sind unter anderem mit dem sogenannten APS Unterwasser‑Sturmgewehr ausgerüstet. Dabei handelt es sich um eine vollautomatische Waffe, die Feuer unter Wasser erlaubt und auch an Land funktioniert, wo sie naturgemäß deutlich effektiver ist. Putin wollte sich offenbar vor einem Anschlag auf ihn während des Tauchgangs schützen.
Die Personenschützer waren früher Spezialkräfte eben dieser der Kriegsmarine. Die Ausbildung dort konzentriert sich auf Gerätetauchen und Unterwassersabotage. Sie waren also erfahrene Taucher. „Davon habe ich während des Tauchgangs wenig bemerkt. Sie hatten Probleme mit dem Auftrieb“, sagt Trabulo.
Positiv überrascht war er hingegen von den Tauchkünsten des Kreml-Chefs. Der habe schließlich keinen Tauchschein. „Mit dem Auftrieb hatte er jedoch kaum Probleme. Auch die Atmung hatte er im Griff. Sein Luftverbrauch war sehr gering“, erinnert sich Trabulo. Putins hielt fast eine Stunde Tauchen durch.
Während des Tauchgangs sei Putin ruhig und konzentriert gewesen. Er habe alle Anweisungen befolgt. Wie in der Politik überlasse er auch beim Tauchen nichts dem Zufall. „Putin war sehr bedacht und ging kein Risiko ein“, sagt Trabulo. Der Tauchgang verlief ohne Komplikationen. Der Kreml-Chef schien mit dem Erlebnis zufrieden. Nach dem Tauchgang hatte er ein Lächeln auf den Lippen. Trinkgeld gab es jedoch keines.
Das sei keine Ausnahme. Auch andere prominente Gäste würden sich beim Trinkgeld zurückhalten. Jüngst war etwa ein Mitglied der schwerreichen Familie Rothschild Trabulos Tauch-Kunde. Er gab für eine Luxus-Yacht viertausend Euro am Tag aus. Als Trinkgeld erhielt der Tauchlehrer eine Flasche Champagner für fünfzig Euro. Er kam von den eigenen Weingütern der Familie. „Das Trinkgeld stand nicht im Verhältnis zu den Unmengen an Geld, die Rothschild für den Tauchurlaub ausgab“, sagt Trabulo.
Häufig inszeniert Putin seine Tauchgänge medial um sich als Action-Man zu vermarkten und sein Image als starker, souveräner und unantastbarer Führer aufrechtzuerhalten. Nicht zuletzt dienen Aktionen wie Tauchgänge als Ablenkung von Krisen und Krieg und rücken Putin gleichzeitig in ein gutes Licht. In Russland ist das Bild des „starken Mannes“ historisch tief verankert. Mit Extremsportaktionen wie Fallschirmsprüngen oder Tiefseeexpeditionen stellt er sich als Volksheld dar.
Das war etwa im Jahr 2009 der Fall, als er bei seinem Besuch im sibirischen Baikalsee mit einem Mini-U-Boot 1.400 Meter in die Tiefe hinabstieg. Auch seine U-Bootfahrten im Finnischen Meerbusen 2011 und vor der Krim 2015 begleiteten internationale Medien. Bei beiden Tauchgängen handelte es sich um Schiffwrackbesichtigungen.
Ähnlich ein Tauchgang Putins 2011 im Schwarzen Meer. In zwei Metern Tiefe barg der Kreml-Chef zwei antike Vasen. Später stelle sich der Fund als PR- Gag heraus. Der Kreml hatte die Tongefäße zuvor dort platzieren lassen, um Putin in einem positiven Kontext auf die Titelblätter internationaler Zeitungen zu befördern.
Bei Trabulos Tauchgang mit Putin im Jahr 2019 waren allerdings keine Medien anwesend. Der Tauchlehrer war mit ihm und seinen Leibwächtern allein. „Der Tauchgang war nicht als PR inszeniert. Es schien, als hätte Putin ein reales Interesse an der Unterwasserwelt“, sagt der Tauchlehrer.
Das lässt sich allerdings nur mutmaßen. Putin hat mit Trabulo weder vor noch nach dem Tauchgang ein Wort gewechselt. Die gesamte Kommunikation fand über die Sicherheitskräfte statt.
Verfasse auch du einen Beitrag auf campus a.
[…] Online-Magazin campus a traf auf Malta einen ehemaligen Tauchlehrer Wladimir Putins, der den russischen Präsidenten privat […]
12 August 2025