Saigon. Es ist laut, heiß und es ist immer etwas los. Das Verkehrsaufkommen gleicht dem Indiens, der Trubel jenem in Peking. Bei Nacht sieht die Innenstadt von Ho-Chi-Minh-City (umgangssprachlich noch immer Saigon genannt) aus wie New York: Überall blinkende Werbetafeln und ein Wolkenkratzer neben dem anderen. „Wir haben die Skyline aus New York und auch unsere Stadt schläft nie“, erzählt Nao Song. Sie arbeitet neben dem Job im Bubble-Tea-Laden als Fremdenführerin und ist in Ho-Chi-Minh-City aufgewachsen. Auch sie hat die rapide Entwicklung Saigons miterlebt. Während die jüngeren Generationen den Veränderungen größtenteils positiv entgegenblicken, fällt es den Älteren schwer das neue Vietnam mit dem alten zu verbinden.
„Ich war für zwei Monate weg. Als ich zurückkam, habe ich Saigon nicht wiedererkannt“, der Reiseführer schüttelt den Kopf. Er lebt seit fast vierzig Jahren in Saigon. Im ersten District zeigt er auf zwei Gebäude, das alte Postamt und die Kathedrale Notre Dame von Saigon. Als er nach dem Krieg hierherkam, waren dies die einzigen Gebäude auf dieser Straße. Heute reihen sich die Bürokomplexe aneinander. In den vergangenen zehn Jahren hat sich Saigon in einen Firmenstandort verwandelt.
Die U-Bahn ist seit Jänner 2025 in Betrieb. Auch sonst investiert der Staat in den Nahverkehr und die Baubranche. In der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi schießen die Wohnblöcke aus dem Boden. In Da Nang, einem beliebten Touristen-Hotspot in Zentralvietnam, entstehen Urlaubsoasen aus dem Nichts. Auch die mehr als drei tausend Kilometer lange Nord-Süd-Schnellstraße, deren tragende Betonpfeiler wahllos in der Landschaft verteilt scheinen, ist bis Ende 2025 fertig.
Das österreichische Außenwirtschaftscenter der Wirtschaftskammer Österreich schreibt im Wirtschaftsbericht vom März: „Vietnam durchläuft 2025 eine Verwaltungsreform, die auf Entflechtung von Kompetenzen, Steigerung der Verwaltungseffizienz und Ausrichtung der Politik an den langfristigen wirtschaftlichen Plänen abzielt.“ Damit hat der Staat neben seiner günstigen geografischen Lage und dem Tourismus auch die ansonst nötigen Rahmenbedingungen für den Wirtschaftsaufschwung.
Der ausschlaggebendste Faktor für Vietnams Wachstum sind die ausländischen Investoren im Land. Vietnam ist eine beliebte Produktionsstätte. Grund dafür sind steigende Löhne und Handelskonflikte in China, durch die die Unternehmen abwandern. Chinas Nachbarland ist eine beliebte Alternative.
Rund 405,5 Milliarden US-Dollar machte der vietnamesische Export im Jahr 2024 aus. Die größten Abnehmer sind dabei die USA (29,5 Prozent), China (15,6 Prozent) und die EU (11,5 Prozent). „Für Österreich ist Vietnam nach China und Japan das drittwichtigste Quellland in Asien“, heißt es vom Außenwirtschaftscenter. Elektronik, Mobiltelefone und Zubehör, sowie Haushaltsgeräte und Textilien stehen ganz oben auf der Exportliste.
In einem Punkt steht Vietnam China allerdings noch nach: bei Rohstoffen. Beim Import ist Vietnam zu 42, 8 Prozent von China abhängig. Auch Vorprodukte, Maschinen und Pharmazeutika sind gefragt.
Diplomatie wird im Land großgeschrieben. Die Regierung pflegt ihre Freundschaften. So ist Vietnam das Land, in dem in den vergangenen zwei Jahren gleich alle drei Großmächte zu Besuch waren: Russland, China und die USA.
Obwohl mit zwei der drei Länder eine problematische Vergangenheit vorliegt, pflegt Vietnam mit allen eine „umfassende strategische Partnerschaft“. Diese Mentalität findet sich auch in der Bevölkerung wieder: „Wir versuchen mit allen auszukommen“, antwortet der Reiseführer auf die Frage nach Verbindungen zu anderen Staaten. „Der Krieg ist vorbei. Die Leute sollten sich auf das Positive konzentrieren und in die Zukunft blicken.“
Für die USA ist Vietnam mittlerweile ein wichtiger Verbündeter. Unternehmen wie Apple, Boeing, Coca Cola und Intel haben dort Firmensitze. Dies bescherte den USA 2024 ein Handelsdefizit von rund 123,5 Milliarden US-Dollar. Bei der amerikanischen Zollpolitik ist Vietnam glimpflich davongekommen. Nach anfänglichen 46 Prozent einigten sich die beiden Staaten auf 20 prozentige Zölle. Dafür bot Vietnam den USA vollständigen Zugang auf die nationalen Handelsmärkte.
Die russisch-vietnamesische Freundschaft reicht bis in die 1920er Jahre zurück, als Vietnams Gründer Hồ Chì-Minh seine politische Ausbildung in Moskau begann. Zehn Jahre später, vom russischen Kommunismus geprägt, ruft er die Kommunistische Partei Vietnams ins Leben und setzt damit den Grundstein für die Nation. Heute verbindet die zwei Staaten neben der Geschichte vor allem die Wirtschaft: Russland betreibt etwa 199 Investitionsprojekte in Vietnam. Das russisch-vietnamesische Projekt Vietsovpetro ist eines davon. Es existiert seit 1981 und ist eins von Vietnams wichtigsten Standbeinen für die Erdöl- und Erdgasexploration.
„Bis Ende 2017 hat Vietsovpetro […] mehr als 77 Milliarden US-Dollar Umsatz erzielt, von denen 48 Milliarden US-Dollar in den Staatshaushalt und in vietnamesische Profite zurückfließen. […] Mit diesen Erfolgen ist Vietsovpetro nun das effektivste und effizienteste Unternehmen im Bereich der Erdölexploration und -produktion in Vietnam und liefert einen großen Beitrag zu Vietnams Wirtschaft“, heißt es auf der Vietsovpetro-Website.
Trotz der Wichtigkeit der Öl- und Gas-Industrie für die Wirtschaft, möchte sich Vietnam mit dem sogenannten Power Development Plan VII (kurz PDP8) bis 2050 erneuerbarer Energie (Wind und Solarkraft) zuwenden. Dafür nimmt die Regierung bis 2030 rund 135 Milliarden US-Dollar in die Hand.
Doch nicht nur für Russland, China und die USA ist Vietnam interessant, auch die EU hat Vietnams Potenzial erkannt. 2019 unterzeichnete die Union das Handelsabkommen Vietnam-EU (kurz EVFTA). Darin geht es um die Abschaffung von 99 Prozent der Zölle und die Liberalisierung des Marktes. Laut dem Außenwirtschaftscenter profitieren vor allem Bereiche wie Telekommunikation, Post- und Kurierdienste, Verkehr und Finanzdienstleistungen davon.
Doch was bedeutet der Deal konkret für Österreich? Die Zusammenarbeit wirkt sich positiv auf das Land aus. Der Handel zwischen Österreich und Vietnam stieg 2024 um 19,6 Prozent auf 1,94 Milliarden US-Dollar. Heimische Unternehmen sind vor allem in Sektoren wie Infrastrukturbau, KI-Anwendungen, Softwaretechnologie und sauberer Energie in Vietnam vertreten.
Anmerkung der Autorin: Alle wirtschaftlichen Kennzahlen stammen aus dem Wirtschaftsbericht vom März 2025, der von der Wirtschaftskammer Österreich – Außenwirtschaftscenter Austria verfasst wurde.
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