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Vietnam und China: Zwischen Freundschaft und Konflikt

Kaum ein Nachbarschaftsverhältnis in Asien ist so widersprüchlich wie jenes zwischen China und Vietnam. Trotz kultureller Verflechtungen und diplomatischer Partnerschaft herrscht seit Jahrhunderten ein tiefer Konflikt. Was für viele wie ein geopolitisches Machtspiel aussieht, löst in der vietnamesischen Bevölkerung längst Angst aus.
Lisa-Marie Rolly  •  28. August 2025 Volontärin    Sterne  94
Eine Beziehung mit Bruchstellen: Vietnam und China (Foto: shutterstock)
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Trotz der rapiden Veränderungen durch den wirtschaftlichen Aufschwung der vergangenen Jahre bleibt die Mentalität der Vietnamesen bemerkenswert konstant: „Dieses Land hat einiges erlebt und alles überstanden. Egal, wie sehr sich Vietnam verändert, die Menschen bleiben gleich. Sie gehen morgens ins Büro und abends essen sie wie immer gemeinsam am Straßenrand“, erklärt Minh, ein Reiseführer, der seit vierzig Jahren in Saigon lebt. Der Alltag mag sich modernisieren, doch der Zusammenhalt und der Stolz auf das eigene Land sind geblieben. Eine Unsicherheit aber überschattet dieses Selbstbewusstsein: China bereitet vielen Vietnamesen Sorgen.

Peking und Hanoi: Ein schwieriges Verhältnis

Obwohl die chinesischen Besucher 2025 bisher den größten Anteil der Touristen in Vietnam ausmachen und die Staaten ideologisch nah beieinanderliegen, ist die Stimmung angespannt. Grund dafür sind Territorialansprüche Chinas an Vietnam. „Die Chinesen wollen die grenznahe Region für sich haben. Die denken, das sei China!“, lacht Minh.  Es geht um die Provinz Nghe An an der nördlichen Grenze des Landes, die „infrastrukturell eng mit den südlichen Provinzen Chinas verbunden sind“, so Alfred Gerstl, dem Präsident des Central Europe Institute of Asian Studies (CELAS). Dort ist die Stimmung seit Jahrzehnten angespannt.

 Ein Wendepunkt kam in den späten Siebzigerjahren, als die Weltmacht sich durch wachsende Beziehungen zwischen Vietnam und der damaligen Sowjetunion bedroht fühlte. Am 17. Februar 1979 übertrat die chinesische Volksbefreiungsarmee die vietnamesische Grenze. Die Invasion blieb erfolglos. Im März zogen sich die Truppen wieder zurück. Verwüstung und hohe Opferzahlen (weder China noch Vietnam bestätigten diese Zahlen je offiziell) waren die Folge. Beide Seiten beanspruchten den Sieg für sich.

Ein alter Streit, neu entfacht

Heute hat sich der Hoheitsanspruch Chinas vor allem ins Südchinesische Meer verlagert. Die Volksrepublik China streitet hier neben Vietnam auch mit den Philippinen, Malaysia, Taiwan und Indonesien. Die chinesische Regierung beansprucht knapp neunzig Prozent der dortigen Gebiete. „China verfolgt im Südchinesischen Meer mehrere Anliegen: Es möchte die global wichtigen Seewege kontrollieren und die Ressourcen (Öl, Gas, Mineralien und Fisch) ausbeuten. Dies sowohl in eigenen und umstrittenen Gebieten als auch in jenen, die in die 200-Meilen-Zone der südostasiatischen Anrainer fallen“, berichtet Gerstl. Besonders umstrittene Gebiete sind die SpratlyInseln, ParacelInseln und das Scarborough-Riff.

 2014 errichtete das Reich der Mitte eine Ölplattform innerhalb von Vietnams Wirtschaftszone. Es kam zu anti-chinesischen Ausschreitungen, bei denen 21 Menschen starben. Damit entflammte der Konflikt erneut.

2017 drohte Peking Hanoi, den vietnamesischen Stützpunkt auf den Spratly-Inseln, einer der umstrittensten Orte im Südchinesischen Meer, anzugreifen. Grund dafür waren vietnamesische Gasbohrungen, die China als Gefahr empfand. Vietnam stellte den Betrieb daraufhin wieder ein. „Auf Situationen, die diesen Vorstellungen nicht entsprechen, reagiert das chinesische Regime im besten Fall mit Ignoranz, im schlechtesten mit Gewalt“, so Militärexperte Gerald Karner.

In den vergangenen Jahren baute China seine Präsenz im Südchinesischen Meer zunehmend aggressiver aus. Die Aufschüttung von künstlichen Inseln ist eine der Strategien. „Durch diese Inseln will China die Hoheitsgewässer anderer Staaten einschränken und die eigenen erweitern. Außerdem können sie als militärische Stützpunkte dienen, indem dort zum Beispiel Landebahnen für Kampfflugzeuge errichtet werden“, schätzt Karner die Situation ein. 

Der stumme Draht nach Peking

„Obwohl Vietnam und China heute mehrere Abkommen unterzeichnet und eine ‚umfassende strategische Partnerschaft‘ etabliert haben, bleiben die Streitigkeiten im Südchinesischen Meer ein äußerst sensibles Thema“, berichtet ein anderer Reiseleiter, der anonym bleiben möchte. Er sieht China als Verbündeten: „China ist Vietnams größter Handelspartner. Stabile diplomatische Beziehungen zu China sind essentiell, aber ebenso wichtig ist es, wachsam zu bleiben, die nationale Verteidigungsfähigkeit zu stärken und die Souveränität zu schützen.“

Während sich einige in der Bevölkerung auf die Gemeinsamkeiten mit China konzentrieren, haben andere Zweifel an Chinas gutem Willen: „Nicht die USA sind das Problem, China ist das Problem. Wir rechnen jeden Tag mit einer Invasion“, sagt Minh. „Ich verstehe nicht, warum sie die Kinder in der Schule nicht über China aufklären!“

Vor einer tatsächlichen Invasion Chinas müsse Vietnam laut Gerald Karner allerdings keine Angst haben: „China konzentriert sich im Moment auf Taiwan, Vietnam ist nicht seine größte Sorge. Natürlich hängt die Möglichkeit einer Invasion aber auch von Chinas gesamtpolitischer Lage ab.“ Ähnlich sieht es auch Alfred Gerstl: „China und Vietnam würden sich auf kleinere Scharmützel im Südchinesischen Meer beschränken. Ein Landkrieg oder gar eine Invasion durch China ist denkbar unwahrscheinlich.“ 

Vietnams Antwort auf Chinas Druck

Wie die vietnamesische Regierung den Konflikt mit China öffentlich thematisiert, hängt von der jeweils aktuellen politischen Lage ab. Um die Beziehung zwischen Peking und Hanoi wieder zu normalisieren, fand das Thema in den Achtziger- und Neunzigerjahren fast keine Erwähnung in den Medien. Jetzt stellen immer mehr Vietnamesen Fragen. Die Regierung schweigt.

Bei offiziellen Feierlichkeiten, etwa zum 35. Jahrestag des Gefechts von Gac Ma im Südchinesischen Meer, herrscht allgemeine Zurückhaltung bei der Nennung des Aggressors China. Ein Jahr später, 2024, feierte Vietnam den 45. Jahrestag des Sieges im Krieg zum Schutz der Südwestgrenze, bei dem die Volksarmee das Terrorregime der Roten Khmer (das von der Volksrepublik China finanziell unterstützt worden war) stürzte. Auch hier fehlten alle wichtigen Staatsmänner.

 Anmerkung der Redaktion: Die meisten der für diesen Beitrag befragten Vietnamesen wollten sich nicht offiziell zu dem Thema äußern. In Vietnam sei es verboten, über die persönliche politische Meinung zu sprechen, hieß es nur.


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