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Ist Kroatien ein Paradebeispiel für Integration?

Kroatien schließt die Lücken seines Arbeitsmarktes mit Migranten aus Asien und Osteuropa. Die Wirtschaft profitiert, die gesellschaftliche Akzeptanz bleibt aus.
Emma Sehic  •  2. September 2025 Volontärin    Sterne  188
Vor allem die kroatische Gastronomie kann Zuwanderer gut gebrauchen. (Foto: Shutterstock)
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Noch vor wenigen Jahrzehnten war Kroatien ein klassisches Auswanderungsland. Hunderttausende Kroaten suchten ihr Glück als Gastarbeiter in Österreich, Deutschland oder Übersee. In der Heimat sahen sie keine Perspektive mehr. Das Bild hat sich gewandelt. Während immer noch junge Kroaten emigrieren, suchen viele Zugezogene ihre Zukunft in Zagreb oder an den Küstengebieten. 

Saisonarbeiter sind gefragt

Kroatien belegt im EU-Vergleich den dritten Platz bei Saisonarbeitsgenehmigungen. Besonders gefragt sind Arbeitskräfte im Tourismus und Gastgewerbe. Dieser Bereich trägt mit 20 Prozent überdurchschnittlich viel zum Bruttoinlandsprodukt des Landes bei. Auch im Bauwesen, vor allem in der Hauptstadt Zagreb, ist der Bedarf groß. Bürgermeister Tomislav Tomasevic setzt auf den Ausbau von Infrastrukturprojekten. Die politische Führung hatte den Bereich zuvor vernachlässigt. 

Bis 2022 gab es jeweils mehr Auswanderer als Einwanderer. Seither nimmt die Zuwanderung zu. 2024 hatte Kroatien eine positive Migrationsbilanz von 30 000. Während 2014 nur 10.000 Menschen einwanderten, waren es 2024 schon 70.000.

Bis vor Kurzem kamen die Arbeitskräfte vor allem aus Serbien, Bosnien und den anderen Nachfolgestaaten Jugoslawiens. Anfang 2025 erhielten zum ersten Mal Nepalesen die meisten Work- und Residence-Permits aller ausländischen Antragsteller. Bald könnten sie die größte Gruppe ausländischer Facharbeiter werden. Auch Inder, Filipinos und weitere Asiaten prägen zunehmend den Arbeitsmarkt. 

Arbeitsvisa für Nepalesen und andere Asiaten zu bekommen ist oft leichter als für Menschen aus Syrien, der Türkei oder Afghanistan. Diese Gruppen müssen häufig Asyl oder internationalen Schutz beantragen. Das Verfahren dauert länger und ist kompliziert. Auch die kroatische Bevölkerung findet das besser. „Sie sind friedlicher als viele andere Nationen“, erklärt der Schriftsteller Stipe Bozic gegenüber der kroatischen Zeitschrift Vecernji list.

Gelungene Integration? 

Eine aktuelle Studie des Instituts für Migrationsforschung beleuchtet die Zufriedenheit ausländischer Arbeitskräfte aus Asien und Afrika in Kroatien. Nur 18 Prozent geben an, gar kein Kroatisch zu verstehen. Die meisten kommen im Alltag gut zurecht.

Fast Drei Viertel der Befragten möchte langfristig in Kroatien bleiben, einige sogar bis zur Pension oder für immer. Ihre Lebenszufriedenheit bewerten sie als überwiegend hoch ein. Auf sozialen Medien zeigen viele Arbeitskräfte Interesse an kroatischer Kultur und gesellschaftlicher Integration.

In Kroatien laufen Saisonarbeiterprogramme deutlich unkomplizierter ab als in anderen westeuropäischen Ländern. Dort sind lange Wartezeiten bei Arbeitsgenehmigungen und Sprachkursen üblich. Die Migrationszahlen sind überschaubar, Parallelgesellschaften selten und die Migranten sind gut ausgebildet. Auf den ersten Blick könnte dies ein Paradebeispiel gelungener Integration in Kroatien sein.

Keine Akzeptanz in der Gesellschaft

Trotz der wirtschaftlichen Notwendigkeit stößt die Zuwanderung in Kroatien auf Ablehnung. „In letzter Zeit sehen wir Menschen auf der Straße, die anders aussehen als gewohnt. Solche Veränderungen erzeugen Ängste, die nicht unbedingt begründet sind, aber durch mangelnde Informationen und Sensibilisierung xenophob werden können.“, erklärt Margareta Gregurovic gegenüber dem Kroatischen Nationalen Fernsehen.

In den Kommentarspalten klingt es so, als sei Integration gar nicht erwünscht. Es heißt es die neuen Arbeitskräfte seien nicht „Teil desselben Blutes“. Diese Rhetorik verweist auf Nationalkonzept der Kroaten, welches sich über die Ethnie definiert und den steigenden Rechtspopulismus im Land. „Sie sind gute Arbeiter, doch viele Kroaten sehen sie als Fremdkörper.“, meint auch Bozic.

Rechtsruck schon bei der Jugend

Besonders unter jungen Menschen, die sich nach Identität sehen, nehmen nationalistische Strömungen zu. Ein Symbol für den zunehmenden Nationalismus ist der Sänger Marko „Thompson“ Perkovic. Sein Konzert am Zagreber Hippodrom war das weltweit größte, kostenpflichtige Konzert jemals.

Der Rockmusiker singt von Vaterland, Christentum und nationalem Stolz. Der Jugoslawienkrieg ist in seinen Texten allgegenwärtig. Auf seinen Konzerten ertönen fremdenfeindliche Songs und faschistische Ustascha-Symbolik. Es wird ihm die Normalisierung von rechtsextremem Gedankengut vorgeworfen.

Seine Popularität, vor allem bei jungen Kroaten, transportiert ein starkes Bild. Nationalstolz ist gut, „Fremde“ sind Feinde der Nation. 

Migration als wirtschaftliche Notwendigkeit 

Die Geschichte als Auswanderungsland sorgt dafür, dass das Land über kein funktionierendes Integrationssystem für die neue Welle an Zuwanderern verfügt. Dazu kommen noch der wachsende Nationalismus und Xenophobie.

Das wirtschaftliche Bedürfnis nach Arbeitskräften wächst. Besonders im Bauwesen und im Tourismus fehlen Fachkräfte. Ohne Zuwanderung wird Kroatien diese Lücken nicht schließen können. 


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