Der argentinische Präsident Javier Milei vereint widersprüchliche Bilder. In der Öffentlichkeit als ökonomischer Superheld gefeiert, scheint sein fast satirisches Image als Rechtspopulist mit Kettensäge langsam zu verblassen. Die Medien feiern ihn als den Mann, der Argentinien aus dem Abgrund eines überbordenden Haushaltsdefizits und der Hyperinflation befreit haben soll. Der radikale Libertäre und Anarchokapitalist träumt von einem Staat, der sich auf ein Minimum zurückzieht und einem Markt, dem endlich seine ganze Freiheit gelassen bleibt.
Wahrscheinlich würde kein anderes Land einen solchen Kandidaten wählen. Doch in Argentinien ist das Vertrauen in den Staat so erschöpft, dass die Bürger jenen Mann ins Amt hoben, der versprach, ihn auf eine rudimentären Skelettversion zu reduzieren. Nach Jahren der Korruption, die das Land tief gespalten hat, erschien Milei für viele Wähler wohl als die einzige verbleibende Option.
Die ökonomischen Kennziffern, die Milei vorzuweisen hat, deuten auf einen erstaunlich raschen Sanierungsprozess hin. Vor seinem Amtsantritt sah es so aus, als würde Argentinien in seinen zehnten Staatsbankrott schlittern. Der Peso implodierte, die Inflation explodierte und die Hälfte der Bevölkerung lebte in Armut. Mileis Reformen sollten genau an diesem Punkt ansetzen. Rein wirtschaftlich haben sie genau das vollbracht, was er prophezeit hat.
Milei setzte seine Kettensäge genau dort an, wo der Aderlass überfällig war. Am aufgeblähten Staatsapparat. Er entließ rund 33.000 Staatsbedienstete, strich mehr als tausend Regulierungen, privatisierte Staatsbetriebe und liberalisierte den Mietmarkt. Der Staatshaushalt schrumpfte um ein Viertel, die Zahl der Ministerien halbierte sich von 18 auf neun. Milei kürzte Transfers in Provinzen, strich staatliche Subventionen für Energie und Verkehr, verschlankte Renten und Löhne.
Die Inflationsrate Argentiniens fiel von mehr als 211 Prozent bei Mileis Amtsantritt auf knapp vierzig Prozent im vergangenen Juni, die monatliche Teuerung drückte er von 26 auf unter drei Prozent. Das massive Budgetdefizit verwandelte er binnen eines Jahres von minus 5,4 Prozent in einen Überschuss, den ersten seit 14 Jahren. Der Internationale Währungsfonds rechnet für dieses Jahr mit einem realen Plus von fünf Prozent. Ein Wirtschaftswachstum, von dem Österreich weit entfernt ist. Argentinien verzeichnete im zweiten Quartal 2025 ein BIP-Wachstum von 7,6 Prozent das stärkste seit fast zwanzig Jahren. Die Großhandelspreise sanken zum ersten Mal seit 17 Jahren.
Mit der neu gewonnenen Attraktivität kehren auch ausländische Investoren zurück, und die Unternehmer schöpfen vorsichtig Hoffnung auf nachhaltiges Wachstum. Laut einer aktuellen Studie der Universität Di Tella ist zudem die Armutsrate auf 31 Prozent gesunken, rund zwanzig Punkte niedriger als noch Ende des ersten Halbjahres 2024.
Bisher litt der Staat unter tausenden Bediensteten, die Verträge bekommen haben, weil sie das „richtige Parteibuch“ hatten. Die Behörden stellten sie nicht ein, weil sie sie unbedingt brauchten, sondern weil sie politisch versorgt werden mussten. Das Phänomen „Noquis“, also Angestellte, die nie auftauchen, ist in Argentinien schon lange ein Problem. Während der ersten Monate von Mileis Präsidentschaft identifizierte er mehrere Tausend solcher “Noquis” und entließ sie. Mileis neoliberale Schocktherapie zeigt Wirkung und hat, anders als viele befürchteten, bislang noch nicht zur Destabilisierung des Landes geführt.
Dass Argentinien unter der peronistischen Planwirtschaft der Sozialisten zum Scheitern verurteilt war, steht heute im scharfen Kontrast zu Mileis Kurs. Vor seinem Amtsantritt galt das Land als Sinnbild für Staatspleiten, Hyperinflation, Haushaltsfinanzierung über die Notenpresse und einen chronischen wirtschaftlichen Niedergang.
Keynesianische Ökonomen wie Paul Krugman und Joseph Stiglitz, mit denen Milei ohnehin auf Kriegsfuß steht, warnen jedoch bereits vor der nächsten argentinischen Krise. Auch Deutschlands Bundeskanzler Merz äußert sich entsetzt über den Kurs des Präsidenten. Aus seiner Sicht steht Milei kurz davor, das Land zu ruinieren. Was genau Milei falsch macht, erklärt er nicht, jedenfalls sieht er Argentinien keinesfalls als Vorbild für Deutschland.
Franz Schellhorn, Chef des wirtschaftsliberalen Thinktanks Agenda Austria, sieht in Argentinien hingegen eine lehrreiche Fallstudie für Österreich. Ein radikaler Kurswechsel sei möglich, man müsse ihn nur konsequent umsetzen. Alle Milei’schen Reformen, vom massiven Stellenabbau in der Verwaltung bis zur Kürzung von Finanztransfers zwischen Bund und Ländern, könnten auch Österreich aus der Krise führen.
„Wenn etwas funktioniert, sollte man sich nicht dagegen wehren, davon zu lernen“, ergänzt Martin Gundinger vom Wiener Hayek-Institut gegenüber dem Wirtschaftsmagazin trend. Gar der Wunsch nach einem österreichischen Milei wird lauter.
Doch die Inflationsbekämpfung führt dazu, dass sich die Mittelschicht kaum noch den Einkauf leisten kann, paradoxerweise aber Fernreisen schon. Denn der niedrige Dollarkurs macht die Importe günstiger, erschwert aber die inländische Produktion. Laut dem „Big-Mac-Index“, der die Kaufkraft verschiedener Währungen anhand der Preise für einen Burger vergleicht, liegt Argentinien weltweit auf Platz zwei hinter der Schweiz. Reallöhne und Kaufkraft sinken, während drastische Einschnitte bei Bildung, Gesundheit und Renten kaum medial Beachtung finden. Milei weigert sich Rentenzahlungen an die Inflation anzupassen, Menschen mit Behinderung bleiben nun ohne Hilfszahlungen, und Angestellte eines Kinderkrankenhauses müssen mit Löhnen unterhalb der Armutsgrenze auskommen. Nach Mileis Verständnis ist der Staat nicht dafür zuständig, diesen Menschen Schutz oder Unterstützung zu bieten. Der Markt soll die soziale Verantwortung tragen.
Regelmäßig gehen Argentinier gegen Mileis harten Wirtschaftskurs und seine Rhetorik und Politik auf die Straße. Menschenrechtsorganisationen berichten aber, dass Milei diese Proteste größtenteils mit Gewalt und Einschränkungen des Streikrechts im Keim erstickt. Gegen seine Schwester Karina, die als Mileis wichtigste Beraterin gilt, gibt es seit kurzem Korruptionsvorwürfe.
Milei regiert seit seinem Amtsantritt per Notstandsdekreten und übergeht den Kongress. Die propagierte „Freiheit des Marktes“ scheint nur unter autoritären Bedingungen zu funktionieren. Auf Kosten der Demokratie. Wer bislang glaubte, Politik und Wirtschaft sei im Fall Argentinien getrennt zu sehen, den belehrt Mileis Praxis eines Besseren. Das hiesige mediale Dauerfeuer gegen exzessive Staatsausgaben und der hymnische Gesang auf fehlenden Reformwillen in Österreich verschleiern die Tatsachen. Milei demontiert mühsam erkämpfte Rechte, während sich eine Wirtschaftselite auf Kosten der Mehrheit bereichert.
Mileis Wirtschaftskurs ist kein radikales Experiment, sondern vielmehr eine konsequente Durchsetzung grundlegender ökonomischer Mechanismen. Fiskalische Disziplin, Glaubwürdigkeit der Währung und Deregulierung wirken genau so, wie es die Lehrbücher vorhersagen. Selten jedoch hält eine Regierung lange genug an einem Plan fest, damit er tatsächlich greift. Milei startete von einem historischen Tiefpunkt, relativ betrachtet dürfte es kaum eine niedrigere Ausgangslage geben, sodass die erzielten Effekte weniger spektakulär sind, als manche glauben mögen.
„Milei gelang es eine Hyperinflation abzuwenden und einen Haushaltsüberschuss zu erwirtschaften, doch sein drastisches Sparprogramm würgte die Wirtschaft ab und ließ das Land 2024 in eine Rezession schlittern,“ sagt Isabel Schmiedbauer, österreichische WKÖ-Wirtschaftsdelegierte in Buenos Aires. Nun wachse die Wirtschaft wieder, doch in geringem Maße. Im 1. Quartal 2025 wuchs die Wirtschaft, im Vergleich zum letzten Quartal 2024 um 0,8 Prozent. Auch wurde das erwartete Wirtschaftswachstum für 2025 von 5,5 Prozent auf 4 Prozent heruntergesetzt.
„Bei genaueren Hinschauen sieht man, dass der erhoffte, große Aufschwung bisher ausbleibt. Milei hat durch sein rigoroses Sparprogramm einen Haushaltsüberschuss erwirtschaftet, doch kann dieser Sparkurs nicht auf ewig gefahren werden,“ meint Schmiedbauer.
Mileis makroökonomischer Erfolg fußt auch auf US-Dollar-Reserven und einer künstlichen Peso-Aufwertung. Die laufenden Schuldendienstzahlungen drohen den Milliardenkredit vom Internationalen Währungsfonds, den Milei aufgenommen hat, zu verschlingen. „Das Land konnte durch den neuen Kredit des IWF wieder USD-Reserven aufbauen, doch will dieser Kredit zurückbezahlt werden. Mittlerweile ist Argentinien der größte Schuldner des IWF. Durch das sich zunehmend verschlechternde Länderrisiko ist die Finanzierung über den Kapitalmarkt nur sehr teuer möglich“, so Isabel Schmiedbauer.
Gleichzeitig bringen die billigeren Importe durch Währungsaufwertung und Abschaffung von Zöllen die heimische Industrie in Bedrängnis. Von einer nachhaltigen Trendwende kann also nicht unbedingt die Rede sein. „Argentinien war und ist, trotz Reformen, noch immer ein stark geschützter Markt. Das langfristige Ziel den Paradigmenwechsel hin zu einer wettbewerbsorientierten Marktwirtschaft zu schaffen ist keines das innerhalbe einer Legislaturperiode erreicht werden kann,“ so Schmiedbauer. Die Hoffnung sei das enorme Potenzial, welches das Land habe, auszuschöpfen und in Wohlstand für die Bevölkerung umzumünzen.
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