Am 26. Februar 2023 gründete Torsten Elch Krämer in Deutschland den Verein Einarmhelden & Einbeinhelden, der inzwischen 85 Mitglieder zählt. Schon Hunderten Menschen hat er seitdem nach schweren Unfällen oder Schicksalsschlägen geholfen, durch das Motorradfahren neue Hoffnung zu schöpfen. Er selbst weiß genau, was es bedeutet, nach einem schweren Motorradunfall nicht mehr wie gewohnt fahren zu können.
Die Idee dazu entstand bereits in den frühen 2000er-Jahren. Nach seinem eigenen Motorradunfall 1999 wollte Torsten unbedingt zurück auf die Maschine. „Gerade wenn man mit einer Behinderung wieder zurück aufs Bike steigt, nach all den Einschränkungen im Alltag, gibt einem das ein Stück Freiheit zurück,“ sagt er. Seit 2001 ist er trotz der Lähmung seines rechten Arms wieder auf den Straßen unterwegs. Doch der Aufwand, um mit einer körperlichen Behinderung Motorrad fahren zu dürfen, brachte ihn damals schnell an seine Grenzen. Komplizierte Antragsverfahren, langwierige Genehmigungsschreiben und eine unübersichtliche Bürokratie. Torsten wollte Abhilfe schaffen. Für sich selbst und für all jene, die das Motorradfahren trotz körperlichen Behinderungen nicht aufgeben wollen.
2018 entschloss er sich dazu, seine Idee Wirklichkeit werden zu lassen. Zunächst gründete er eine kleine private Selbsthilfegruppe. „Das lief auch die ersten Jahre relativ gut, doch dann wurden es so viele Menschen, dass wir 2023 einen offiziellen Verein mit 20 Gründungsmitgliedern gegründet haben“, erzählt er. Seither ist die Entwicklung rasant. Immer mehr Menschen schließen sich dem Verein an und die Bekanntheit der Gruppe wächst.
(Foto: Einarmhelden & Einbeinhelden)
Die Einarmhelden & Einbeinhelden unterstützen Betroffene umfassend auf dem Weg zurück aufs Motorrad. Sie helfen bei verkehrsmedizinischen Gutachten, empfehlen geeignete Ärzte und Krankenhäuser und beraten zu den notwendigen Formalitäten mit der Führerscheinstelle. Auch bei Fragen zu Umbauten und technischen Anpassungen am Motorrad stehen sie zur Seite.
Nicht jede TÜV-Prüfstelle ist befugt, eine Fahreignungsprüfung durchzuführen, auch hier helfen die Einarmhelden bei der Auswahl. Zwar bietet der Verein selbst keine Umbauarbeiten an, doch er vermittelt spezialisierte Werkstätten, listet Fahrschulen, die behindertengerecht ausbilden, und berät bei der Wahl zwischen Orthesen, Prothesen oder anderen Hilfsmitteln.
„Wir wollen zeigen, dass Motorradfahren mit körperlichen Einschränkungen problemlos machbar und auch im Straßenverkehr sicher ist“, betont Torsten. „In Österreich, der Schweiz und in Südtirol müssen wir jetzt einfach noch Umbaufirmen ausfindig machen, die die Menschen unterstützen“, ergänzt er.
(Foto: Einarmhelden & Einbeinhelden)
Heinz Turtenwald von der Motorradwerkstatt Tom’s Bike Service in Wien sind in Österreich keine Werkstätten bekannt, die Umbauten für Menschen mit Behinderung anbieten: „Wir sind nicht darauf spezialisiert. Ich bin wirklich lange in der Branche unterwegs, aber mir ist niemand bekannt, der das macht.“
In Österreich gibt es für Menschen mit Behinderungen keine eigenen Führerscheine, Voraussetzung ist jedoch die gesundheitliche Eignung zum Lenken eines Kraftfahrzeugs. Barbara Reiter von der Abteilung für Behinderung und Mobilität beim ÖAMTC schätzt auf eine Verfahrensdauer von drei bis sechs Monaten. Die genaue Dauer hänge jedoch stark vom Einzelfall ab.
Der erste Schritt besteht darin, ein Gutachten bei einem Amtsarzt der Verkehrsbehörde einzuholen. Um zusätzliche Gebühren zu vermeiden, empfiehlt es sich, direkt bei der Behörde einen Termin zu vereinbaren und vorhandene medizinische Befunde mitzubringen. Anschließend sind befürwortende Stellungnahmen von Fachärzten erforderlich. Darauf folgt entweder eine Beobachtungsfahrt mit einem technischen Sachverständigen oder eine verkehrspsychologische Untersuchung.
Das daraus entstehende Gutachten legt fest, ob und mit welchen Ausgleichseinrichtungen der Betroffene ein Kraftrad lenken darf. Dann kann die Fahrausbildung an jeder beliebigen Fahrschule in Österreich erfolgen.
(Foto: Einarmhelden & Einbeinhelden)
Wer sich nicht vorstellen kann, wie es möglich sein kann, mit nur einem Bein oder Arm Motorrad zu fahren, den überzeugt Torsten vom Gegenteil. „Wenn das Bein links ab ist und man sich kauft sich eine Honda Automatik, dann könnte man relativ einfach weiterfahren, ohne große Umbauten vornehmen zu müssen,“ erklärt er. Bei einem Motorrad der Marke Harley oder BMW sei das schwieriger.
Nach Torstens Unfall verlegte der gelernte Mechaniker Gas, Kupplung und Bremse auf die linke Seite, sodass er wieder fahren konnte. Die Kosten für einen derartigen Umbau können von 500 Euro, falls der Betroffene selbst eine technische Ausbildung hat, bis zu 12.000 Euro bei einem Rollstuhlumbau reichen. Das sei aber die große Ausnahme. In der Regel bezahlen Betroffene durchschnittlich 2.000 bis 5.000 Euro, meint Torsten.
Der Verein finanziert sich über Fördermitglieder, sowie Firmen und Privatpersonen, doch den größten Teil tragen dabei die Spendengelder. Die Mitglieder bezahlen zudem jährlich einen Beitrag von 24 Euro.
Die Ortsgruppen in Österreich, sowie in anderen geplanten Ländern sollen mit eigenem Ortsleiter komplett eigenständig sein. Anschließend will Torsten einen europäischen Dachverband gründen, unter dem sich alle nationalen Organisationen zusammenschließen. Bis Ende Januar 2026 will er die drei nationalen Vereine in Österreich, der Schweiz und Südtirol gegründet haben.
„Ich bin überzeugt, dass das Interesse in Österreich, der Schweiz und in Südtirol vorhanden ist und weiter stark wachsen wird“, sagt er. Bisher sind zwei Österreicher dem Verein beigetreten, und regelmäßig erreichen ihn auch Anfragen aus Österreich. Wilhelm Költgen, der größte Anbieter für behindertengerechten Motorradumbau in Deutschland bestätigt: „Der Bedarf ist auf jeden Fall da, es gibt etliche Anfragen aus ganz Österreich.“ Költgen, der mehr als dreißig Jahre Erfahrung in der Branche hat, sieht sich mit 17.000 Kunden weltweit als Global Player.
Laut Statistik Austria waren 2024 in Österreich insgesamt 932.113 Motorräder aller Kategorien registriert. Zwischen 2021 und 2023 wurden bei Verkehrsunfällen 4.056 Motorradfahrer schwer verletzt, 155 Menschen verloren dabei ihr Leben. In Österreich leben rund 30.000 bis 40.000 Menschen mit einer Amputation, jedoch ohne Berücksichtigung von Zehen- und Fingeramputationen, da die sehr häufig vorkommen. Die Anzahl derjenigen, die also von einem solchen Angebot profitieren könnten, ist erheblich.
Doch wie findet jemand nach einem schweren Unfall den Mut, wieder auf eine Maschine zu steigen? Torsten sagt: „Ein großer Teil unseres Vereins besteht aus Menschen, die einen Motorradunfall hatten und trotzdem noch verrückt genug im Kopf sind, weiterzufahren.“ Doch nicht alle Mitglieder haben ihre Behinderung durch einen Motorradunfall erlitten. Manche wurden mit Einschränkungen geboren, andere sind von Krankheiten wie Krebs, Schlaganfall oder Multipler Sklerose betroffen.
Torsten erinnert sich an Eltern, deren Sohn ohne Arm zur Welt kam. Ihr größter Wunsch war, dass er wie andere Jugendliche Moped fahren kann. Durch die Einarmhelden wurde dieser Wunsch Wirklichkeit. „Das hat mir jedes Mal Gänsehaut bereitet, wenn ich spürte, dass ich anderen Menschen helfen konnte“, erzählt Torsten.
Für Torsten bedeutet Motorradfahren vor allem eines. Freiheit. Seit seinem Unfall fährt er allerdings deutlich bewusster und vorausschauender als früher, genauso wie viele andere Mitglieder der Gruppe. „Man ist nicht mehr so waghalsig wie in jungen Jahren oder vor dem Unfall, sondern fährt noch vorausschauender.“, sagt er lachend. Der Verein unternimmt gemeinsame Motorradtouren und verbringt auch gerne mal ein Wochenende zusammen.
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