Wandern boomt, das freut den Tourismus, bringt aber auch Herausforderungen mit sich. Wo früher stille Wege waren, bilden sich heute Kolonnen. Besonders, wenn Wasser im Spiel ist, ist die Anziehungskraft groß. Am Stubaier „WildeWasserWeg“ können es an einem starken Tag schon einmal 5.000 Wanderer sein, bei den Krimmler Wasserfällen sogar 6.000 oder mehr. Wer da noch jedem ein „Berg heil“ zuruft, ist spätestens beim Ausziehen der Wanderschuhe am Abend heiser. Dazu kommen Parkplatznot, Getümmel in den Gastrobetrieben an den Wanderrouten und Müllberge. Wanderwege verwandeln sich in Trampelpfade und die Instandhaltung wird zur Herausforderung. Die beliebtesten Strecken empfehlen sich nur noch an Wochentagen, möglichst an verregneten. Ganz auf sie zu verzichten, wäre schade, denn sie haben einiges zu bieten.
Die beliebtesten Routen kennt niemand besser als der Österreichische Alpenverein. Laut Peter Neuner-Knabl vom Österreichischen Alpenverein zählen unter anderem diese fünf Wege zu den am stärksten frequentierten Wanderstrecken Österreichs. Sie locken Wanderbegeisterte mit grandiosen Landschaften, aber bringen auch Herausforderungen mit sich. Auf manchen dieser Strecken wandern an Spitzentagen schätzungsweise mehrere Tausend Menschen gleichzeitig.
1. Der Karnische Höhenweg
Rund 155 Kilometern und etwa 9.100 Höhenmetern umfasst der Karnische Höhenweg, der auch als Friedensweg bekannt ist. Die Route verläuft von Sillian bis Arnoldstein und verbindet Österreich mit Italien. Wanderer aus aller Welt treffen hier aufeinander. Acht Tage dauert die klassische Variante, manche Etappen fordern bis zu neun Stunden Gehzeit. Für eine gemütlichere Variante kann der Höhenweg auch auf elf Etappen aufgeteilt werden. In der Hochsaison von Juni bis September sind die neun Hütten entlang der Strecke stark frequentiert, ohne frühzeitige Reservierung geht hier nichts.
2. Der Stubaier Höhenweg
Ein Klassiker unter den Höhenwegen ist mit einer Länge von 80 Kilometern und circa 6.000 Höhenmetern der Stubaier Höhenweg. Der Einstieg ist bei jeder Hütte möglich, meist starten die Wanderer in Neustift im Stubaital. Der Höhenweg ist nur für trittsichere Personen mit guter Kondition geeignet.
3. Karwendel Höhenweg
Sechs Tage, 70 Kilometer und fast 9.000 Höhenmeter. Der Karwendel Höhenweg führt gut konditionierte Wanderer quer durch das Tiroler Karwendelgebirge. Übernachtet wird in ausgewählten Schutzhütten des Alpenvereins. Startpunkt ist wahlweise Reith oder Scharnitz, beide sind gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar, was nicht nur die Anreise erleichtert, sondern auch klimafreundlich ist.
4. Lünersee
Anders als die Höhenwege ist die Umrundung des Lünersees in Vorarlberg, perfekt geeignet für Familien. Mit etwa sechs Kilometern Länge führt die Wanderung entlang eines malerischen Seeufers und dauert rund zwei Stunden. Direkt bei der Talstation der Lünerseebahn stehen Parkplätze zur Verfügung, allerdings gebührenpflichtig und oft voll.
5. Dachsteinrundwanderweg
Ein echtes Highlight ist die Dachstein-Umrundung. Acht Etappen mit rund 121 Kilometern und 6.200 Höhenmetern machen die Tour zu einem mehrtägigen Abenteuer. Der Wanderweg führt Bergliebhaber durch Salzburg, Oberösterreich und die Steiermark. Ausgangspunkt ist der Gosausee, von dort geht es über Hütten wie die Hofpürglhütte, die Dachstein-Südwand-Hütte oder das Guttenberghaus bis nach Hallstatt und Bad Goisern. Die Runde schließt sich wieder am Gosausee. An Tagen mit großem Andrang füllen sich die gebührenpflichtigen Parkplätze hier rasch. Wer sicher einen Platz möchte, sollte früh anreisen.
Viele Wanderlustige planen bereits ihre nächste Tour, doch auf beliebten Routen kann es schnell voll werden.
Die Parkplatzmöglichkeiten sind auf den Routen häufig knapp. Der Alpenverein empfiehlt daher mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen, um das Wandererlebnis möglichst klimafreundlich zu gestalten.
Auf Hütten sind Tischreservierungen unüblich, für Übernachtungen sollte frühzeitig gebucht werden, am besten über das Online-Reservierungssystem der Alpenvereinshütten.
Und schnell sein lohnt sich. „Die Auslastung liegt in diesen Gebieten in der Sommersaison zwischen 50 und 60 Prozent. Spitzenwerte werden an Wochenenden und in den Ferienzeiten (Juli, August) erreicht, diese sind aber auch stark wetterabhängig“, erklärt Peter Neuner-Knabl vom Österreichischen Alpenverein.
Doch Menschenmassen hinterlassen Spuren. Vegetation wird niedergetreten, besonders empfindliche Pflanzen erholen sich nur langsam.
Vor allem geht das verloren, was viele am Berg suchen, Ruhe. Statt einer gemütlichen Auszeit in der Natur kommt es zu stressiger Parkplatzsuche und Menschenmassen.
Der Müll wächst mit den Massen. Zigarettenstummel, leere Kunststoffflaschen und Taschentücher landen auf Wiesen. Wenn Aluminiumdosen oder Plastikflaschen beim Mähen zerkleinert werden, geraten die Splitter ins Futter. Kühe verenden qualvoll, wenn sie davon fressen.
Um das Bewusstsein zu schärfen, setzen die Naturfreunde auf klare Botschaften. Auf Hütten weisen Plakate auf die langen Verrottungszeiten von Abfällen hin, zusätzlich gibt es mit dem „Zrucksackerl“ einen wiederverwendbaren Müllsack für den Rucksack, der Abfall sicher ins Tal bringt.
Das „Zrucksackerl“ (Foto: Die Naturfreunde Österreich/ Carina Fritz)
Von diesem Boom profitieren Hüttenwirte, Gasthäuser und Gemeinden, etwa über Parkgebühren. Indirekt profitieren auch Handwerksbetriebe, die mit dem Tourismus verbunden sind. Die Rechnung zahlt die Natur und die Wanderer selbst. Mit zerstörten Wegen, langen Wartezeiten und dem Verlust eines ruhigen Wandererlebnisses.
Wer auf Österreichs Bergen wandert, sieht gepflegte Wege, klare Markierungen, und genießt ein friedliches Panorama. Doch wer kümmert sich um ein einzigartiges Wandererlebnis? Hinter den gepflegten und gut markierten Wegen sowie den sicheren Schützhütten steckt die Arbeit der alpinen Vereine, wie die Naturfreunde Österreich.
Der Aufwand steigt, Stürme und Starkregen beschädigen die Pfade immer häufiger. „Mehr als 270 Freiwillige der Naturfreunde leisten dafür tausende unbezahlte Arbeitsstunden. Die Arbeit reicht von schwerer körperlicher Tätigkeit, wie dem Ausgraben von Wegen oder Beseitigen von Windbruch, bis zu feineren Aufgaben wie dem Nachmalen von Markierungen, das jedes Jahr notwendig ist“, berichtet Regina Hrbek von den Naturfreunden Österreich.
Der Bedarf an Helfenden ist hoch und die Finanzierung von Hütten und Ersatzbauten eine Herausforderung. Neben Reparaturen wächst auch der Konfliktaufwand. Immer öfter müssen Naturfreunde-Ortsgruppen zwischen Grundstücksbesitzern, Pächtern und Wandernden vermitteln, etwa bei gesperrten Wegen oder blockierten Parkplätzen.
Gleichzeitig verändert der Klimawandel die Alpen dramatisch. Bis zum Ende des Jahrhunderts bleibt von den glänzenden Gletschern wohl kaum etwas übrig. Zwischen 2006 und 2016 verloren sie bereits rund 20 Prozent ihrer Eismasse.
Eine Studie der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) zeigte, Steinschläge und Felsstürze treten im Hochgebirge immer häufiger auf. Warum? Der Grund liegt im Permafrost. Wenn Gletscher schmelzen, verliert das Gestein seine Stabilität.
Eine aktuelle KFV-Studie bestätigt die Risiken. Von 72.000 Kilometern markierter Wanderwege gelten 2.200 Kilometer als besonders risikoreich, 760 Kilometer haben eine hohe Steinschlaggefahr. Die tatsächliche Gefahr könnte jedoch noch größer sein, da viele alpine Wege außerhalb kartierter Gebiete liegen. Immer öfter müssen Wege gesperrt, verlegt oder aufgegeben werden.
Der Österreichische Alpenverein kümmert sich um rund 26.000 Kilometer der Wanderwege in Österreich. Immer weniger Ehrenamtliche betreuen das umfangreiche Wegenetz. Die Arbeit bleibt körperlich hart, gleichzeitig wächst die Verantwortung.
Durch die Klimakrise sind Extremwetterereignisse immer häufiger. Damit steigen die Instandshaltungs sowie Material-Kosten. In den letzten zehn Jahren haben sich die Investionskosten nahezu verdoppelt.
Mit der Petition „Notruf aus den Alpen“, erarbeitet vom VAVÖ (Verband alpiner Vereine Österreichs) gemeinsam mit Alpenverein, Naturfreunden, ÖTK und auch vielen kleinen alpinen Vereinen, mehr Unterstützung. Über 100.000 Menschen unterschrieben die Aktion. Die Bundesregierung erhöht die Fördermittel für alpine Infrastruktur in den Jahren 2026 und 2027 von jährlich 2,27 auf 7,72 Millionen Euro. Ob das ausreicht, bleibt fraglich. Die alpinen Vereine beziffern den mittelfristigen Gesamtbedarf auf rund 95 Millionen Euro.
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