Für die IT-Branche zeichnet sich ein düsteres Bild ab. War der Beruf noch vor wenigen Jahren hochgefragt und mit attraktiven Gehältern verbunden, wird der Job zunehmend von Künstlicher Intelligenz unter Druck gesetzt. Lukas Görög, Leiter der Akademie für Künstliche Intelligenz und Digitalisierung in Wien und einer der erfahrensten KI-Unternehmer Österreichs, warnt: „Die hohen Gehälter für Programmierer sind aus meiner Perspektive weg. Das wird sicherlich nicht gleich sichtbar, ist aber aus meiner Perspektive unvermeidbar.“
Der Grund liegt für Görög auf der Hand. Unternehmer brauchen keine klassischen Programmierer mehr, um einfache Skripte, visuelle Elemente oder Prototypen über Monate hinweg entwickeln zu lassen. Mithilfe von ChatGPT gelingt das inzwischen in kürzester Zeit. Jeder, der mit der KI arbeitet, programmiert im Hintergrund durch seine Texteingaben selbst, ohne es überhaupt zu bemerken.
Laut offiziellen Daten des Arbeitsmarktservices (AMS), die campus a vorliegen, betrug die Arbeitslosenquote in der österreichischen IT-Branche im August 2019 noch 3,9 Prozent, während sie 2025 bei 5,5 Prozent lag. Zwischen 2019 und 2025 gab es einen Anstieg der absoluten Arbeitslosenzahlen von 85,6 Prozent, während die Arbeitslosenquote in der IT-Branche um 40,6 Prozent gestiegen ist, wobei diese Zahl von der gesamten Erwerbsbevölkerung abhängig ist.
Die Arbeitslosigkeit der IT-Branche in absoluten Zahlen steigerte sich seit 2019 um 85,61 Prozent.(Foto: Anna Katharina-Patsch)
Der Zuwachs im Jahr 2020 resultierte aus den Auswirkungen der Corona-Pandemie, wohingegen der Anstieg im Jahr 2022 auf die Markteinführung von ChatGPT zurückzuführen ist.
Görög sieht einen klaren Zusammenhang zwischen KI und der steigenden Arbeitslosigkeit in den besagten Daten: „Ich bin davon überzeugt, dass KI daran schuld ist. Die Daten zeigen es auch weltweit: Seitdem ChatGPT verfügbar ist, steigt die Arbeitslosigkeit, und ich fürchte, es wird auch weiterhin so gehen.“ Seine Einschätzung stützt er auch auf seine Erfahrungen aus der Praxis. In Unternehmen, die er seit Jahren berät, beobachtet er denselben Trend und warnt: „Seit mehreren Monaten intensiviert sich die Situation.“
Der Anteil der IT-Arbeitslosen und Schulungsteilnehmer an der Gesamtbeschäftigung steigerte sich seit 2019 um 40,65 Prozent. (Foto: Anna Katharina-Patsch)
Für angehende IT-ler empfiehlt KI-Experte Lukas Görög mehr Business- und Produktdenken zu entwickeln. „Kommunikation, Improvisation, kritisches Denken, Interdisziplinarität und analytische Skills werden aus meiner Perspektive immer wichtiger für die Zukunft,“ seien aus seiner Sicht ausschlaggebend.
Künstliche Intelligenz verändert die Arbeit von Softwareentwicklern grundlegend. Während Programmierer früher auf tiefgehende Spezialisierung in einzelnen Programmiersprachen angewiesen waren, eröffnet sogenanntes Vibe Coding, also das Programmieren mithilfe von Prompting, völlig neue Möglichkeiten. Komplexe Code-Strukturen lassen sich dadurch schneller, einfacher und ohne sich mit Phyton oder Java auseinandersetzen zu müssen, generieren.
Görög zeigt Journalisten in Wien und Zürich, wie sie mit Vibecoding-Techniken in nur einem Tag einen Ministeriumswebseite-Scraper entwickeln können, ohne programmieren zu müssen. „Das zeigt sehr plakativ, was letztendlich die Statistik beweist.“ sagt er mit Blick auf die Daten des AMS. Unter Scraping versteht man eine Anwendung oder ein Script, dass Informationen von einer Website oder einem Online-Dienst ausliest und speichert, also die Information vom Bildschirm “kratzt”.
Traditionell galt die IT-Branche als Domäne der introvertierten und selbstbezogenen Köpfe, die mit Technik brillieren, jedoch weniger gerne sozial interagieren. Informatiker entscheiden sich meist genau deshalb für den Job, doch genau hier dreht KI die Spielregeln um. „Die künstliche Intelligenz macht gerade die menschlichen Skills – das Soziale und Emotionale – zu einem Marktvorteil“, erklärt Görög. Denn alles, was sich rein technisch automatisieren lässt, verliert an Exklusivität, während der menschliche Faktor immer wichtiger wird.
In den vergangenen Jahren hat sich praktisch jedes Softwareunternehmen zu einem KI-Unternehmen erklärt und das nicht selten aus Marketinggründen. Denn die Arbeitswelt befindet sich mitten in einer technologischen Revolution. „Das bedeutet, dass auch die Firmen selbst eigene Softwarelösungen automatisieren und dadurch den arbeitenden IT-Entwicklern Aufgaben abnehmen,“ sagt Görög.
Clemens Wasner, Gründer von AI Austria und CEO des Wiener Start-ups EnliteAI, sieht die Arbeitswelt für Informatiker ebenfalls im Umbruch: „Wer sich als Student daran festbeißt, den schönsten Code produzieren zu wollen, wird durch die KI ersetzt,“ erklärt er. Dennoch bleibe der Mensch entscheidend: „Es wird auch in Zukunft Experten und Expertinnen brauchen, die verstehen, wie diese Systeme funktionieren und wie man sie bedient.“
Beim tatsächlichen Einfluss von KI auf den Arbeitsmarkt mahnt Wasner zur Vorsicht. „Aktuell erscheinen im Zwei-Monats-Rhythmus Studien, die entweder von einem dramatischen Impact sprechen oder die Auswirkungen gleich wieder relativieren“, sagt er. Noch sei es zu früh für ein endgültiges Urteil.
Klarer zeichnen sich jedoch bereits drastische Verschiebungen im globalen Markt ab. „Mittlerweile trifft es die großen Outsourcing-Firmen in Indien“, so Wasner. „Dort kam es zu deutlichen Kursstürzen und Kündigungswellen.“
Eine halbe Million IT-ler könnten ersetzt werden. (Foto: pexels)
Der indische Tech-Gigant Tata Consultancy Services (TCS), einer der weltweit führenden Anbieter von IT-Dienstleistungen und Beratung, entließ kürzlich über 12.000 Mitarbeiter im mittleren und oberen Management. Experten sehen darin den Start eines durch KI beschleunigten Trends, der in den nächsten zwei bis drei Jahren bis zu einer halben Million Arbeitsplätze in dem 238 Milliarden US-Dollar schweren Technologiesektor kosten könnte.
Laut einer aktuellen Analyse des Zahlungsdienstleisters RationalFX belaufen sich die weltweiten Arbeitsplatzverluste im Technologiesektor in diesem Jahr bislang auf rund 150.000 Stellen. Experten weisen darauf hin, dass die tatsächliche Zahl noch deutlich höher sein könnte, da viele Unternehmen den Abbau von Arbeitsplätzen noch nicht offiziell bestätigt haben. Als zentralen Trend identifizieren die Analysten Automatisierung und Künstliche Intelligenz.
Laut einer 2024 veröffentlichten Studie des AI-Enabled ICT Workforce Consortium, an dem unter anderem Cisco, SAP, Google, IBM, Intel und Microsoft beteiligt waren, werden sich 92 Prozent aller IT-Berufe in den kommenden Jahren stark oder zumindest mäßig verändern.
Besonders betroffen sind Tätigkeiten auf mittlerer Ebene. Rund vierzig Prozent dieser Positionen werden sich der Untersuchung zufolge grundlegend wandeln. Auch für Einstiegsjobs zeichnet sich ein Umbruch ab, hier sind 37 Prozent betroffen.
Auch der deutsche IT-Arbeitsmarkt steht unter Druck. Im April 2025 ist die Zahl der Arbeitslosen in der Branche im Vergleich zum Vorjahr um 29,5 Prozent gestiegen, die Zahl der Arbeitssuchenden nahm um 21,9 Prozent zu. Gleichzeitig ging die Zahl der offenen IT-Stellen massiv zurück. Besonders betroffen sind Softwareentwickler, sowie Fachkräfte im Bereich IT-Infrastruktur, wie die Personalberatung Tech Recruiter GmbH berichtet.
Christoph Holz, Informatiker, Raumfahrttechniker und Experte für Digitalisierung und Künstliche Intelligenz bleibt optimistisch: „Während die KI eine enorme Tiefe des Fachwissen ersetzt, werden ITler wieder stärker zu Generalisten, die eine Heerschaar von KI-Agenten beauftragen und kontrollieren“, erklärt er.
Die Befürchtung, Künstliche Intelligenz werde massenhaft Arbeitsplätze vernichten, hält Holz für überzogen und teilweise interessengeleitet. „Die Legende vom KI-Arbeitsplatzverlust wird von OpenAI und Co. geschürt, weil es die eigene Firmenbewertungen in die Höhe treibt“, so der Experte. Trotz zunehmenden Automatisierungsschüben sieht Holz keinen Grund zur Panik: „Während bestimmte Tätigkeiten automatisiert werden, kann Verantwortung niemals digitalisiert werden.“
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06 January 2026