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Generationenfrage: Was Alte über Junge denken und andersrum

Lokalaugenschein in einem Tageszentrum für Senioren: Oft scheint es, als sei der Kontakt zwischen Alt und Jung nur noch von Klischees geprägt, ohne echten Austausch. Ist das wirklich so? Und wenn ja, was lässt sich dagegen machen?
Lisa-Marie Rolly  •  29. September 2025 Volontärin    Sterne  94
Zwischen den Generationen fehlt oft das Gespräch, damit bleibt vieles unklar. (Foto: shutterstock)
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Sandra ist 25, arbeitet seit fünf Jahren im Gesundheitswesen. Zuerst im Rettungsdienst, jetzt in der Pflege. Trotzdem wird sie von älteren Patienten oft unterschätzt. „Viele nennen mich ‚Mädchen‘ und glauben nicht, dass ich Ahnung von meinem Job habe, geschweige denn, dass ich das Rettungsauto fahren kann“, erzählt sie.

Frau Hanni ist 84, lebt allein und besucht dreimal pro Woche das Tageszentrum Schwechat. Sie kennt das Problem von der anderen Seite: „Junge nehmen uns oft nicht ernst. Es geht noch viel, nur halt nicht mehr so schnell.“

Zwei Generationen, zwei Perspektiven, ein gemeinsames Problem: gegenseitige Vorurteile. Dieser Artikel will beiden Seiten Raum geben, ihre Sicht zu schildern, um neue Blickwinkel auf alte Annahmen zu ermöglichen.

Eine Frage des Respekts?

„Wenn Sie die jüngere Generation mit einem Wort beschreiben müssten, welches wäre es?“ Auf diese Frage haben einige der Tageszentrum-Gäste schnell eine Antwort: respektlos. Bis auf die eigenen Kinder, die selbst schon erwachsen sind, gibt es zur Jugend kaum Kontakt. Das bedauern viele sehr. „Wer keine Enkelkinder hat, dem fehlt der Austausch“, so Frau Braun, die selbst keine Großmutter ist. Trotz der fehlenden Gespräche mit jungen Leuten, hält sich das Vorurteil hartnäckig.

Die Sache mit dem Respekt findet bei der jungen Generationen wenig Zustimmung. „Ich habe das Gefühl, Respekt spielt für ältere Menschen eine große Rolle. Ich finde, da geht es auch um Werte, die unsere Großeltern gelernt haben, die in der modernen Welt nicht mehr gelten. Deswegen nehmen sie uns dann als ‚respektlos‘ wahr“, erzählt eine 20-jährige Anthropologiestudentin.

Durch die für die Person geltenden Werte lassen sich Situationen verschieden deuten. Das zeigt sich auch in einem Gespräch mit einem 90-jährigen ehemaligen Beamten und seiner Enkeltochter: „Die jungen Leute duzen andere zu schnell. Duzen ist respektlos“, stellt der Mann fest, während seine Enkeltochter darauf besteht, dass sie das Siezen als zu kühl empfindet. Auf einen gemeinsamen Nenner kommen die beiden nicht. Vielleicht ist es keine Frage des Respekts, sondern eine Frage der Perspektive.

Leben, um zu arbeiten, oder arbeiten, um zu Leben?

„Wir haben früher alle am Feld gearbeitet. Das war harte Arbeit. Die junge Generation kennt das gar nicht mehr“, wirft Frau Boisitz ein, als im Tageszentrum das Thema Arbeitsmentalität der Jugend aufkommt. „Heute glauben alle, studieren zu müssen“, so der 90-jährige Beamte in einem anderen Gespräch. „Das bräuchte es gar nicht.“

„Es herrschen heute andere Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt“, meint Sandra dazu. Auch sie beschäftigt das Thema Arbeit im Austausch mit alten Leuten. Sie hat das Gefühl sich rechtfertigen zu müssen: „Es geht nicht mehr darum, einen Job sein ganzes Leben lang zu machen. Der Jobmarkt entwickelt sich stark weiter. Nicht nur die Aufgabenbereiche, sondern auch die Ausbildungen ändern sich.“

Die sich schnell entwickelnden Anforderungen machen Angst und ändern Prioritäten. Junge Leute schauen immer mehr auf einen Ausgleich zur Arbeit. Ein Student erklärt: „Der Grund, warum unsere Generation so auf Work-Life-Balance achtet, ist nicht, weil wir faul sind, sondern, weil wir mit einer derart großen Ungewissheit in die Zukunft schauen, dass wir lieber das Jetzt genießen.“

Gestern, vorgestern und morgen

„Wenn ich der älteren Generation etwas sagen könnte, dann, dass nicht alles Neue schlecht ist“, ein Satz, der im Gespräch mit jüngeren Generationen immer wieder aufkam. „Die Welt ist eine andere als die vor fünfzig Jahren. Behaltet euch einen offenen Horizont“, so ein Politikwissenschaftsstudent.

Das mit dem offenen Horizont ist in der Praxis nicht so einfach, besonders in Bezug auf neue Kontakte. Das meint auch Jana Nikitin, Leiterin des Arbeitsbereichs für Alters-Psychologie an der Universität Wien: „Neue soziale Kontakte zu knüpfen, ist immer mit einem Risiko des Abgelehnt- und Verletzt-Werdens verbunden. Das fällt jungen Leuten einfacher wegzustecken, weil sie noch kein etabliertes Netzwerk an Kontakten haben. Sie investieren mit dem Aufbau von Beziehungen in ihre Zukunft“. Ältere Menschen haben bereits ein festes Netz an Kontakten, sodass sich eine Investition in neue Beziehungen kaum auszahlt. „Daher konzentrieren sie sich auf nahe, verlässliche Beziehungen“, so Nikitin.

Kommt es trotzdem zu einem Austausch außerhalb der Familie oder langjährigen Freundschaften, passiert das, was die Senioren im Tageszentrum Schwechat erleben: Ein Austausch mit eigentlich Fremden, die das eigene Leben so gut nachvollziehen können, dass sie einander wie alte Bekannte vorkommen.

 Frau Hanni beschreibt dieses Gefühl so: „Im Tageszentrum versteht jeder jeden. Es redet uns niemand drein. Hier findet ein Austausch statt, den die Jugend gar nicht nachvollziehen kann. Die jungen Leute sprechen von morgen. Wir reden von gestern und vorgestern.“ Das Gemeinsam-in-Erinnerung-schwelgen schafft für sie Vertrautheit. Ein gegenseitiges Verständnis, das es in der modernen, schnelllebigen Welt sonst eher selten für ältere Menschen gibt.

Damit das Reden ein echter Austausch wird

„Missverständnisse entstehen dort, wo Kommunikation fehlt“, stellt die Enkeltochter des Beamten am Ende des Gesprächs fest. Das meint auch Jana Nikitin: „Durch fehlenden Kontakt entfremden sich Generationen. Das macht es schwieriger, realistische Bilder von anderen Altersgruppen zu entwickeln. Dazu braucht es einen positiven Kontakt.“

Für einen reibungslosen Austausch zwischen den Generationen fehlt laut der Psychologin nicht viel. Oft reicht schon eine kleine Geste: „Die Forschung zeigt, dass nachbarschaftlicher Kontakt, also kleine, freundliche Begegnungen im Alltag, für das Wohlbefinden älterer Menschen wichtiger sind, als der Kontakte zur Familie, weil sie täglich verfügbar und leicht zugänglich sind.“

Freundschaften mit älteren oder jüngeren Menschen sind eine Möglichkeit den Kontakt weiter zu pflegen. „Aus kleinen Begegnungen mit den Nachbarn, im Verein oder beim Freiwilligenengagement können solche Freundschaften entstehen. Ältere Menschen sind eine hoch heterogene Gruppe, interessante Gesprächspartner und bereit, sich für die nächste Generation einzusetzen“, so Nikitin.


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