Im Winter steigt in Österreich die Zahl der Herzinfarkte um rund zwanzig Prozent. Das zeigen Langzeitauswertungen der MedUni Graz. Lange galt Kälte als Hauptursache, doch aktuelle Forschungen zeichnen ein anderes Bild. Nicht die Temperatur selbst, sondern Schadstoffe in der Heizungsluft und extreme Temperaturunterschiede zwischen Innen- und Außentemperatur belasten das Herz-Kreislauf-System. „Die Ursache ist die Luft, die wir in beheizten Räumen einatmen“, sagt Studienautor und Kardiologe Dirk Lewinski.
Durch häufiges Heizen und seltenes Lüften reichern sich Schadstoffe in Innenräumen stark an. Laut Umweltbundesamt ist die Belastung im Winter zwei- bis fünfmal so hoch wie im Sommer. Besonders betroffen sind Haushalte mit Holzöfen, Kachelöfen und Pelletheizungen. Diese Anlagen verursachen mehr als vierzig Prozent der gesundheitsschädlichen PM2.5-Emissionen.
PM2.5 steht für Feinstaubpartikel mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometern, die tief in die Lunge eindringen und laut der American Lung Association Asthmaanfälle, Herzinfarkte und Schlaganfälle auslösen können. Laut Statistik Austria betreiben rund 1,2 Millionen österreichische Haushalte solche Heizsysteme.
Auch wenn Rauch über den Kamin abzieht, bleibt ein Teil der Schadstoffe in der Luft. Beim Nachlegen von Holz, beim Entleeren der Asche oder durch undichte Ofentüren und Rohrverbindungen gelangen Feinstaub, Kohlenmonoxid und flüchtige organische Verbindungen in den Raum.
Während das Holz abbrennt, zieht der Kamin auch Luft aus der Wohnung und erzeugt dabei einen leichten Unterdruck. Der kann Schadstoffe durch Ritze wieder in die Wohnräume saugen. Durch Wind und geöffnete Fenster zieht der Rauch verstärkt zurück ins Haus.
„Durch diese Partikel entstehen Entzündungen im Blut. Dadurch können sich Ablagerungen in den Arterien lösen und den Blutfluss zum Herzen blockieren“, erklärt Lewinski. Die Folge kann ein akuter Infarkt sein.
Anderen Studien zufolge gefährden neben Schadstoffen auch starke Unterschiede zwischen Innen- und Außentemperatur das Herz. Betragen sie mehr als 17 Grad Celsius, ziehen sich die Blutgefäße abrupt zusammen. „Durch die plötzliche Kälte verengen sich die Gefäße krampfartig. Das erhöht den Blutdruck und belastet das Herz“, sagt Lewinski.
Frauen reagieren empfindlicher auf solche Schwankungen als Männer. Wer sich vor dem Hinausgehen warm anzieht und die Temperaturunterschiede abmildert, schützt das Herz.
In Alaska liegt die Herzinfarktrate etwas über dem US-Durchschnitt. Das hängt auch hier teilweise mit dem Heizen und teilweise mit den Temperaturunterschieden zwischen drinnen und draußen zusammen. In Alaska verstärken laut den örtlichen Gesundheitsbehörden Bewegung, kalorienreiche Ernährung und höherer Tabakkonsum den Effekt.
Menschen mit bereits geschwächtem Herz reagieren besonders empfindlich auf Schadstoffe und Temperaturschocks. Sie erleiden im Winter überdurchschnittlich oft einen Infarkt. „Nur zwei Drittel der Patienten nehmen die verschriebenen Mittel konsequent ein“, sagt Lewinski. Wer die Therapie zuverlässig fortführt, senkt das Risiko erheblich.
Um die Luftqualität zu verbessern, empfiehlt das Umweltbundesamt täglich mehrmals drei bis fünf Minuten Stoßlüften. Nur trockenes, naturbelassenes Holz gehört in den Ofen. Papier, beschichtete Hölzer oder Abfälle erhöhen die Schadstoffkonzentration deutlich.
Elektrische Wärmepumpen gelten aus medizinischer Sicht als die gesündeste Heizform. Sie verursachen keine Emissionen in Innenräumen und senken laut Untersuchungen des Umweltbundesamts und der Weltgesundheitsorganisation das Risiko für Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Gasetagenheizungen sind zwar sauberer als Holzöfen, können aber bei schlechter Wartung Kohlenmonoxid und Stickoxide freisetzen. Regelmäßige Kontrolle und gute Belüftung sind hier wichtung, um Vergiftungen und Reizungen zu verhindern.
Nicht nur Wohnungen, auch Autos sind im Winter von Schadstoffen betroffen. In stark beheizten Fahrzeugen lösen sich Feinstaub, Weichmacher und flüchtige organische Stoffe aus Kunststoffen. Wer auf Umluft stellt, hält zusätzlich Abgase im Wagen. Die Feinstaubwerte im Auto können doppelt so hoch sein wie draußen, zeigen Messungen des Deutschen Umweltbundesamts. Regelmäßiges Lüften und Frischluftzufuhr senken die Belastung auch hier deutlich.
Die Schadstoffmenge in Wohnungen oder Autos bleibt weit unter jener von Tabakrauch, die Wirkung ähnelt aber den ersten Stadien einer Raucherlunge. Babys und Kinder reagieren besonders stark auf verschmutzte Luft. Ihre Lungen und Abwehrsysteme befinden sich noch im Aufbau.
Schadstoffe wie Feinstaub oder Stickoxide dringen tief in die Atemwege ein, behindern das Lungenwachstum und fördern Entzündungen. Langzeitstudien aus Europa und den USA zeigen, Kinder in belasteten Haushalten entwickeln ein kleineres Lungenvolumen und erkranken häufiger an Asthma oder Bronchitis.
Wer regelmäßig lüftet, beim Heizen auf saubere Brennstoffe achtet, sich ausreichend bewegt und gegebenenfalls seine Medikamente besonders zur kalten Jahreszeit verlässlich einnimmt, ist aber auch im Winter bestens vor Herzinfarkten geschützt, so der Tenor aller Experten und Studien.
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