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Nach der Demo auf ein Glas Wein: Frankreichs Protestkultur

In den letzten Monaten macht Frankreich wieder von sich reden. Politische Instabilität, Sparpolitik und wachsende Staatsverschuldung treiben die Menschen auf die Straßen. Protest scheint dort fast schon Teil der politischen DNA zu sein. Aber woher rührt diese Leidenschaft fürs Demonstrieren? Und was bewirkt sie am Ende eigentlich?
Viktoria Bickel  •  25. November 2025 Volontärin    Sterne  22
Bilder wie diese sind in Frankreich keine Seltenheit, denn die Proteskultur ist dort sehr lebendig (Foto: Romane Corneillie)
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Es ist Samstagnachmittag, eiskalt, beim Ausatmen steigt eine weiße Atemwolke auf, und trotzdem sind die Straßen von Paris voller Menschen, in dicke Wintermäntel eingepackt. Sie halten Plakate in die Luft, man hört Musik, die Leute tanzen und singen. Man könnte meinen, es handele sich um ein Straßenfest, doch die Menschen demonstrieren. « Wem gehört die Straße? Sie gehört uns!», ruft die Menge. Heute geht es um sexualisierte Gewalt, ein anderes Mal um Klimagerechtigkeit, wieder ein anderes Mal um Budgetkürzungen. Eine Sache ist klar: In Frankreich wird demonstriert, und das nicht selten.  

Protestieren ist doch etwas ganz Alltägliches 

In Frankreich wird regelmäßig und viel protestiert. Eigene Websites kündigen wöchentlich an, was wann stattfindet. Wer Lust hat, auf die Straße zu gehen, hat oft sogar die Wahl zwischen mehreren Kundgebungen pro Tag. Eine Realität, die in Österreich, wo Proteste oft auf Skepsis oder zumindest Augenrollen stoßen, kaum vorstellbar ist. Politisch sein, gehört in Frankreich einfach dazu, und auf die Straße zu gehen ist «ein Mittel, etwas in einer Gesellschaft und in der Politik zu behaupten», wie eine Demonstrantin sagt, «einfach zu zeigen, dass wir, das Volk, da sind und dass man uns nicht unsichtbar machen kann

Während anderswo die Menschen am Wochenende bei Kaffee und Kuchen sitzen, mischen sie sich hier in die laute, lebendige Menge eines Protests.  «Es zeigt, dass man nicht allein ist. Die Energie der anderen ist ansteckend und tut sehr gut.» 

In Frankreich bedeutet Protestieren nicht nur politisches Engagement, sondern auch Gemeinschaft. Die Menschen kommen zusammen, bringen ihre Familien und Freunde mit, und gehen danach in ein Café, um weiterzudiskutieren. Es sind Alltagsrituale. «Ich erinnere mich, dass wir oft mit meinen Eltern, deren Freunden und deren Kindern demonstrieren gegangen sind und dass die Atmosphäre festlich und glücklich war», erzählt eine Demonstrantin über ihre ersten Berührungspunkte mit der Protestkultur. Wo man in Österreich samstags ein Bier trinken geht, da geht man hier eben mal auf eine Demonstration. Der Protest, und damit die Politik, sind Teil des Alltags, Teil der Gesellschaft. Und eigentlich sollte es doch auch so sein, oder? Politik sollte uns allen gehören, nicht nur denen ganz oben.  

«Schon als Kleinkind war ich auf Demonstrationen» 

«Ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie meine erste Demonstration war. Es war sehr bunt, und das war für ein Kind von etwa 10 Jahren unglaublich prägend», erzählt ein Mann. Auch heute noch bewegt er sich in «dieser Dynamik, Gewohnheit, Kultur des Demonstrierens». Das hat er auch an seine mittlerweile erwachsene Tochter weitergegeben, die sagt: «Ich demonstriere weiterhin – mit meinem Vater, mit Freunden, manchmal auch allein. Es ist etwas, das mir wichtig ist.» 

Von Eltern zum Vater, vom Vater zur Tochter – diese Familie ist offensichtlich besonders politisch geprägt. Aber auch sonst wird diese Kultur besonders beim Familienessen weitergegeben, darauf besteht auch der Soziologe Guy Groux: «In der Familie, besonders in politisch engagierten Familien, wird die Demonstrationskultur viel leichter weitergegeben.» 

Und das nicht erst seit gestern. Seit der Französischen Revolution scheint das französische Volk die Straße kaum mehr verlassen zu haben. Von den Arbeiterbewegungen im 19. Jahrhundert über die Studentenproteste der 1960er bis hin zu den Demonstrationen gegen die Rentenreform 2023, es findet sich immer einen Anlass, die Stimme zu erheben. 

Mehr Gründe, weniger Menschen 

Die Gründe auf die Straße zu gehen, häufen sich, in Frankreich, aber auch international. Dennoch sind die Menschen selbst in Frankreich unpolitischer geworden. Keine Frage, man geht hier immer noch mehr demonstrieren als in den meisten anderen Ländern, aber «früher war es ein globaleres Phänomen», meint eine Demonstrantin.

Heute gehen die Menschen meist nur für jene Themen auf die Straße, die sie persönlich berühren. Das bestätigen sowohl Demonstrierende als auch der Soziologe Groux. «Früher hatte man das Gefühl, dass alle demonstrierten. Das ist heute nicht mehr der Fall.»

Trotzdem: Auf die Frage, ob Demonstrieren überhaupt etwas bringt, meint eine junge Demonstrantin, man müsse sich vielmehr fragen, wer wir sind, wenn wir nicht auf die Straße gehen. «Für mich bedeutet es, meine Rechte wahrzunehmen.» Selbst, wenn eine Demonstration am Ende nichts konkret bewirkt hat, gehe es darum «, dass wir uns daran erinnern können, etwas getan zu haben, dass wir nicht untätig geblieben sind.» Sie spricht von einem kollektiven Gedächtnis, das dem Volk gehört und das die Politik ihm nicht nehmen kann. «Und wenn später alles schiefläuft, dann trägt die Politik die Verantwortung, und nicht wir, denn wir haben es versucht, und daran werden sich alle kommenden Generationen erinnern.» 

So wie Politiker ihre Bühne im Parlament und im Bundesrat haben, hat das Volk seine auf der Straße. In Frankreich verstehen die Menschen Demonstrationen als Raum, in dem Frust und Unzufriedenheit eine Stimme bekommen, in dem man sich versammeln und politisch wird. Es geht um Gemeinschaft, um Austausch und darum, ein Gegengewicht zu schaffen, damit die da oben nicht im Alleingang Politik machen.


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