Es ist 2017. Die Idylle der Urlaubsmetropole Sotschi bleibt vorerst noch ungetrübt von den Wirren des Ukraine-Kriegs. Wo heute Sirenen heulen und Touristen vor Raketen in Hotelkeller flüchten, veranstaltete Russland anlässlich des 100. Jahrestags der Oktoberrevolution die 19. Weltfestspielen der Jugend und Studenten. Umringt von jungen Zuhören aus aller Welt, richtet sich Präsident Wladimir Putin ans Publikum. „Die Gentechnik wird uns unglaublich Möglichkeiten eröffnen.“
Sein einst natur- beziehungsweise gottgegebenes Genom könne der Mensch inzwischen selbst verändern. Neue Medikamente könnten schon bald Erbkrankheiten heilen. „Das ist gut. Wir können uns aber ausmalen, was das bedeutet“, fährt Putin fort. „Es wäre möglich, Menschen mit gewünschten Eigenschaften zu erschaffen. Das kann ein Mathematikgenie, ein brillanter Musiker aber auch ein Soldat sein, der ohne Angst und Schmerzen kämpft. Wahrscheinlich betritt die Menschheit in naher Zukunft eine sehr komplizierte Phase ihrer Existenz. Und was ich soeben gesagt habe, könnte furchterregender sein als eine Atombombe.“
Gentechnologie ist eine von Putins Vorlieben. Im September schwärmte er mit Chinas Staatschef Xi Jinping über die Unsterblichkeit dank Organtransplantationen. (Foto: Shutterstock) (Foto: Shutterstock)
Nachzulesen ist das in der wissenschaftlichen Arbeit „Icarus’ Wings – Navigating Human Enhancement“, zu Deutsch etwa: „Ikarus Flügel – Orientierung im Umgang mit menschlicher Verbesserung“, die das Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement im April 2025 veröffentlichte. Als Teil der Wiener Landesverteidigungsakademie untersteht das Institut dem Bundesministerium für Verteidigung. Der Titel der Arbeit klingt zunächst nach schlechtem Science Fiction, hat aber einen ernsten Hintergrund.
Vormals realitätsferne Konzepte wie „Supersoldaten“ rücken in greifbare Nähe und könnten künftig zu sicherheitspolitischen Problemen heranwachsen. Deshalb arbeitete ein 21-köpfiges Expertenteam aus Technologie, Medizin, Gesellschaft, Recht, Ethik und Militär zwei Jahre lang unentgeltlich an Icarus Wings’. Das Ergebnis ist eine mehr als 500 Seiten lange Grundlagenarbeit.
„Der aktuelle technologische Fortschritt zwingt uns dazu, uns frühzeitig mit dem Thema Human Enhancement und dessen gesellschaftlichen Folgen und Risiken auseinanderzusetzen“, sagt Oberst Anton Dengg, Herausgeber von Icarus’ Wings, im campus a-Gespräch. Als „Human Enhancement“, also „Menschliche Verbesserung“ oder „Erweiterung“ bezeichnet er den Einsatz aller Methoden und Substanzen, die die körperlichen und geistigen Fähigkeiten eines Menschen über dessen natürliche Grenzen hinaus erweitern.
Angefangen bei KI-gesteuerten Drohnenschwärmen bis zur Beeinflussung ganzer Gesellschaften durch Desinformationskampagnen gestalten sich die Kriege der Gegenwart zunehmend komplexer. Je komplexer der Krieg, umso kostspieliger und zeitaufwändiger ist die Instandhaltung von Waffensystemen. Gleichzeitig verringert die Überalterung die Zahl wehrfähiger Bürger in westlichen Gesellschaften. Dementsprechend schwierig ist es im Kriegsfall, Verluste an Mensch und Material zu kompensieren.
Das zwingt Staaten, neue Methoden zum Erhalt ihrer Wehrkraft zu finden. Autonome Waffensysteme, teils auf Basis künstlicher Intelligenz, sind deshalb im Kommen. Vom Roboterhund bis zur Sprengstoffdrohne können solche Systeme selbstständig Entscheidungen treffen und bei Bedarf auch ohne menschliche Autorisierung töten. Doch es existieren laut Icarius’ Wings noch andere Wege zum Ausgleich des Soldatenmangels: Die Optimierung menschlicher Leistung.
Autonome Waffensysteme wie Roboterhunde oder Drohnen können zwar den Kampf übernehmen. Für die Einnahme von Gebieten braucht es jedoch nach wie vor Menschen aus Fleisch und Blut. (Foto: Wikimedia Commons/United States National Guard)
Die Medizin, insbesondere die Prothesentechnologie, bildet die Basis. Bionische Implantate könnten in Zukunft nicht nur fehlende Gliedmaßen oder Körperfunktionen ersetzen, sondern die Leistungsfähigkeit gesunder Menschen ins Übermenschliche steigern. Einige wenige „erweiterte“ Soldaten könnten etwa die selben Aufgaben erledigen, für die es ansonsten ein Vielfaches an „unbehandelten“ Soldaten bräuchte.
Motive, wie sie aus Film und Literatur bekannt sind, wirken damit unerwartet realistisch: Ähnlich einem Captain America oder RoboCop wären Soldaten von übermenschlicher Stärke, Ausdauer und Intellekt. Als de facto nächsthöhere Entwicklungsstufe des Homo Sapiens wären sie normalen Menschen chancenlos überlegen. Widerstand wäre zwecklos, soziale Spannung unausweichlich. Je weiter die Optimierung schreitet umso fraglicher ist, wie viel Menschlichkeit sich der neue Mensch bewahrt und inwieweit er die Existenz niederer menschlicher Lebensformen toleriert.
Verschmelzungen aus Lebewesen und Maschine, auch kybernetische Organismen genannt, sind längst keine Zukunftsfantasie mehr. Vom Herzschrittmacher bis zum Cochlea-Implantat, einer technischen Hörprothese, sind sie alltägliche, zumeist unsichtbare Erscheinungen. Schon 1995 bezeichnete die Literaturwissenschaftlerin N. Katherin Hayles etwa zehn Prozent der damaligen amerikanischen Bevölkerung per Definition als „Cyborgs“. Mit dem medizinischen Fortschritt steigt die Zahl fortschreitend.
War im Oktober 1958, vor 67 Jahren, der erste vollständig im menschlichen Körper implantierte Herzschrittmacher eine riskante Operation mit ungewissem Ausgang, so sind Herzschrittmacher heute Teil routinemäßiger Eingriffe. Die kommenden 67 Jahre könnten auf ähnliche Weise Technologien, die derzeit in der Testphase stecken, in den Alltag holen.
Schon jetzt können Anwender biotechnischer Prothesen durch ihre künstlichen Gliedmaßen Berührungen wahrnehmen und diese per Verbindung zur Nervenbahn bewegen. Einstweilen versuchen sich Unternehmen wie Neuralink von Multimilliardär Elon Musk an der Entwicklung der ersten stabilen Gehirn-Computer-Schnittstelle. In aktuellen Testphasen sollen im Gehirn verpflanzte Computerchips gelähmten Menschen die Bedienung mechanischer Arme oder das Spielen von Videospielen ermöglichen. Haben die Versuche Erfolg, folgt die Einführung am Massenmarkt. „Gechippte“ Menschen wären dann körperlich unveränderten überlegen. Zu den erhofften Fähigkeiten zählen die neuronale Verknüpfung mit digitalen Geräten oder die Verstärkung kognitiver Leistung.
Der gelähmte Nathan Copeland erhielt 2015 als einer der ersten Mensch eine Hirn-Computer-Schnittstelle, die ihm die Bedienung eines Computer samt Roboterarm ermöglicht. (Foto: APA-Images / AFP / UPMC)
„Damit sich derartige Human Enhancement-Technologien auch in europäischen Militärs durchsetzen, müsste sie die Zivilgesellschaft akzeptieren“, sagt Oberst Dengg. „Mit den ersten medizinischen Erfolgen dürfte die Akzeptanz von selbst kommen.“ Wie bei jeder technologischen Innovation gäbe es aber ebenso Nachteile.
So wie sich ferngesteuerte Multicopter-Drohnen ausgehend der 2010er Jahre von beliebter Unterhaltungselektronik zur Waffengattung entwickelten, könnte auch Human Enhancement schnell zur Waffe werden. Im Fall bionischer Prothesen wäre das Ziel nicht mehr die Rekonstruktion verlorener Körperfunktionen, sondern die Steigerung menschlicher Leistung.
Insbesondere die USA, China und Russland unterhalten seit Jahrzehnten Pilotprojekte zur Kampfkraftsteigerung ihrer Armeen. Gegenwärtig liegt der Schwerpunkt der Leistungssteigerung noch außerhalb des menschlichen Körpers. Exoskelette helfen etwa als mechanisches Außengerüst beim Heben schwerer Lasten. Helmbildschirme erweitern die Wahrnehmung von Infanteristen, indem sie die aktuelle Position von Truppenkameraden und taktische Informationen einblenden.
Militärs und Experten sehen den nächsten Schritt in Eingriffen innerhalb des menschlichen Körpers. Laut Icarus’ Wings könnten Sicherheitskräfte und Katastropheneinsatzgruppen künftig durch implantierte Sensoren besser hören, sehen und kommunizieren. Technologische Schlafoptimierung macht den Soldat der Zukunft in Extremsituationen länger einsatzfähig, während bionische Implantate mittels elektrischer Signale die Kontraktion der Muskeln verstärken und seine Kraft erhöhen.
Exoskelette zeigen, wie fließend die Grenzen zwischen ziviler und militärischer Nutzung sind. Seit Jahrzehnten versuchen sich Armeen und Industrie an der Entwicklung massentauglicher Exemplare. (Foto: Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ergosant%C3%A9_Exosquelette-13.jpg))
Zur beschleunigten Wundheilung könnten nanotechnologische Implantate den menschlichen Körper auf molekularer bis atomarer Ebene manipulieren sowie Wachstumshormone, Medikamente und Aufputschmittel freisetzen. Gleichermaßen ließe sich das Schmerzempfinden reduzieren oder gänzlich deaktivieren.
Die Gentechnik bietet ebenso Chancen zur Optimierung. Die benötigte Technologien existiert bereits, etwa die Genschere CRISPR/Cas9. Die Schere kann DNA-Sequenzen gezielt verändern oder neue Gene einfügen. Vorerst findet sie vor allem in der Bekämpfung von Krebs und Sichelzellenanämie sowie in der Landwirtschaft Anwendung. Sie könnte genauso bei Soldaten Kraft, Reaktionsgeschwindigkeit oder Intelligenz erhöhen.
Der Weg zum genetisch maßgeschneiderten Soldaten ist jedoch weit. Die genaue Funktion menschlicher Gene ist noch unzureichend erforscht. Die ethischen Richtlinien der meisten Staaten verhindern eine missbräuchliche Forschung am menschlichen Erbgut. Außerdem führt CRISPR bei unvorsichtiger Anwendung zu Mutationen oder Krebserkrankungen.
Neben dem Versprechen des Übermenschen steht auch das Risiko der Abhängigkeit. Die Produzenten von Human Enhancement Technologien hätten unweigerlich Macht über all jene, die sie nutzen. Handelsembargos, Engpässe und Erpressung könnten ganze Streitkräfte und Gesellschaften lahmlegen, heißt es in Icarus Wings.
Im Fall des im Gehirn verpflanzten Computerchips eröffneten sich besondere Gefahren. Wäre die Technologie ähnlich dem Smartphone einer breiten Masse zugänglich, könnte eine einzige Manipulation gesamtgesellschaftliche Schäden anrichten. Hacker-Angriffe wären nicht mehr auf Computer beschränkt, sondern könnten in den menschlichen Geist von Millionen eindringen. Angreifer könnten im Gehirn ihrer Opfer zum Beispiel Angst, Depressionen oder Überdruss „freischalten“.
Trotz aller Zukunftsvisionen möchte Dengg die eigentliche Absicht der Publikation nicht aus dem Blick verlieren. „Unser Augenmerk liegt nicht auf der Entwicklung von Supersoldaten, sondern auf der Verteidigung“, betont er. Die Aufgabe von Icarus’ Wings bestehe vor allem darin, Gesellschaft und Führungskräfte auf die Thematik aufmerksam zu machen. „Wir fragten uns, was wäre, wenn eine feindliche Macht mit technologisch oder biologisch veränderten Streitkräften uns am Gefechtsfeld gegenüber steht?“
Oberst Dr. Anton Dengg ist seit 2004 Forschungsleiter am Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement an der Landesverteidigungsakademie. (Foto: Robert Gafgo)
Die Gefahr des „Supersoldaten“ gehe laut Dengg vor allem von Autokratien aus. „Autoritäre Systeme sehen das Militär als Werkzeug, mit dem sie Siege erringen und politische Machtgefüge nach ihren Vorstellungen formen.“ Ohne auf Menschenrechte achten zu müssen, könnten sie einfacher an biologisch oder technologisch optimierten Soldaten forschen.
Nach Einschätzung des Obersts wären solche Streitkräfte für Armeen demokratischer Staaten allein aufgrund ethischer Standpunkte keine Option. Es gibt aber einer Ausnahme: „Sollte ein Staat so weit gehen, erweiterte Soldaten in den Einsatz zu schicken, könnte das ein Wettrüsten auslösen, das letztlich alle Staaten zur Implementierung von Human Enhancement im militärischen Kontext drängt.“ Je nach Erweiterung wären optimierte Soldaten normalen Menschen haushoch überlegen. Auf Dauer bliebe keine andere Wahl, als den menschlichen Körper aufzurüsten.
Eine effektive Maßnahme gegen den technologischen Missbrauch sieht Dengg nur in strengen Regulierungsmaßnahmen. Die internationale Gemeinschaft müsste jegliche militärische Verwendung von Human Enhancement verbieten und mögliche Zugänge lückenlos überwachen.
Autoritäre Staaten wie China und Russland stehen wiederholt im Verdacht, an gentechnisch veränderten Soldaten zu forschen. (Foto: Wikimedia Commons/www.kremlin.ru)
Die mögliche Alternative zu einer Regulierung käme einem Albtraumszenario gleich. Laut Icarus’ Wings wäre der Worst-Case die freie Verfügbarkeit von Human Enhancement Technologie. Ohne eine wirksame Kontrolle könnten selbst Terrorgruppen ihre Anhänger optimieren. Als biotechnologisch aufgerüstete „Auserwählte Gottes“ hätten Fanatiker die Möglichkeit, Schmerz, Hunger oder Erschöpfung fast vollständig auszuschalten, während hormonelle Manipulation auf Dopingniveau ihre Leistungsfähigkeit bis an die Grenze der Menschlichkeit steigert.
Da keine Information über Art und Umfang der Manipulation existiert, müssten Sicherheitsbehörden stets vom Schlimmsten ausgehen. Nicht-tödliche Gewalt wäre keine Option. Es bliebe nur die vollständige Vernichtung aller Angreifer, egal ob menschlich oder erweitert. Die anschließende Paranoia schafft eine konstante Atmosphäre der Bedrohung, die die innere Sicherheit im Staat destabilisiert.
Weder Polizei noch Spezialeinheiten wären vorbereitet. In Österreich müsste das Bundesheer anrücken. „Letztlich birgt jede neue Technologie das Risiko des Missbrauchs“, sagt Dengg. „Ein Messer funktioniert nicht anders. Ich kann mir damit ein Butterbrot streichen oder jemanden verletzen.“
Nennenswerte Durchbrüche in der Human Enhancement-Forschung erwartet er frühestens in 15 Jahren. Aktuell ist die Technik zu unausgereift. Allein der Energiebedarf bionischer Implantate und Gehirnchips wäre mit heutigen Mitteln nicht zu stillen. „Auch wenn 15 Jahre in weiter Ferne zu liegen scheinen, müssen wir trotzdem rasch handeln“, warnt Oberst Dengg. Studierenden empfiehlt er, sich schon jetzt mit Icarus’ Wings zu befassen. „Unsere Publikation könnte ein kleiner Goldschatz sein. Als Grundlagenarbeit bietet sie verschiedene Anknüpfungspunkte von Medizin über Wirtschaft bis Philosophie.“
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